17.09.2020

Ein Tag bei der Weinlese mit den Schriesheimer Winzern

Mutige Fahrmanöver, kesse Sprüche und zufriedenstellende Ergebnisse: Die RNZ begleitete Winzer und Helfer bei der Lese.

Von Jasper Rothfels

Schriesheim. Mit dieser Nummer könnte Winzer Karlheinz Spieß auch an einem Schlepper-Geschicklichkeitsfahren teilnehmen. Der Schriesheimer hat bei der Lese am Berg mit dem Stapler-Anbau seines Traktors einen großen Bottich voller Trauben hochgenommen, dann fährt er langsam rückwärts durch eine steile Kurve den Hang hinab. Der Traktor neigt sich nach links, und der 1100-Liter-Bottich gerät in eine atemberaubende Schräglage, doch alles hält.

"Da muss man ganz schön fahren können", sagt Spieß’ Schwester Beate, die mit ihrem 19-jährigen Sohn Nikolas den Bottich von unten mit den Händen gestützt hat. Und Mut muss man haben, möchte man der zierlichen 51-Jährigen angesichts ihres Einsatzes zurufen. Für Spieß selbst ist es "ein klasse Tag". "Wir haben die Problemweinberge bei Trockenheit herbsten können", sagt der 55-Jährige: "Da haben wir schon anderes erlebt."

Die Lese in Schriesheim läuft, und die Qualität der Trauben stimmt die Winzer optimistisch. Es ist die Zeit des Sachverstands und der Erfahrung, aber auch der Geselligkeit, der Freundschaft und des Familiensinns.

All dies zeigt sich am Morgen, als Freunde und Verwandte in Spieß’ Wingert eintrudeln, um zur Traubenschere zu greifen. Der Mann mit dem T-Shirt-Aufdruck "Landwirt – nur ein Held fährt aufs Feld" liefert an die Winzergenossenschaft Schriesheim (WG), die ihren auf 130 Hektar angebauten Wein im Badischen Winzerkeller in Breisach ausbauen lässt. Er ist auch Vorsitzender der WG, die den Leseplan vorgibt.

Heute ist zunächst Rieslingsekt-Grundwein dran. Spieß erklärt den Helfern, worauf es beim Lesen der grünen Trauben ankommt. "Wenn ein großer Fäulnisherd drin ist, kratzen wir den auf den Boden", sagt er: "Der soll nicht in den Sektgrundwein." Mit Sprüchen, die derber klingen als sie gemeint sind, drückt er auf die Tube: "Später babbeln." Und: "Halbe Eimer zählen nicht."

Die Helfer nehmen es mit Humor. Neben Schwester Beate ist auch Bruder Klaus dabei, beide müssen später noch zur Arbeit. Familie und Freunde ließen einen nicht hängen, sagt Spieß, der mit Nikolas die vollen Eimer zum Bottich trägt. Mundschutz trägt hier unter freiem Himmel niemand. Auffällig ist der Anteil der Älteren. Bei der Lese seien oft Rentner dabei, denn wer eine Stelle habe, könne nicht immer freinehmen, sagt Spieß’ Vater Heinrich. Der 83-Jährige hilft ebenso wie seine 84 Jahre alte Frau, die mitunter eine Beere nascht, und deren Schwester mit Mann (beide 81).

Fast zwölf Stunden und einen Achsbruch später ist klar, dass der Rieslingsekt auf 83 bis 85 Grad Oechsle kommt, ein danach geernteter Müller-Thurgau erreicht bis 90 Grad. Spieß ist "vollauf zufrieden". Morgen geht es weiter, zum Dank für die Helfer gibt es im Herbst ein Abschlussessen. Die Lese der WG, von deren 120 Mitgliedern zehn hauptberuflich Winzer sind, läuft noch einige Wochen.

Ebenfalls per Hand wird der Grauburgunder von Georg Bielig gelesen, der auf rund vier Hektar Wein anbaut. Zu seinen 25 Helfern gehören an diesem Morgen neben seiner Mutter auch Jagdhornbläserfreunde. "Martin, mein Achtel hängt da!", ruft Bielig beim Anblick übersehener Trauben: "Schneid ab!". Die Qualität sei im Moment hervorragend, sagt der 44-jährige Nebenerwerbswinzer, der selbst ausbaut: "Wir haben super Voraussetzungen. Allerdings müssen wir aufpassen, dass die Mostgewichte uns nicht durch die Decke schießen." Die Weine würden sonst zu alkoholreich. Die Aromareife sei jetzt wichtiger. Deshalb soll jetzt schnell gelesen werden.

Wie andere Produzenten spürt Bielig die Folgen von Corona. Deshalb und wegen der ertragreichen und trockenen Vorjahre habe er früh einzelne Weinberge ausgedünnt, um den Ertrag zu verringern und die Qualität zu steigern. Als neues Angebot will Bielig, der nur ab Hof verkauft, bald auch einen alkoholfreien Traubensecco herausbringen.

Eine hervorragende Qualität meldet auch Max Jäck, der sein Weingut auf dem elterlichen Hof betreibt und selbst ausbaut. Seine acht Rebsorten wachsen auf etwa dreieinhalb Hektar. "Die Trauben sind kerngesund. Das freut nicht nur den Winzer, sondern auch die Lesehelfer", sagt Jäck, der sich bei der Ernte "auf der Zielgeraden" sieht. Etwa 70 Prozent seien schon gelesen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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