25.08.2020

"Bürgermeisterstellvertreterin bin ich nicht, um Bürgermeisterin zu werden"

Interview mit Fadime Tuncer - Sie vertritt noch bis Mittwoch den Bürgermeister - Was die Höfer-Nachfolge angeht, hält sie sich weiterhin bedeckt

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Fadime Tuncer vertritt bereits seit vorletztem Sonntag und noch bis zum morgigen Mittwoch Bürgermeister Hansjörg Höfer, der im Sommerurlaub ist. Die 51-Jährige wohnt seit 1994, als sie noch in Heidelberg studierte, mit ihrem Mann in Schriesheim. Mittlerweile hat sie nicht nur eine Familie – die Tochter ist 20 Jahre und studiert, der 13-jährige Sohn geht noch zur Schule –, sie ist auch seit 2009 Stadt- und Kreisrätin der Grünen Liste. Und seit letztem Juli ist sie die Erste Stellvertreterin von Bürgermeister Hansjörg Höfer. Die Wahl war nicht unumstritten, denn sie wurde knapp vor Michael Mittelstädt (CDU) gewählt, der seitdem der Zweite Stellvertreter ist.

Die RNZ wollte von Tuncer wissen, was so eine Bürgermeisterstellvertreterin den ganzen Tag macht – und ob sie es sich vorstellen kann, selbst mal Bürgermeisterin zu werden.

Frau Tuncer, was macht ein Bürgermeister den ganzen Tag, also beispielsweise heute?
Das sind vor allem Verwaltungsabläufe, also genau das, was Herr Bürgermeister Höfer den ganzen Tag machen muss, nur ist bei ihm alles viel enger getaktet. Zudem ist es in der Sommerpause generell relativ ruhig. Ich stehe den Verwaltungsmitarbeitern für ihre Anliegen zur Verfügung, erledige, was anliegt, und bin offen für Gespräche.

Müssen Sie auch Sachen entscheiden?
Ja, aber nur dann wenn es in die Verfügungsgewalt des Bürgermeisters fällt. Dieselben Regeln wie für ihn gelten auch für mich.

Sind Sie dann jeden Tag und dann den ganzen Tag im Rathaus?
Dazu gibt es keine Vorschriften. Aber ich nehme mein Amt ernst. Deswegen bin ich zu den Kernzeiten im Rathaus, also vom 8.30 Uhr bis nachmittags. Das ist mein eigener Anspruch.

Was haben Sie denn bisher entschieden?
Zum Beispiel den Fristverlängerungsantrag bei der Sanierung des Gymnasiums. Der verschafft uns mehr Luft, weil wir weitere zwölf Monate herausholen könnten, falls etwas Unvorhergesehenes passiert – damit der Zuschuss nicht gefährdet ist. Und eine gute Nachricht ist auch, dass die Kindergärten ab Mitte September in den Regelbetrieb unter Corona-Bedingungen gehen.

Und wie sieht das aus?
Jedes Kind kann jeden Tag den Kindergarten besuchen. Bis 16.30 Uhr ist in allen Gruppen die Kinderbetreuung gewährleistet. Das ist ein großer Fortschritt. Wir hoffen, dass wir das, was wir an neuer Normalität erreicht haben, auch bewahren können. Denn wir beobachten genau die Corona-Fallzahlen. Deswegen gelten solche Bestimmungen auch immer unter Vorbehalt. Aber wir wissen auch: Dort, wo Regeln eingehalten werden, passiert nichts.

Macht es denn Spaß, Bürgermeisterstellvertreterin zu sein?
Ja! Vor allem die Zusammenarbeit mit den Menschen, also für sie unterstützend da zu sein.

Machen Sie denn auch Hausbesuche bei besonderen Jubiläen?
Wegen Corona ging das eine Zeit lang nicht. Letzte Woche habe ich eine Goldene und eine Diamantene Hochzeit besucht – natürlich mit Abstand. Und die Ehepaare haben sich sehr gefreut. Wir besuchen auch Mitbürger ab ihrem 90. Geburtstag, aber da gab es für mich aktuell noch keine Gelegenheit. Natürlich werden die Jubilare vorher gefragt, ob sie denn überhaupt angesichts der Pandemie besucht werden wollen.

Macht das mehr Spaß als Verwaltungsarbeit?
Das ist die Kombination aus Beidem. Verwaltung kann Spaß machen, wenn man offen und kreativ an die Sache herangeht. Es macht Spaß, sich mit den Rathausmitarbeitern auszutauschen und eine Lösung zu finden, es gibt immer einen Weg. Repräsentative Aufgaben machen Spaß – wenn man Empathie zu den Menschen hat.

Wie haben Sie denn den Schreibtisch des Bürgermeisters vorgefunden?
Aufgeräumt.

Was war denn das Aufregendste bisher?
Der Stromausfall am vorletzten Mittwochabend. Da kamen schon abends die ersten Anrufe, was passiert sei. Unser Feuerwehrkommandant Herr Scherer hatte mich auch schon informiert, es ist gut zu wissen, was los ist – und dann kann man auch am Telefon die Leute beruhigen.

Haben Sie schon mit dem Bürgermeister, der ja im Urlaub ist, telefoniert?
Ja, heute Morgen erst. Wir haben uns kurz ausgetauscht, und ich habe ihm berichtet, was alles los war. Und er war beruhigt, dass alles okay ist.

Apropos Urlaub: Wie werden Sie den verbringen?
Wir bleiben hier in Schriesheim und werden in der Umgebung einiges unternehmen. Hier ist es ja auch wunderschön. Eigentlich wäre ich im April zu meiner Familie in die Türkei gereist. Das wäre kein Urlaub, eher ein Familienbesuch gewesen. Aber wegen Corona habe ich den Flug storniert. Ich hoffe darauf, ihn im Herbst nachholen zu können. Aber jetzt, da sich vielleicht eine zweite Welle anbahnt, wird es doch eher nächstes Jahr. Kurz: Da ist alles noch offen.

Wenn Sie nun Bürgermeisterstellvertreterin sind, mussten Sie dafür Urlaub nehmen? Oder arbeiten Sie jetzt gleichzeitig noch im Wahlkreisbüro des grünen Landtagsabgeordneten Uli Sckerl?
Da läuft viel auf dem kleinen Dienstweg. Ich schaue, dass im Sckerl-Büro nichts liegen bleibt, schließlich liebe ich ja meine Arbeit. Also schaue ich immer wieder mal nach, was im Wahlkreis alles so angefallen ist. Da muss man flexibel sein.

Sie vertreten nun Bürgermeister Höfer zum zweiten Mal?
Zumindest, was den Sommer angeht, aber auch schon übers Jahr bei einzelnen Terminen. Man ist im Prinzip das ganze Jahr in Bereitschaft, Bürgermeister Höfer zu vertreten. Ich kann mich ziemlich schnell einarbeiten.

Haben sich die Wogen des letzten Jahres, als es um Ihre Wahl als Bürgermeisterstellvertreterin ging, geglättet?
Man spricht nicht mehr drüber. Und ich gebe mir die größte Mühe, dass die Wogen geglättet bleiben.

Wie ist das Verhältnis zu Ihrem Zweiten Stellvertreter, Michael Mittelstädt von der CDU?
Wir haben keine Probleme miteinander. Es ist meine Art, nach vorne zu schauen. Es geht auch nicht anders.

Und nun die Frage aller Fragen: Können Sie sich als Erste Stellvertreterin Höfers vorstellen, seine Nachfolgerin zu werden?
Ich fühle mich als Bürgermeisterstellvertreterin sehr wohl und konzentriere mich voll auf diese Arbeit. Es ist nicht meine Art, den zweiten Schritt vor dem ersten zu machen. Die Grüne Liste wird sich über die Bürgermeisterwahl Gedanken machen, aber nicht vor Ende dieses Jahres. Jetzt ist es noch zu früh.

Dann frage ich mal so: Könnten Sie sich denn vorstellen, Bürgermeisterin zu werden?
Ich hätte im letzten Jahr auch nicht daran gedacht, Stimmkönigin bei der Kommunalwahl zu werden. Und Bürgermeisterstellvertreterin bin ich nicht, um Bürgermeisterin zu werden. Ich fühle mich wahnsinnig geehrt, dieses Amt ausüben zu dürfen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung