17.08.2020

Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim: Das wohl ungewöhnlichste Schuljahr aller Zeiten

Jürgen Sollors Fazit: "Dauernd war Krisenmanagement gefordert" - Präsenzunterricht doch effektiver als "Homeschooling"

Von Maren Schenk

Schriesheim. Die im Frühjahr begonnene Sanierung des Kurpfalz-Gymnasiums, die Corona-Pandemie mit Schulschließung und Online-Beschulung – das vergangene Schuljahr war in jeder Hinsicht besonders. Im RNZ-Interview spricht Jürgen Sollors (63) über die Herausforderungen – zum letzten Mal als Schulleiter, denn am 31. Juli hatte er seinen letzten Arbeitstag vor dem Ruhestand. Wegen der Corona-Bestimmungen durfte keine offizielle Verabschiedung stattfinden.

Wie beeinflusste die begonnene Sanierung bisher den Schulalltag?
Der geplante Umzug in die Container musste ja bekanntlich von Weihnachten auf Ostern verschoben werden. Dadurch waren der Umzug und der Beginn der Schulschließungen wegen Corona fast gleichzeitig. In den Osterferien war richtig viel los: Die Verwaltung und die Hälfte der Klassenzimmer sind in die Container umgezogen – inklusive Telefon, Netz usw.. Das war sehr belastend – vor allem, weil gleichzeitig das Abitur vorbereitet werden musste. Aber die Umzugsfirma hat gute Arbeit geleistet. Und gerade haben wir die letzten Kisten ausgepackt, da nun auch die Spinde für die Lehrer stehen.

Mitte März mussten ja sehr kurzfristig alle Schulen geschlossen werden. Wie verliefen die Abitur-Vorbereitungen unter Corona-Bedingungen?
Die Organisation konnte nicht mit der üblichen Routine durchgeführt werden, dauernd war Krisenmanagement gefordert – da sich die Situation immer wieder änderte und neue Vorgaben vom Kultusministerium kamen. Als dann im Mai wieder eingeschränkt Präsenzunterricht starten konnte, standen die Oberstufen-Jahrgänge im Fokus und bei der Jahrgangsstufe 2 die Prüfungsfächer. Die Prüfungstermine wurden von April auf Ende Mai verschoben. Offensichtlich hat sich die Pandemie aber nicht dramatisch auf das Abitur ausgewirkt, denn der Notendurchschnitt war mit 2,2 richtig gut. Zum Vergleich: Der Landesschnitt ist 2,3. Glückwunsch an die Schülerinnen und Schüler – aber auch an das Kollegium! Alle Schüler blieben gesund. Viele Schüler berichteten mir, dass sie in der Zeit gut lernen konnten.

Und wie sah es bei der Jahrgangsstufe 1 aus, die nächstes Jahr Abitur macht?
Ab 4. Mai erhielten diese Schüler wieder Präsenzunterricht im wochenweisen Wechsel mit Homeschooling. Das hat gut geklappt. Fast alle Fächer wurden unterrichtet und auch Klausuren in diesem Jahrgang geschrieben. Denn diese Noten zählen ja zum Abitur. Inzwischen wurden auch die Termine für die nächsten Abiturprüfungen 2021 verschoben. Die für das Abitur relevanten Unterrichtsinhalte konnten meines Wissens nach durch Präsenz- und Zuhause-Unterricht vermittelt werden.

Für die jüngeren Schüler gab es lange nur Homeschooling. Erst nach den Pfingstferien Mitte Juni fing der Präsenzunterricht wieder an: alle drei Wochen eine Woche lang für je drei Stunden, im Wechsel mit zwei Wochen Fernlernen. Wie hat das funktioniert?
Wir haben wie erwartet festgestellt: Präsenzunterricht ist wesentlich effektiver. Nach anfänglichen technischen Schwierigkeiten funktionierte die Online-Beschulung nach Aussage des Elternbeirates gut. Als dann aber im Juni auch der Präsenzunterricht für alle wieder anfing – mit geteilten Klassen, im Wechsel mit Homeschooling – ging es zu Lasten des Unterrichts zuhause. Die Lehrer waren vor allem im Unterricht in der Schule gefordert. Es gab insgesamt noch zu wenige Rückmeldungen von den Schülern an die Lehrer, zu wenige Online-Konferenzen, sodass das Zusammenhörigkeitsgefühl gelitten hat. Aber jeder einzelne Lehrer hat in der Krise dazugelernt.

In den letzten beiden Sommerferien-Wochen sind laut Kultusministerium "Lernbrücken" vorgesehen. Was ist das?
Dies ist ein freiwilliger "Nachhilfe-Unterricht" für Schüler, die größere Lücken im Lernstoff aufweisen. Auf Vorschlag der Lehrer der Hauptfächer und in Absprache mit den Eltern können Schüler drei Zeitstunden Unterricht pro Tag erhalten. Dafür haben sich einige Lehrer bei uns freiwillig gemeldet. Rund 25 Schüler kommen an unserer Schule dafür in Frage.

Wie schätzen Sie das Angebot ein?
Da steckt eine gute Absicht dahinter, aber die Umsetzung wird schwierig. Wie sollen Schüler unterschiedlicher Klassenstufen in unterschiedlichen Fächern unterrichtet werden – von den freiwilligen Lehrkräften, die eventuell andere Fächer unterrichten? Ich habe wenig Hoffnung, dass viel Lernstoff hinreichend ausgeglichen werden kann. Aber es ist besser als gar nichts.

Nach den Ferien soll nach Kultusministerin Susanne Eisenmann in der Regel wieder Präsenzunterricht stattfinden – "Regelbetrieb unter Pandemiebedingungen". Wie soll der aussehen?
Ohne Abstandsgebot unter den Schülern, aber in möglichst festen Gruppen, mit Pflicht einer Mund-Nasen-Bedeckung für alle außerhalb des Unterrichts. Ich wünsche allen, dass es klappt und nützt!

Was ändert sich im nächsten Schuljahr?
Das Homeschooling, falls es doch wieder notwendig sein sollte, wird im nächsten Schuljahr benotet werden. Dieses Jahr durften hierfür keine Noten gegeben werden. Außerdem gibt es detaillierte Übergabeprotokolle über den Lernstand der Klasse für die nächste Klassenstufe. Wenn möglich, versuchen wir, die gleichen Fachlehrer in die nächsten Klassen einzusetzen. Nächstes Jahr werden zum ersten Mal die Abiturprüfungen nach den neuen Regeln stattfinden. Das heißt vor allem: mehr und andere mündliche Prüfungen. Jeder Schüler wird zweimal mündlich geprüft – bisher konnten Schüler die eine mündliche Präsentationsprüfung durch einen Seminarkurs ersetzen.

Was haben Sie aus der Corona-Krise gelernt?
Die Bedeutung der Online-Beschulung wird zunehmen – sie wird normal werden. Dazu muss aber die Akzeptanz bei Schülern, Lehrern und Eltern noch wachsen, und das Homeschooling muss professioneller werden. Es wird auch weiterhin freiwillige Fortbildungsangebote für Lehrkräfte in diesem Bereich geben müssen.

Aus verschiedenen Quellen gibt es nun Geld für die Digitalisierung der Schulen. Wie werden diese am Gymnasium eingesetzt?
Die Mittel werden für den Ausbau des WLAN an der Schule eingesetzt, aber auch für die Anschaffung weiterer Tablets. Ein Teil der bisher vorhandenen Tablets ist derzeit verliehen an Schüler, die zuhause keine Geräte besitzen. Beschleunigt durch Corona wird auch das pädagogische Netz der Schule neu strukturiert. Das verbessert insgesamt die Performance, und es erhält beispielsweise auch jeder Schüler nach den Ferien eine schulische E-Mail-Adresse. Das verbessert die Kommunikation und Organisation, außerdem ist die E-Mail notwendig für Anwendungsprogramme für die Schüler, die sie auch zuhause nutzen können.

Wie viele neue Fünftklässler werden nach den Sommerferien am KGS erwartet?
Insgesamt haben sich 104 neue Schülerinnen und Schüler angemeldet – trotz Sanierung! Wir werden wieder vier Klassen bilden können und mussten zum Glück keine Schüler abweisen wie im vergangenen Schuljahr. Das Kurpfalz-Gymnasium Schriesheim freut sich auf die Neuen.

Hintergrund:
> Jürgen Sollors leitete vom 14. September 2015 bis 31. Juli 2020 das Kurpfalz-Gymnasium. Sein Nachfolger ist seit 1. August Hans-Peter Kohl.
> Schülerzahl: 760, davon neue Fünftklässler: 104 (in vier Klassen)
> Lehrkräfte: 85 mank

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung