24.08.2020

Corona-Krise: Wenn das alte Kinderzimmer zum Reisebüro wird

Corona-Krise: Wenn das alte Kinderzimmer zum Reisebüro wird

Schriesheimerin hatte sich in Mannheim-Sandhofen den Traum vom eigenen Reisebüro erfüllt - Dann kam Corona

Reiseprospekte statt Erinnerungsstücke: Jutta Grimmer arbeitet im ehemaligen Kinderzimmer ihres Sohns. F.: Dorn

Von Nadine Rettig

Schriesheim. Jutta Grimmer sitzt in dem ehemaligen Kinderzimmer ihres Sohns. Doch an ein Kinderzimmer erinnert hier wenig. Vielmehr wartet hinter der Tür nun ein voll ausgestattetes Reisebüro. Hinter dem Schreibtisch, der in der Mitte des Raums steht, locken die Titelseiten verschiedener Reisekataloge mit den schönsten Traumstränden. Dass aus dem Kinderzimmer mal ein Reisebüro wird, daran hat Anfang des Jahres noch niemand gedacht.

Denn zu diesem Zeitpunkt hatte Grimmer in Mannheim-Sandhofen noch die Räume für ihr eigenes Reisebüro, in dem sie auch einige Mitarbeiter beschäftigte. 2011 war sie vom Leutershausener Reisebüro "Roth’s Reisen" als Büroleiterin an den Standort Sandhofen gewechselt. "2013 habe ich es dann gekauft", erzählt sie noch heute stolz. Nachdem sie das Reisebüro drei weitere Jahre unter seinem ursprünglichen Namen geführt hatte, wagte sie 2016 den nächsten Schritt und verlieh dem Reisebüro ihren eigenen Namen.

"Zu diesem Zeitpunkt wussten die Stammkunden alle, dass ich immer noch da bin und nur der Name wechselt", erinnert sie sich. Und so fand man in Mannheim-Sandhofen fortan "Grimmer’s Reisewelt".

Heute ziert eine solche Plakette mit dem Namen die Fassade ihrer Privatwohnung in Schriesheim. Denn durch die Corona-Pandemie hat sich vieles geändert. "Aufgrund von Corona musste ich alles aufgeben", sagt Grimmer. Noch heute fällt es ihr schwer, an die vergangenen Monate zurückzudenken.

Ihre Mitarbeiter, die in Aushilfe für sie gearbeitet hatten, musste sie entlassen. Eine weitere Mitarbeiterin befindet sich noch zu 100 Prozent in Kurzarbeit, und das Kinderzimmer ihres Sohns wurde zum Reisebüro umfunktioniert.

Schon zuvor habe am Ende des vergangenen Jahres die "Thomas Cook"-Pleite die "Reisewelt" erschüttert und viele Reisende verunsichert, resümiert sie. Von Januar 2020 an habe sich die Buchungslage wieder normalisiert, doch lange konnte sich die Reiseverkehrskauffrau nicht daran erfreuen.

"Am 18. März haben wir die Nachricht bekommen, dass die Geschäfte geschlossen werden müssen", erinnert sie sich. Von ihrem Vermieter habe sie keine Rückendeckung erhalten, keine Chance auf Mietnachlass bekommen. "Es kam nur das Anraten, die Räume aufzugeben", berichtet sie.

Und so musste innerhalb kürzester Zeit das Kinderzimmer umgestaltet werden: "Das war ein großer Kraftakt." Denn zeitgleich mussten die Büroräume in Mannheim ausgeräumt und der Betrieb am Laufen gehalten werden, denn gerade zu dieser Zeit glühten bei den Reisebüros bezüglich Umbuchungen und Stornierungen alle Leitungen.

Doch inzwischen hat sich Grimmer in ihrem "neuen" Reisebüro gut eingefunden. Für ihre Kunden bietet sie sogar Beratungsgespräche zu Hause an: So fährt sie immer öfter zu ihren Kunden. Zudem arbeitet sie sich in neue Programme ein, die eine Kommunikation mit Kunden ohne Probleme ermöglicht, auch wenn diese in Zeiten von Corona häufig nur über Telefon und am Computer möglich ist.

Doch trotz der schweren Zeiten kommt für Grimmer Aufgeben nicht in Frage. "Nach der Schließung in Mannheim war die Überlegung schon kurz da, ob ich überhaupt weitermache", gibt sie zu. Doch im nächsten Augenblick ergänzt sie mit glühenden Augen: "Aber dafür liebe ich meinen Beruf viel zu sehr." Wie es weitergeht und ob sie am Ende der Krise wieder eine Ladenfläche anmietet, weiß sie noch nicht. "Momentan wissen wir alle in der Branche noch überhaupt nicht, wie es weitergeht", betont sie. Und bis dahin freue sie sich über jede Buchung. Egal ob es doch die Flugreise ans Mittelmeer sein soll, das Ferienhaus auf Sylt oder ein Camper für eine Rundreise.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung