20.08.2020

Realschule Schriesheim: "Corona hatte durchaus positive Aspekte, aber es gab auch Verlierer - die Kinder"

Wie die Leiterin der Realschule, Petra Carse, auf das letzte turbulente Schuljahr zurückblickt - Daniel Schmitt ist ihr neuer Stellvertreter

Von Maren Schenk

Schriesheim. Die Corona-Krise brachte turbulente Zeiten für alle Schulen. Petra Carse, Leiterin der Kurpfalz-Realschule, berichtet im RNZ-Gespräch von den Auswirkungen im vergangenen Schuljahr, was sie im nächsten Schuljahr beschäftigen wird – und was eigentlich getan werden müsste. Unterstützt wird sie künftig von ihrem neuen stellvertretenden Schulleiter Daniel Schmitt, der am Anfang des Gesprächs dabei ist. Der bisherige Konrektor Michael Schneider ist nach elf Jahren an der Realschule am Ende des Schuljahres in den Ruhestand gegangen.

Herr Schmitt, sind Sie neu an der Schule?
Schmitt: Nein, ich unterrichte hier bereits seit 2009 Mathematik, Gemeinschaftskunde und IT. Die Stelle des Konrektors wurde bereits letztes Jahr ausgeschrieben. Daher konnte ich noch von meinem Vorgänger eingearbeitet werden.

Carse: Ich bin sehr froh, dass Kultusministerium und Regierungspräsidium so schnell über die Nachfolge entschieden haben. So haben wir einen nahtlosen Übergang.

Frau Carse, vor Kurzem haben Sie 66 Realschüler und drei Hauptschüler verabschiedet. Wissen Sie, was diese Jugendlichen nach der Schule machen?
Ungefähr die Hälfte der Schüler mit Mittlerer Reife besucht weiterhin die Schule, ein berufliches Gymnasium oder ein Berufskolleg, die andere Hälfte beginnt eine Ausbildung. Unsere Schülerin mit Hauptschulabschluss wird Erzieherin, ein Schüler beginnt eine Lehre, der andere wird ein Berufskolleg besuchen.

In der Realschule wird ja ab Klasse 7 auf G- und M-Niveau unterrichtet. Was bedeutet das?
Wir haben in jeder Klassenstufe nur wenige Schüler, die wir auf "grundlegendem Niveau" unterrichten, die meisten auf "mittlerem Niveau". In jeweils einer Mischklasse pro Stufe werden die Schüler in Mathematik, Deutsch und Englisch getrennt unterrichtet – aber das geht nur, solange uns Corona nicht wieder einen Strich durch die Rechnung macht. Denn wir brauchen dafür mehr Lehrer und mehr Klassenzimmer.

In allen Schulen finden ja trotz der großen Sanierung des Gymnasiums weiterhin Sanierungsmaßnahmen statt. Was wird in der Realschule saniert?
Bei uns wurde der Brandschutz verbessert. Und im Schuljahr 2021/22 bekommen wir einen neuen Eingangsbereich – wie der in der Grundschule.

Letztes Jahr klagten Sie über Vandalismus im Pausenhof. Hat sich da etwas getan?
Mit dem Bauzaun, der hier während der Schulschließung stand, war es besser. Nach den Sommerferien werden nachts Bewegungssensoren aktiviert, mit Fernüberwachung – wie in der Unterführung.

Mitte März wurden alle Schulen wegen der Corona-Pandemie geschlossen. Es begann eine turbulente Zeit. Wie hat der Unterricht im "Homeschooling" geklappt?
Recht gut – wir bekamen positive Rückmeldungen von Eltern. Wir nutzten die Homepage, eine Online-Plattform und auch Videokonferenzen zur Kommunikation mit den Schülern. Wenige Laptops haben wir an Schüler verliehen, die zu Hause kein Gerät hatten. Die Lehrer arbeiteten zu Hause mit privaten Endgeräten. Wir haben unsere Schüler inzwischen in unser Online-Bearbeitungsprogramm eingewiesen, sodass das Fernlernen beim nächsten Mal noch besser wird.

Nach den Pfingstferien begann der Präsenzunterricht für die Schüler der 9. und 10. Klassen, ab 16. Juni dann wieder für alle – im wochenweisen Wechsel mit Homeschooling. Wie lief das?
Wir unterrichteten wieder die Hauptfächer Mathematik, Deutsch und Englisch in der Schule, auch Technik, AES (Alltagskultur, Ernähung, Soziales) und WBS (Wirtschaft/Berufs- und Studienorientierung) – Französisch leider nur online, weil eine Lehrerin zur Risikogruppe gehört. Allerdings immer nur halbe Klassen – Mädchen und Jungen getrennt – wegen der Abstandsregeln. Es gab relativ wenig Irritationen. Die Hygieneregeln und das Abstandhalten im Schulgebäude wurden eingehalten. Was allerdings nicht so gut klappte, war das Abstandhalten im Pausenhof, da mussten wir immer wieder nachjustieren. Aber wir Menschen sind soziale Wesen – das Abstandhalten entspricht nicht unserem Naturell, besonders nicht bei Kindern!

Aus verschiedenen Quellen gibt es nun Geld für die Digitalisierung der Schulen. Wie setzen Sie es ein?
Über das Sofortausstattungsprogramm des Landes haben wir Laptops und iPads beantragt, die wir im Unterricht nutzen wollen, aber auch an Schüler ausleihen können – falls es wieder zur Schulschließung kommt. Die Stadt richtet uns die Musterlösung paedML des Landes ein – ein schulisches Netz für den multimedialen Unterricht in der Schule. Im nächsten Schuljahr richten wir auch neue Programme ein, zum Beispiel einen Online-Vertretungsplan, auch das digitale Klassenbuch ist in Vorbereitung. Außerdem soll das LAN/WLAN verbessert werden.

Welche Veranstaltungen fielen wegen Corona aus?
Leider fiel unser Schulfest, das normalerweise alle zwei Jahre stattfindet, im letzten Schuljahr aus. Wir hoffen, dass es 2022 wieder stattfinden kann, denn dann feiern wir 50 Jahre Kurpfalz-Realschule! Wir planen dann auch wieder eine Festschrift wie zum 40-jährigen Jubiläum. Corona-bedingt durften keine "Berufsorientierung an der Realschule" (Bors) stattfinden, kein England- und Frankreich-Austausch, keine Theaterbesuche und keine Singeklassen. Zum Glück waren die Abschlussfahrten der zehnten Klassen noch möglich, denn die waren im September.

Wie geht es im neuen Schuljahr weiter?
Die Abstandsregeln der Schüler untereinander werden aufgehoben, aber dafür kommt die Pflicht zum Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung für alle im Schulgebäude und im Hof – außer im Unterricht am Platz. Aber weiterhin wird es keine jahrgangsübergreifenden AGs geben, da die Schüler in möglichst konstanten Gruppen bleiben sollen – nur AGs im Klassenverband. Auch der Sportunterricht wird im Klassenverband stattfinden. In den Klassen 7 und 8, in denen Mädchen und Jungs getrennt sind beim Sport, werden wir die Klassen teilen und jeweils eine Woche Sport in der Halle und Sport online unterrichten.

Gibt es einen Plan B, wenn die Infektionszahlen wieder steigen?
Den erwarten wir dann von der Kultusministerin! Homeschooling wird dann zwar besser laufen als im Frühjahr, aber rund laufen wird es nicht. Ich hätte weiterhin kleinere Gruppen besser und sicherer gefunden.

Wie viele neue Schüler kommen nach den Ferien in die Realschule?
Nächstes Schuljahr starten 75 Fünftklässler bei uns, wieder in drei Klassen. Außerdem wechseln neun Schüler aus anderen Schulen oder Gemeinden zu uns. Die Fünftklässler werden wir am Mittwoch nach den Ferien in der Schulsporthalle begrüßen – mit Eltern und Abstand. Übrigens müssen wir bei allen neuen Fünftklässlern anhand des Impfpasses überprüfen, ob sie zweimal gegen Masern geimpft sind. Und bis 2022 müssen alle Schüler und ebenso alle Lehrkräfte ab Jahrgang 1970 dies nachweisen. Wenn nicht, müssen wir dies dem Gesundheitsamt melden.

Was haben Sie aus der Corona-Krise gelernt oder mitgenommen?
Dass es auch positive Aspekte gab: Man merkte, dass Menschen kreativ sind, wenn sie zurückgeworfen werden. Es kam wieder ins Bewusstsein, wie wichtig der Umgang mit Menschen und mit der Natur ist. Alte Familienrituale wurden reaktiviert. Man merkte, man kann sich aufeinander verlassen. Die Individualisierung ist zurückgegangen, viele lernten wieder den Wert von Gemeinschaft schätzen. Aber die großen Verlierer der Coronakrise sind die Kinder und Jugendlichen: Das normale Leben fehlte ihnen sehr, die Nähe, spontane Freude, ein spontanes Miteinander. Verwaiste Spielplätze, das tut mir weh. Ich hoffe, das kommt nicht wieder!

Was sollte man Ihrer Meinung nach tun, dass es bei (teilweisen) Schulschließungen beim nächsten Mal besser läuft?
Eigentlich brauchen wir mehr Lehrer, um solche Krisen meistern zu können. Dann könnten wir in kleineren Gruppen unterrichten – die Arbeit in Kleingruppen mit maximal 15 Schülern erwies sich als sehr effektiv. Auch die Geschlechtertrennung war manchmal gut, zum Beispiel in Mathe und Deutsch, da blühten manche Schülerinnen beziehungsweise Schüler auf. Außerdem müsste mehr für die Digitalisierung getan werden: Auch zu Hause sollte ein stabiles Netz überall verfügbar sein, sonst funktioniert das Fernlernen nicht. Ich mache mir Sorgen, wenn im Herbst die Erkältungszeit beginnt. Dann müssen Eltern erreichbar sein, um ihr Kind abzuholen. Wir sind auf die Zusammenarbeit mit Eltern angewiesen, um Krisen zu meistern. Ich hoffe sehr, dass wir die Schule nicht wieder schließen müssen. Eine Schule ohne Schüler ist schrecklich!

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung