01.09.2020

Schriesheimer Musiktage: Eindrucksvoll in jeder Hinsicht

Schriesheimer Musiktage: Eindrucksvoll in jeder Hinsicht

Höhepunkt war der Opernabend mit Gastsolisten des Mannheimer Nationaltheaters.

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. "Wow", "Super" und "Bravo" – das hörte man am Samstagabend am häufigsten. Nicht überstrapaziert, sondern unbedingt gerechtfertigt: Knapp 200 Besucher – 250 wären unter Corona-Bedingungen möglich gewesen – erlebten vor dem Zehntkeller einen Konzertabend, der seiner Überschrift "Belcanto Italiano" Ehre machte und den Organisationsaufwand des Kulturkreises belohnte. "Es ist nicht ganz voll, aber wir sind dennoch ganz zufrieden", sagte Pressesprecher Dieter Weitz. Er hatte den Kontakt zur Operndirektion am Nationaltheater Mannheim hergestellt und war dabei auf eine "tolle und unkomplizierte" Zusammenarbeit gestoßen.

Matteo Pirola, Pianist und Moderator des Abends, hatte die Dinge in die Hand genommen und in Schriesheim quasi eine kleine, sehr feine Außenstelle des Mannheimer Theaters errichtet. Mitgebracht hatte er Mitglieder des Solistenensembles, Künstler aus drei Ländern – Italien, Russland und Israel –, die alle Ansprüche des "Belcanto", sprich: des "schönen Gesangs", mit Liebe, Leidenschaft und beeindruckender Gesangstechnik erfüllten.

Zwischen "Sehr gut" und "Noch besser" passte da kein Blatt Papier, und auch Zuhörer wie Tom Feritsch, nach eigenen Angaben nicht der Opernfan schlechthin, würdigte uneingeschränkt die Leistungen auf der Bühne. "Ich finde es bemerkenswert: Man unterschätzt oft die Perfektion, die man als Sänger mitbringen muss. Man muss Passion haben." Die Schriesheimerin Viktoria Roenick kommentierte: "Unter diesen Umständen ist das alles sehr schön gemacht. Ich finde das sehr, sehr gut."

Am Piano war Matteo Pirola ein hellwacher Begleiter, Solointerpret und im gemeinsamen vierhändigen Auftritt mit seiner Frau Alyana Pirola als Gastmusikern schlicht mitreißend. Als die ersten Klänge von Gioachino Rossinis Oper "Der Barbier von Sevilla" erklangen und sich eine warme Baritonstimme Raum griff, hätte man an ein gestandenes Mannsbild denken mögen. Stattdessen betrat mit Ilya Lapich ein junger Mann im schicken Anzug die Bühne, der in den folgenden Stunden sein Publikum gesanglich und mimisch von den Stühlen riss. Nicht minder weich im Ton, umfangreich im Stimmregister und hoch agil auch Mezzosopranistin Shachar Lavi in den tragenden Rollen der Werke von Rossini und Mozart sowie auch die Gastsängerin, Sopranistin Evgenia Selina.

Kleine Gesten mit großer Wirkung, Witz und pfiffige Einfälle: Die Protagonisten des Abends setzten den Stil des Nationaltheaters, Zuhörer mit Handwerk, Humor und schrägen Ideen statt mit krawalligem Theaterdonner zu überzeugen, auch in Schriesheim zur Freude des Publikums fort. Schalk in den Augen und Feuer in den Stimmen – die Herzen der Zuhörer schmolzen trotz der kühlen Witterung wie Butter in der Sonne dahin.

"Alle Achtung – was Ihr da auf die Beine gestellt habt, ist Wahnsinn", flüsterte Dieter Weitz‘ Gegenüber ihm in einer kurzen Pause zu. Fraglos, was der Kulturkreis hier mit seinen "Ersten Schriesheimer Musiktagen" und seinem ersten Ausflug ins Opernfach da ablieferte, war ziemlich grandios. "Wir hätten uns noch mehr Zuschauer gewünscht, aber heute Abend sieht es richtig toll aus", sagte eingangs Vereinsvorsitzende Gabriele Mohr-Nassauer. Ihr war es auch wichtig, Danke zu sagen: Der Stadt, Helfern und Unterstützern. Beispielsweise Piano Mertens, dessen Inhaber Reiner Mertens am Ende des Tages auf sein Honorar fürs Leihklavier verzichtete, um es lieber dem Kulturkreis zu spenden. "Wir haben in dieser Zeit eine unglaubliche Tatkraft und Gemeinschaft erlebt", resümiert Mohr-Nassauer.

Eine Solidarität, deren positive Grundstimmung möglicherweise auch diesen so emotionalen wie professionellen Opernabend prägte: ein fröhliches Musikereignis mit großen Opernmelodien von Bellini bis Verdi und beeindruckenden Piano-Überraschungen. Stimmungsvoll in jeder Hinsicht – und als Eintagsfliege echt zu schade.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung