09.10.2020

Corona-Flugblatt: Schriesheimer bekamen "Post" von Bodo Schiffmann

Corona-Flugblatt: Schriesheimer bekamen "Post" von Bodo Schiffmann

Covid-19-Skeptiker antwortet auf Fragen der RNZ ausweichend - Bundesweite Aktion?

Dieses coronaskeptische Flugblatt lag in einem Schriesheimer Briefkasten.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Eine Schriesheimerin fand am Dienstag ein ungewohntes und ungewolltes Flugblatt in ihrem Briefkasten: Es stammt vom Sinsheimer Arzt Bodo Schiffmann, der mittlerweile als Corona-Skeptiker bekannt ist. Aber den klein gedruckten Absender bemerkte die Frau, die in den Fensenbäumen wohnt, erst später. Sie habe sich den Flyer einmal genauer angesehen, "da er auf den ersten Blick sehr seriös aussah". Aber dann kam die Ernüchterung: "Nachdem ich gelesen habe, dass ,zu viel getestet wird’, war mir klar, dass dieses Blatt aus unseriöser Quelle kommt."

Im Flugblatt wird behauptet, dass es keinen Anstieg von Corona-Erkrankungen gebe, sondern nur mehr getestet werde. Zudem verlaufe die "zweite Welle" ohne einen Anstieg der Todesfälle. Das kam der Frau seltsam vor: "Auf der zweiten Seite, unten ist ganz klein das Impressum gedruckt. Von diesem Arzt hatte ich in der Rhein-Neckar-Zeitung gelesen und war über ihn deshalb informiert." Ihr Fazit: "Ich finde es total rücksichtslos, solche Sachen zu verbreiten. Man muss nur die Zeitung lesen oder die Berichte im Fernsehen verfolgen, um zu wissen, dass dies so nicht stimmt."

Das Flugblatt wurde im gesamten Dreifamilienhaus in den Fensenbäumen, aber auch in der unmittelbaren Nachbarschaft verteilt, möglicherweise in ganz Schriesheim, eventuell auch in der Region. Genauere Angaben dazu wollte Schiffmann gegenüber der RNZ nicht machen. Er sagte auch nicht, wen er damit beauftragt habe, oder ob die Austräger – Schiffmann nennt sie "Freiheitsboten" – "auf eigene Faust" gehandelt hätten; er selbst kenne diese Leute nicht.

Auch über die Auflage des Flugblatts machte er, trotz mehrfacher Nachfragen der RNZ, keine Angaben. Er empfahl lediglich, dass diejenigen Haushalte, die keine "Post" mehr von ihm bekommen wollen, dies an den Briefkästen kenntlich machen sollten. Dabei beachteten diese Austräger die weitverbreiteten "Bitte keine Werbung"-Aufkleber wohl kaum. Zumindest schrieb der Sinsheimer Arzt der RNZ: "Da es sich nicht um Werbung handelt, führt dies scheinbar bei einigen der Freiheitsboten zu Irritation."

Diese Austräger sind ein allem Anschein nach ein Netzwerk, das über das Internet organisiert ist und vor allem über den Nachrichtendienst "Telegram" kommuniziert. Wie lose oder straff geführt das ist, bleibt unklar, aber es gibt Ortsgruppen, die die Verteilung organisieren. Dabei verwendet Schiffmann auf der Internetseite www.freiheitsboten.de einen denkbar unglücklichen, da historisch schwer belasteten Begriff für die Verantwortlichen vor Ort: "Ortsgruppenleitungen". In der NS-Zeit waren die Ortsgruppenleiter der NSDAP faktisch die Herren einer Kommune, die gegenüber den Bürgermeistern sogar Weisungsrecht hatten.

Bei Schiffmanns Flugzettelaktion geht man offenbar fast schon generalstabsmäßig vor: Es stehen vier professionell gestaltete Motive zur Wahl. Jede "Ortsgruppenleitung" muss mindestens 200.000 Stück bestellen, was wiederum zwei Europaletten mit einem Gewicht von je 250 Kilogramm entspricht. Diese sollten dann "auf Spaziergängen" verteilt werden. Laut der Freiheitsboten-Internetseite gibt es deutschlandweit momentan 401 Ortsgruppen, allein die im Rhein-Neckar-Kreis hat bei "Telegram" 174 Mitglieder. Da die "Freiheitsboten" diese riesigen Mengen an Flyern kostenlos bestellen können, drängt sich die Frage auf, wie Schiffmann das alles finanziert. Auch darüber machte er, trotz mehrfacher Nachfragen, gegenüber der RNZ keine Angaben.

Schiffmann hatte im Juni eine eigene Partei, "Widerstand 2020" gegründet, und wurde mit seinem hunderttausendfach geklickten "Youtube"-Videos zum Kopf der Coronaskeptiker. Einen Monat später distanzierte er sich, weil er die Unterwanderung durch Extremisten befürchtete. Einen Monat später gründete er eine neue, "Wir 2020". Als Hals-Nasen-Ohren-Spezialist mit Schwindelambulanz gilt der Sinsheimer Arzt als renommiert, allerdings gibt es im "Youtube"-Kanal der Ambulanz eine bunte Mischung aus Fachbeiträgen zu Schwindelerkrankungen und zu Corona.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung