17.10.2020

Vorsorglicher Widerstand gegen Neubaugebiet aus dem Schlittweg

Vorsorglicher Widerstand gegen Neubaugebiet aus dem SchlittwegAuch wenn momentan alle Aktivitäten rund um das Neubaugebiet Süd ruhen, hat sich mittlerweile eine Bürgerinitiative gegründet

Seit gut drei Jahren ist ein Neubaugebiet südlich vom Schlittweg in der Diskussion. Entschieden ist noch nichts, aber dennoch haben sich jetzt einige Anwohner organisiert. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Im Moment ruht beim Neubaugebiet Süd still der See. Aber unter der Oberfläche beginnt es zu brodeln. Zwar scheint die Kommunalpolitik, insbesondere Bürgermeister Hansjörg Höfer, der Elan verlassen zu haben, wenn es an dieses Thema geht, und doch machen jetzt Bürger aus dem angrenzenden Schlittweg mobil – sozusagen vorsorglich. Dass die neue "Bürgerinitiative Stadtentwicklung Schriesheim" ("BISS") noch nicht die ganz große Öffentlichkeit gesucht hat, erklärt einer ihrer Aktiven, Herbert Bosselmann, so: "Wir wollten keine schlafenden Hunde wecken. Wenn wir zu sehr in die Breite gehen, könnte zu viel Aktivität in die Thematik kommen." Die Worte von Bürgermeister Hansjörg Höfer, dass im Moment die Planungen ruhten, habe "BISS" beruhigt, "aber es kann ja jederzeit losgehen".

Und doch suchte "BISS" den Kontakt zur Kommunalpolitik: Mit allen Gruppen im Gemeinderat und dem Bürgermeister hatte die Initiative schon das Gespräch gesucht, aber erst beim Treffen mit der Bürgergemeinschaft am Donnerstagabend im "Hirsch" trafen die "BISS"-Vertreter Herbert Bosselmann, Thomas Leinert, Ingo Schilz und Farshid Sisani – wenn auch für sie etwas überraschend – auf die RNZ.

Der Zusammenschluss von momentan etwa 20 Bürgern sei "nicht generell gegen ein Neubaugebiet, aber für Transparenz", so Bosselmann. Und genau daran mangele es im Moment. Denn eigentlich kam ja das 18-Hektar-Neubaugebiet mit rund 200 Bauplätzen für 800 potenzielle Einwohner in die Diskussion, um die Sanierung des Gymnasiums zu finanzieren. Aber die sei ja nun anderweitig geklärt – abgesehen davon, dass es "nicht sein kann, dass Schriesheim wegen einer Schulsanierung ein Neubaugebiet ausweist", wie Schilz meint.

Wem, so fragt "BISS", nutze denn jetzt ein solches Baugebiet? Sicherlich am meisten der Handvoll Grundstückseigentümer, deren Landbesitz sich im Wert mit einem Schlag verzwanzig- oder gar vervierzigfachen würde, meinte Schilz. Und am wenigsten natürlich den direkten Nachbarn, denen nicht nur der freie Blick genommen werden würde (verbunden mit einem geringeren Wert der Immobilie), die aber auch mit mehr Verkehr und Parkdruck im Schlittweg zu kämpfen hätten.

Und was nützt solch ein Neubaugebiet der Stadt? Auf den ersten Blick wenig, denn sie hat südlich vom Schlittweg kein eigenes Gelände zum Verkaufen. Und auf den zweiten Blick, so meint Schilz, noch weniger: "Neue Einwohner kosten auch Geld" – angefangen von neuen Kindergärten über neue Spielplätze bis hin zu mehr Personal in der Stadtverwaltung. Schilz’ Bilanz: "Seit 1970 hat sich die Einwohnerzahl verdoppelt, aber dennoch schwimmt die Stadt nicht im Geld." Zudem sei es auch nicht ausgemacht, dass Schriesheims gleich um 800 Neubürger wachse, denn schließlich würden auch sicher etliche Einheimische in das neue Baugebiet ziehen. Und nicht zuletzt wären auch künftige Generationen der Verlierer, meint "BISS", denn ihnen würde die einzige Möglichkeit einer Erweiterung der Wohnbebauung genommen.

Für "BISS" spielt auch die Ökologie eine wichtige Rolle – und das ist eine Parallele zum gegenwärtigen Streit um die Gerbegebietserweiterung in Hirschberg, auch wenn dort vor allem Ackerland zur Disposition steht: "Wir haben hier eine kleinparzellige Kulturlandschaft mit Streuobstwiesen." Für Schilz handelt es sich um "die letzte ökologische Perle Schriesheims, die direkt an eine Wohnbebauung anschließt" – und um ein "fußläufig erreichbares Naherholungsgebiet", denn: "Nicht jeder geht in die Weinberge." Mit dieser Einschätzung ist "BISS" nicht allein: Auch der Nachbarschaftsverband Heidelberg-Mannheim als wichtigstes überregionales Planungsgremium hatte das Neubaugebiet südlich des Schlittwegs vor zweieinhalb Jahren "eher ungünstig" genannt: Sollte es kommen, wäre ein Verlust von "zahlreichen hochwertigen Biotopstrukturen" zu erwarten, heißt es in seinem Gutachten (RNZ vom 25. Mai 2018).

Auch das Argument, hier könne bezahlbares Wohnen entstehen, hält die Initiative für eher abwegig, denn hier gehe es ja vor allem um den Kauf von Eigentum. Stattdessen schlägt "BISS" vor, anderswo Wohnraum zu schaffen: Unumstritten, aber faktisch mit am schwierigsten, ist die Beseitigung der Leerstände, aber auch das Schließen von Baulücken. Brisanter war es da schon, dass Schilz eine teilweise Bebauung des Festplatzes ins Spiel brachte.

Zumindest bei der Bürgergemeinschaft trafen die Anliegen von "BISS" auf offene Ohren: "Muss Schriesheim wirklich weiter wachsen?", fragte Hilmar Frey, denn durch die vielen Neubaugebiete sei am Ende doch "die Lebensqualität gesunken". Und Peter Jörder fand: "Davon profitieren am Ende nur wenige Grundstückbesitzer." Stefan Bernauer war besonders von der "BISS"-Forderung nach mehr Transparenz angetan: "Ihr wollt das, was wir auch wollen."

Bei den anderen Gruppierungen im Gemeinderat habe es aber auch andere Stimmen gegeben, berichtete Schilz. Da war zu hören, dass Schriesheim bezahlbaren Wohnraum benötige. Aber Bosselmann berichtet auch: "Es gab durchaus Unentschiedene, die unsere Fakten überzeugt haben." Tatsächlich halten sich die Ratsfraktionen im Moment eher bedeckt, wenn es um dieses Thema geht: Die Grüne Liste ist aus grundsätzlichen ökologischen Bedenken gegen das Neubaugebiet, die Freien Wähler sind gespalten, am ehesten hat es noch Freunde bei der SPD, die ständig mehr Wohnraum fordert. Bürgermeister Höfer hingegen befürchtet eine Spaltung der Stadtgesellschaft. Außerdem sei das Bauamt gerade mit der der Sanierung des Gymnasiums und der Talstraße voll ausgelastet.

Und doch sieht Bosselmann durchaus jetzt schon erste Früchte der Gespräche mit den Parteien: "Vor zwei Jahren haben viele gesagt: ,Das Neubaugebiet kommt sowieso!’ Mittlerweile sieht es anders aus."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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