17.10.2020

Bei dieser Führung lernen sogar noch Einheimische etwas

Geschichte und Geschichten: "Bawett" alias Heide Haala führte durch Schriesheim - Viel Romantisches war zu entdecken, aber auch Leerstände

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Eine gute und entscheidende Frage: "Wie lange muss man in Schriesheim wohnen, um ein Schriesheimer zu sein?" Die Gästeführerin Heide Haala alias "Bawett" antwortete mit einem Lächeln: "Immer." Allerdings, das Lächeln sah man nur in den Augenwinkeln, denn "Bawett" trug bei dem Rundgang in Corona-Zeiten Maske. Sieben Teilnehmer waren am Freitagabend dabei und blieben bis zum Ende der 90-Minuten-Führung, obwohl es nieselte. "Die zeigt uns Sachen, die wir noch nicht kennen," so ein Ehepaar.

Heide Haala ist Ur-Schriesheimerin: Nur der Vater kam als Flüchtling und verliebte sich in ihre Mutter. Die Familie ihrer Mutter wiederum lebt schon seit Jahrhunderten in dem Weinort. Wenn Heide Haala durch die Straßen und Gassen geht, sieht sie nicht nur Ortsgeschichte, sondern die Familien-Story und die eigene Biografie. Welche Häuser haben der Familie gehört? So zeigte sie auf das Haus ihres Urgroßvaters, wo "Bawett" mit drei Schwestern und fünf Brüdern großgeworden ist.

Das war in der schmalen Gasse "Mainzer Land". Doch der Start der Führung war vor dem neuen Rathaus. "Für Schriese ist 764 eine wichtige Zahl." Damals wurde der Ort in einer Schenkungsurkunde an das Kloster Ellwangen erstmals schriftlich erwähnt. Erst 766 folgten weitere Schenkungen an das Kloster Lorsch, das gerade gegründet wurde. Ein weiteres wichtiges Datum: Das Jahr 1964! Zur 1200-Jahr-Feier erhielt Schriesheim, das endlich seit 1470 wieder zur Stadt erhoben wurde, den neuen Messplatz, das neue Rathaus folgte später. Hinter dem Rathaus befindet sich ein Gedenkstein für den Ehrenbürger Peter Hartmann (1914 bis 2018), der bei den Bauern für das Projekt geworben hatte, bis sie die Grundstücke dafür hergaben und an die Gemeinde verkauften.

Doch die Geschichte Schriesheims reicht bis in die Römerzeit zurück. "Bawett" führte ihre Gruppe ins Untergeschoss des Rathauses, wo der Keller einer Villa Rustica nachgebildet ist. Zeugnisse der römischen Vergangenheit waren bei Bauarbeiten an der A5 entdeckt worden. Eine originelle Idee, die Vergangenheit ins Rathaus einzubauen!

Weiter ging es zum Steg entlang "dem" oder "der" Kanzelbach. Das Steg-Projekt war, wie einiges in Schriesheim, sehr umstritten – doch nun wird der Steg seit 2001 als Alternative zur Talstraße gut angenommen. Er führt zu einer früheren Ölmühle. "Hier stand seit über 500 Jahren eine Mühle, doch 1850 brannte sie ab. Erst nach drei Tagen gelang es den Menschen, den Brand mit Erde zu löschen." "Bawett" kann sich noch erinnern, dass sie als Kind mit einer Kanne in der Mühle Rapsöl holte. 2004 wurde das Mühlrad restauriert.

Es ist eine Überraschung: Wieder und wieder stehen Häuser schon seit vielen Jahren ganz oder teilweise leer, manchmal direkt neben renovierten und sanierten Schmuckstücken. An der "Gailsbrigg" (Gail für Pferde) ging der Blick in Richtung Branich: "Dort hatten die Mannheimer früher ihre Wochenend-Häuschen. Nachdem Mannheim im Zweiten Weltkrieg stark zerstört worden war, kamen einige Mannheimer hierher – und sind geblieben." Die Gruppe querte die Talstraße und ging am Musik-Pub vorbei. "Hier war die erste Eisdiele von Schriesheim, da war was los", so "Bawett". Ein romantischer Durchgang führte zum Museum Theo Kerg. "Der Maler aus Luxemburg war ein Schüler von Paul Klee. Er kam über seine Lebensgefährtin und ein befreundetes Ärzteehepaar nach Schriesheim, wo er die Möglichkeit fand, seine Bilder auszustellen." Eine Frau aus der Gruppe: "Wahnsinn!".

Der Weg führte weiter zur Strahlenberger Grundschule, die 1877/78 erbaut worden ist. "Bawett" weiß noch: Als Kind musste sie mit den anderen Kindern im Schulhof in Reihen laufen. Wild und frei herumrennen – das ging gar nicht! Nun schaute sie mit ihrer Gruppe zur Strahlenburg: Vogt Conrad I. hat sie um 1235 einfach erbaut – und zwar ohne Erlaubnis auf dem Grund des Klosters Ellwangen. Es kam zum Rechtsstreit vor dem Kaiser. Im Vergleich wurde ausgehandelt, dass Conrad seinen gesamten Besitz dem Kloster schenken musste – und den Besitz samt Burg als Lehen zurückerhielt. Glück gehabt! Sofort machte Conrad weiter und baute eine Stadt mit Stadtmauer. Die finanziellen Mittel verschaffte er sich vermutlich aus dem nahen Bergbauwerk Anna Elisabeth.

Alles gut und schön. Aber Schriesheim wurde im Dreißigjährigen Krieg wie auch im Französisch-Pfälzischen Krieg zerstört. Dazu kam noch die Pest. Von der zerstörten Stadtmauer konnte man bei der Führung noch Reste in den romantischen Gassen entdecken. Es ging weiter zur Herrengasse, wo die Gästeführerin auf den Standort der früheren Synagoge verwies. Heute ist dort ein Wohnhaus. Natürlich durften die Stationen bei den Kirchen nicht fehlen. Es ging zum Fachwerkhaus von Pfarrer Wiederhold hinter dem alten Rathaus und zum Strahlenberger Hof – ein Prachtgebäude mit Teilen aus dem 13. Jahrhundert.

Eine Teilnehmerin freute sich: "Ich wohne seit 40 Jahren hier und habe viel erfahren. Ich kann ja im Moment nicht reisen, da habe ich gern mitgemacht." Auf "Bawetts" empfehlenswerter Tour lernt man eine Stadt mit momentan recht viel Leerstand kennen – und eine Stadt der kurzen Wege über romantische Gassen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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