23.07.2020

Wie das "Adler-Fass" auf die Strahlenburg kam

"Burgherr" Gilbert Lauer hatte die Idee - Seine Familie kam vor 90 Jahren in den Besitz der Ruine - Turmsanierung momentan nicht finanzierbar

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es war nicht nur Millimeter-Arbeit, es war auch eine Familienangelegenheit, als am Sonntag das Fass aus dem ehemaligen Hotel "Schwarzer Adler" auf die Strahlenburg geschafft wurde. Denn Gilbert Lauer und seinen beiden Brüdern gehört die Burg – als eine der wenigen an der Bergstraße ist sie in Privatbesitz.

Auf die Idee, das Holzfass auf die Strahlenburg zu schaffen, war Gilbert Lauer nach der Lektüre des Artikels gekommen: Dessen jetziger Eigentümer Johannes Jäck hatte im Internet nach Käufern Ausschau gehalten: "Meine Frau hat gemeint, das Fass passt doch gut auf die Burg. Dann habe ich mit den Jäcks geredet – und die konnten sich das vorstellen." Schließlich hatte Johannes Jäck auch gegenüber der RNZ den Wunsch geäußert, den 2,50 Meter hohen, 2,20 Meter langen und 1,60 Meter breiten Trumm den Schriesheimern zu erhalten. Nun steht das Fass, sozusagen als Dauerleihgabe, auf der Veranda der Burg – und die Jäcks werden zum Dank mal zum Essen eingeladen.

Und so packten neben den Brüdern Max und Johannes sowie ihrem Vater Peter Jäck auch die in halb Deutschland verstreute Lauer-Familie, alles in allem gut 15 Personen, am Sonntag an. Das war insofern praktisch, als dass gerade die mittlere Burgterrasse neu gefliest werden musste und genügend Arbeitskräfte vor Ort waren. Der Fasstransport war indessen schwieriger als gedacht: "Wir hatten mit einer Dreiviertelstunde gerechnet, aber am Ende haben wir drei Stunden malocht wie die Ochsen. Wenn die Jäcks nicht eigene Rollbahnen mitgebracht hätten, hätten wir das niemals geschafft." Vor allem war es eine Fitzelarbeit, das Fass durch die Tore zu bringen. An einem, wenn auch nicht historischen, Durchgang musste man sogar mit dem Schlagbohrer ran, um einen Zentimeter mehr Platz zu schaffen. Um dem neuen Standort noch etwas mehr Würde zu verleihen, plant Lauer eine Erklärtafel: "Dazu muss ich aber noch mehr über das Fass recherchieren." Es wurde 1964 zum 1200-Jahr-Jubiläum Schriesheims – gleichzeitig wurde die Gemeinde zur Stadt erhoben – in Auftrag gegeben: Neben vielen Verzierungen sind auch hier die Namen des damaligen Bürgermeisters Wilhelm Heeger und seines Stellvertreters (und späteren Ehrenbürgers) Peter Hartmann sowie von 15 Gemeinderäten eingeschnitzt.

Mit dem ebenfalls im Fass eingravierten Schlossweingut Grüber hat Lauer durchaus eine gemeinsame Geschichte – und die verläuft über die Grafen von Oberndorff, die nicht nur seit 1828 selbst Schlossherren waren, sondern auch den Riesling an die Bergstraße gebracht hatten. Irgendwann zwischen dem Ersten und dem Zweiten Weltkrieg, wohl in den dreißiger Jahren, gab das Neckarhausener Grafengeschlecht seine Schriesheimer Besitzungen, zu denen auch der Madonnenberg gehörte, auf. Und Lauers Urgroßvater, Jakob Erdmann, der sich vorher für den Grafen um die Reben an der Strahlenburg gekümmert hatte, wurde plötzlich Besitzer des Schriesheimer Wahrzeichens – und seitdem gehört es der Familie.

Auf allzu große Unterstützung von Stadt oder Land beim Unterhalt der knapp 800 Jahre alten Ruine kann die Familie nicht hoffen, die einzige Einnahme ist die Pacht aus der Burgastronomie, die Ludger Evers betreibt – und die sich langsam von der dreimonatigen Zwangsschließung erholt. "Wenn Sanierungsarbeiten anstehen, müssen wir Urlaub nehmen und selbst anpacken", berichtet Lauer, der selbst Chemiker und jetzt Geschäftsführer der Schriesheimer Softwarefirma Idicos ist.

Auch als vor sieben Jahren Teile der nicht historischen Burgmauer wegsackten, mussten die Lauers in Eigenarbeit ran: "Ein Glück, dass wir ziemlich viele und handwerklich geschickt sind." Eigentlich ist immer etwas zu tun, aber das größte anstehende Projekt wäre die Sanierung des Turms: "Man müsste ihn einschalen und den porösen Mörtel der Fugen erneuern, aber das ist gleich eine Sache von mehreren Hunderttausend Euro – und nicht finanzierbar." Deswegen hat er zwar große Sympathien für den Vorschlag von Friedrich Menges (siehe Leserbrief auf dieser Seite), den 27 Meter hohen Bergfried wieder zugänglich zu machen – wie es schon die SPD 2013, kurz vor dem 1250-Jahr-Jubiläum Schriesheims, gefordert hatte; die Stadt wollte damals kein Geld geben. Denn der Turm ist seit Jahren – trotz einer Teilsanierung Mitte der neunziger Jahre – für Besucher aus Sicherheitsgründen gesperrt, nachdem sich ein Stein aus dem lockeren Fugenwerk gelöst hatte. Die alte Treppe und die Aussichtsplattform sind natürlich noch erhalten. Ab und an klettert Lauer auch mal hoch, um die Fahne zu hissen.

Also denkt Lauer darüber nach, ähnlich wie bei der Dossenheimer Schauenburg, einen Förderverein oder einen Arbeitskreis zu gründen, der sich der Dauerbaustelle Burgsanierung annimmt: "Das Problem ist weniger das Geld für Material als vielmehr die Leute, die hier anpacken." Daran, die Burg aufzugeben, hat Lauer noch nie gedacht: "Ich bin auf ihr aufgewachsen, ich habe eine starke emotionale Bindung. Wir verdienen nichts an ihr, aber ein Verkauf ist für uns kein Thema."

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung