02.09.2020

Wie die Eltern die Schule in Corona-Zeiten bewerten

Gesamtelternbeiratsvorsitzender fordert eine bessere Ausstattung mit Computern - "Am Präsenzunterricht führt kein Weg vorbei"

Von Maren Schenk

Schriesheim. Plötzliche Schulschließungen im März, Homeschooling, ab Mai klassenweise Rückkehr an die Schulen mit Wechsel von Präsenz- und Online-Unterricht – die Corona-Pandemie forderte das Schulleben heraus. Die RNZ sprach mit Patrick Schmidt-Kühnle, dem Vorsitzenden des Gesamtelternbeirates der fünf Schriesheimer Schulen seit 2018. Er berichtet von den Rückmeldungen der Eltern und Schüler, erklärt, was gut und was weniger klappte – und wie nun das Kultusministerium gefordert ist.

Wie kamen die Schriesheimer Schulen bisher mit der Corona-Krise zurecht?
Die Schulleiter und alle Beteiligten haben mit viel Energie an der Umorganisation der Schulen während der Corona-Krise gearbeitet – und ordentlich was gewuppt. Die Zusammenarbeit zwischen den Schulleitern und uns Elternbeiräten war gut, die Kommunikation eng und schnell.

Wie klappte das Homeschooling während der Schulschließungen?
Die ersten Wochen waren eine besondere Herausforderung. Alle mussten sich erst einmal umstellen: Schüler, Eltern, Lehrer. Aber die Schulen haben einiges getan: Sie organisierten zum Beispiel Fortbildungen für Lehrer zum digitalen Unterricht. Etliche Lehrer waren sehr engagiert und haben in kürzester Zeit einen Super-Unterricht aus der Ferne geschafft. Einige Lehrer mussten sich erst in die neuen Unterrichtsformen einfinden. Und dann gab es aber auch Lehrer, von denen die Schüler nicht viel mitbekommen haben. Insgesamt gab es das ganze Spektrum an Engagement. Was mir viele Eltern berichteten: Nicht immer klappte das Feedback von Lehrern an ihre Schüler. Aber ohne Rückmeldung funktioniert ein Unterricht aus der Ferne nicht.

Woran könnte das liegen?
Ein grundsätzliches Problem ist: Im Gegensatz zu jedem größeren Unternehmen in Deutschland, das auf Homeoffice umgestellt und seine Mitarbeiter mit Geräten inklusive entsprechend sicheren Programmen ausgestattet hatte, stellt der Arbeitgeber von Lehrern, das Land, seinen Mitarbeitern, den Lehrern, keine Geräte zur Verfügung. Lehrer müssen ihre Privatgeräte nutzen – und sich um Datenschutz und Sicherheit selbst kümmern. Es gibt zwar Vorgaben vom Land, was beachtet werden muss, aber für die Umsetzung sieht sich das Land nicht zuständig. Ein Unding!

Ab Mai gab es wieder schrittweise Präsenzunterricht – im Wechsel mit Homeschooling. Wie lief das aus Eltern- beziehungsweise Schülersicht?
Die meisten Kinder gingen nach der Schulschließung wieder gern in die Schule! Alle merkten: Am Präsenzunterricht führt kein Weg vorbei. Der Fokus sollte auf dieser Unterrichtsform liegen, er ist der wichtigste Bestandteil und gehört zu unserer Kultur. Denn sonst fehlt die soziale Komponente des Lernens. Ein komplett digitaler Unterricht funktioniert hierzulande nicht. Im Gespräch mit Lehrern wurde mir aber auch zurückgespiegelt, dass die digitale Kompetenz der Schüler nicht immer für den Online-Unterricht geeignet ist. Denn wer mit einem Handy umgehen kann, kann das noch lange nicht mit Videokonferenzen oder einem Computer. Daher sollten auch im Regelunterricht Videokonferenzen und andere digitale Formen des Unterrichts geübt werden.

Was hat während der Corona-Krise nicht funktioniert?
Das Kultusministerium! So gab das Kultusministerium am 22. Juni bekannt, dass es nun Fortbildungsangebote für Lehrer zur Nutzung digitaler Hilfsmittel gebe – viel zu spät. Schulleiter erfuhren manche Ministeriumsinformationen zur Schulorganisation zuerst aus der Presse, dann erst aus Stuttgart direkt. Außerdem sind die Vorgaben vom Kultusministerium oft vage, jede Schule muss sie den Umständen entsprechend umsetzen, was dazu führt, dass in den Schulen der Region teilweise unterschiedliche Regelungen herrschen – klarere Vorgaben und Unterstützung wären nötig!

Welche Probleme wurden durch die Corona-Krise deutlich?
Erstens: Man merkte, wie schlecht die digitale Ausstattung der Schulen ist. Es gibt für Lehrer keine Geräte vom Arbeitgeber, keine Programme, keinen Support. Zweitens: Die Personalressourcen sind schon lange knapp – es gibt zu wenige Lehrer. Schon seit Jahren zeigen Krankheitswellen – wie vor Kurzem an der Realschule –, dass es immer wieder zu Schulausfällen kommt. Nun kommt das Problem durch fehlende Lehrer hinzu, die zu einer Risikogruppe gehören und nur für den Online-Unterricht eingesetzt werden können. Und eigentlich sind kleinere Gruppen nötig – und daher mehr Lehrkräfte. Als Gesamtelternbeirat haben wir in einem Brief Ende Mai an Ministerin Susanne Eisenmann auf drei dringende Handlungsfelder hingewiesen: zügige Rückentwicklung zum regulären Unterricht, entschlossener Aufbau einer zukunftsweisenden digitalen Bildung und zukunfts- und krisensicheres Personalmanagement. Im Antwortschreiben vom Kultusministerium wurde auf das Personalmanagement nicht eingegangen!

Was sollte man besser machen im nächsten Schuljahr?
Da sehe ich das Kultusministerium in der Pflicht. Stichwort Digitalisierung: So sollten Lehrer mit Dienstlaptops ausgestattet und mehr Fortbildungen online organisiert werden, zum Beispiel: Wie organisiere ich digitalen Unterricht? Wie organisiere ich Feedback-Kultur? Auch der Informationsfluss vom Kultusministerium zu den Schulen und den Elternvertretern sollte besser werden. Warum gibt es zum Beispiel keinen Newsletter für Elternvertreter? Präsenz- und Online-Unterricht – das ist eine Frage der Organisation, aber dafür sind eigentlich mehr Lehrer notwendig. Lehrer, die zu einer Risikogruppe gehören, sollten mehr online unterrichten. Vielleicht könnte man für den Fernunterricht auch Lehrer von anderen Orten hinzuziehen, der Ort spielt ja keine Rolle. Allerdings wäre das ein großer organisatorischer Aufwand …

Wie sollte der Unterricht bei zunehmenden Infektionszahlen stattfinden?
Wenn Infektionsfälle an einer Schule auftreten, dann sollte man die Schulen nicht komplett schließen, sondern nur die betroffenen Klassen – das funktionierte ja gut bei den Fällen in Schriesheim vor Kurzem. Daher ist es auch wichtig, die Durchmischung der Klassengruppen möglichst gering zu halten, um Infektionsketten nachvollziehen und unterbrechen zu können.

Vor diesem Hintergrund erschließt sich mir ein Antwortschreiben vom Kultusministerium nicht. Ich hatte am 15. Juli darauf hingewiesen, dass am Kurpfalz-Gymnasium vier 9. Klassen im neuen Schuljahr zu drei größeren 10. Klassen werden sollen – und damit neu gemischt werden. Aus Pandemie-Sicht sind aber kleinere Gruppen besser, und eine Durchmischung ist zu vermeiden. Im Antwortschreiben wird auf den Organisationserlass hingewiesen. "Der Klassenteiler ist eine rechnerische Größe für die Ressourcenzuweisung an die Schulen." Das bedeutet: Eine Schule erhält so viele Lehrer, wie sie für eine bestimmte Klassenzahl benötigt – die nach dem Klassenteiler von 30 Schülern bestimmt wird (bei mehr als 30 Schülern wird eine Klasse geteilt, kleinere Klassen werden zusammengelegt).
"Der Schule obliegt die konkrete Klassenbildung." Das Kultusministerium schiebt die Verantwortung für Klassenzusammenlegungen der Schule in die Schuhe. Doch bei beschränkten Ressourcen – Lehrkräften – bleibt der Schule ja dann nichts anderes übrig, als die Klassen größer zu machen. Eine größere Flexibilität in der Ressourcenzuteilung wäre hier vorteilhaft – aber wegen des Lehrermangels wohl nicht möglich.

Was tut sich in Sachen Digitalisierung an Schulen?
Tatsächlich, es passiert etwas: Vertreter von Bund und Ländern haben sich am 13. August im Kanzleramt auf konkrete Schritte geeinigt, um die Digitalisierung an den Schulen zu beschleunigen. Wie die Deutsche Presse-Agentur aus Teilnehmerkreisen erfuhr, ist konkret geplant, dass
> jeder Lehrer einen Dienstlaptop bekommt,
> jedem Schüler ein günstiger Zugang zum Internet ermöglicht wird, der maximal zehn Euro im Monat kosten soll,
> jede Schule in Deutschland in Zusammenarbeit mit dem Bundesverkehrsministerium außerdem zügig an schnelles Internet angeschlossen werden soll.

Nun sind weitere Abstimmungsprozesse zwischen Bund und Ländern nötig – und dann die zügige Umsetzung. mank

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung