17.10.2020

Gutachten zum Einzelhandel ergibt mehr Fragen als Antworten

Gutachten zum Einzelhandel ergibt mehr Fragen als AntwortenAm Mittwoch wird die neueste Einzelhandelsanalyse im Gemeinderat vorgestellt. Diese enthält aber wenig Anregungen, was getan werden kann.

Trister Anblick: Im Schriesheimer Zentrum stehen immer mehr Läden und Lokale leer, nach aktueller Zählung sind es neun – zumindest im Geltungsbereich des neuen Bebauungsplans Altstadt. Foto: Dorn

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Der Einzelhandel in der Innenstadt hat auch schon mal bessere Tage gesehen: Im Moment stehen neun Geschäfte oder Gaststätten leer, zwölf sind in den letzten Jahren zu Wohnraum umgewandelt worden – weil der besser und teurer zu vermieten ist. Deswegen griffen vor knapp vier Monaten Stadtverwaltung und Gemeinderat zu einem nicht unumstrittenen Mittel: der Aufstellung eines Bebauungsplans für große Teile der Altstadt samt einer zweijährigen Veränderungssperre. Mit ihm soll der Umwandlung von Läden in Wohnraum ein Riegel vorgeschoben werden – denn laut Bebauungsplan darf man erst ab dem ersten Stock wohnen.

Dabei warteten Räte und Rathaus auf das neue Einzelhandelsgutachten – um endlich ein paar Handreichungen dafür zu bekommen, was man tun könnte, um die Innenstadt wieder attraktiver zum Einkaufen zu machen. Nun liegt es vor, es ist 36 Seiten dick (oder dünn) und wird am Mittwoch auf der Gemeinderatssitzung vorgestellt, liegt aber bereits der RNZ vor.

Wer sich erhofft hatte, dass die Analyse der "Imakomm-Akademie" aus Aalen nun den erhofften Befreiungsschlag mit einer ganzen Reihe von guten und schnell umsetzbaren Maßnahmen bringen würde, wird allerdings enttäuscht. Denn Matthias Prüller von der Akademie fährt eine Liste von Dingen auf, die auch Einzelhandelslaien längst ahnten: Die Präsenz der Läden im Internet muss ausgebaut werden, sie sind oft nicht "sichtbar". Wer nach Waren oder Dienstleistungen googelt, bekommt oft Treffer aus dem Umland angezeigt.

Aber ob sich ein kleiner Händler eine eigene Internetseite samt Onlineshop überhaupt leisten kann sagt das Gutachten nichts. Auch nicht darüber, ob es eine Art "Stadtportal", also eine Liste sämtlicher Angebote (vielleicht sogar auf der Homepage der Stadt) geben sollte. Eben dies hatte die CDU Schriesheim schon vor Monaten angemahnt. Bisher gab es dazu keine Reaktion aus dem Rathaus. Auch dass einige Läden vielleicht heute noch etwas Nachholbedarf in Sachen Schaufenster und Warenpräsentation haben, ist nicht neu. Aber auch hier sagt das Gutachten nicht dazu, wie man den Händlern konkret helfen könnte.

Ähnlich unkonkret geht die "Imakomm-Akademie" auch mit dem im Moment wohl drängendsten Thema "Leerstände" um. Dazu heißt es, dass "Leerstände aufzuwerten" oder "Zwischennutzungen zu forcieren" seien. Allerdings nicht wie. Sollen leere Schaufenster mit hübschen Motiven beklebt werden, oder helfen Blumenampeln vor den nicht mehr genutzten Läden? Zumindest legen das einige Beispielbilder aus anderen Städten nahe, welche die Akademie anführt.

Eine Empfehlung immerhin gibt es in dem Gutachten: Es sollte einen hauptamtlichen Leerstandsmanager geben, der erst einmal ein Kataster erstellen und dann die wichtigen Akteure an einen Tisch bringen soll. Angedacht ist eine halbe Stelle mit einem Jahresbudget von 15.000 bis 20.000 Euro.

Ansonsten empfiehlt das Gutachten, was sowieso auf der Hand liegt: die Stärkung des "zentralen Versorgungsbereichs" der Innenstadt, also im Grunde der Heidelberger Straße (bis zur Bahnhofstraße) plus der Einmündung der Kirchstraße. Unklar ist allerdings, wieso dieser Bereich nicht bis zur Theodor-Körner-Straße reicht. Denn zwischen ihr und der Bahnhofstraße gibt es ja durchaus etliche Geschäfte.

In diesem Gebiet sollen die bestehenden Läden nicht nur durch den Ausschluss von Wohnnutzungen im Bestand gesichert werden – was ja auch geschehen ist –, hier sollen auch unerwünschte "Angebote" wie Spielhallen oder Ein-Euro-Läden verhindert werden, weil das zu einem "Trading-down"-Effekt, also zu einer "Verramschung" und einem Imageverfall, führen könnte.

Und hier soll es auch ausschließlich ein "zentrenrelevantes" Sortiment geben, also den klassischen Einzelhandel von Textilien über Blumen oder Schreibwaren bis hin zu Geschenkartikeln. Unklar ist, wieso aber ausgerechnet Kinderartikel oder Heimwerkerbedarf als "nicht zentrenrelevant" ausgeschlossen sein sollten.

Nicht weiter verwunderlich ist, welche Branchen in Schriesheim nach der "Imakomm-Akademie"-Analyse fehlen: Bekleidung, Schuhe und Sport. Aber was man dagegen tun kann, darüber sagt Autor Matthias Prüller nichts.

Denn, so berichtete die RNZ schon vor drei Jahren: Das Problem in Schriesheim ist nicht so sehr die angeblich fehlende Attraktivität des Zentrums und seines angeblich nicht optimalen Angebots, sondern die zu kleinen Läden. Denn vor allem die kleinen Einheiten stehen leer.

Als Anfang 2017 das Schuhhaus Kimmel in der Kirchstraße schloss, gab es sage und schreibe 25 Bewerber um das Ladenlokal, vom Friseur bis zum Dönerladen. Der Vermieter legte dagegen Wert auf einen Betrieb, der nach Schriesheim passt, wartete monatelang, bis er sich für einen Bewerber entschied; das Rennen machte letztlich Petra Spruck aus Heddesheim, die selbst gemachten Wohnaccessoires verkauft. Ihr Geschäft "Peppilello" war zuvor ein reiner Onlineshop gewesen. Und vielleicht – auch darauf geht das Gutachten nicht ein – ist der starre Blick auf alles, was an Sortimenten fehlen könnte, nicht besonders hilfreich: Ein paar pfiffige und ungewöhnliche Läden oder Cafés werten die Heidelberger Straße jetzt schon auf.

Fast vollkommen schweigt sich das Gutachten darüber aus, was alles getan werden könnte, um den Aufenthalt in der Altstadt angenehmer zu machen: Würde eine Fußgängerzone, zumindest aber eine zeitweilige Sperrung, helfen? Müsste man die Zahl der Parkplätze reduzieren? Wieso gibt es nur eine verwitterte Bank zum Hinsetzen, nämlich die vor dem Alten Rathaus?

Immerhin streift die Analyse einen wichtigen Punkt: Wie kann man mehr Leute in die Altstadt locken, also beispielsweise Ausflügler ansprechen? Das würde die Frage nach einem Tourismuskonzept und einem damit verbundenen Standortmarketing aufwerfen. Natürlich empfiehlt sich hier der Schwerpunkt "Wein", der im Stadtbild bisher kaum sichtbar ist. Wieso werden nicht, nach Pfälzer Vorbild, ein paar Rebenbögen angelegt? Da sieht schließlich jeder, dass Schriesheim die einzige Weinstadt an der Badischen Bergstraße ist. Und wenn man schon mal am Träumen ist: Wie wäre es mit einem "Haus der Bergsträßer Spezialitäten", vielleicht mit Produkten der Schriesheimer Winzer und Landwirte?

Denn eine klassische Einkaufsstadt, das sagt immerhin das Gutachten, wird Schriesheim nie werden, dafür sind die nahegelegenen Zentren Mannheim, Heidelberg und Weinheim zu stark. Im Moment wird in Schriesheim nur 61 Prozent der (übrigens überdurchschnittlich hohen) Kaufkraft vor Ort abgeschöpft, in etwa so viel wie in Dossenheim oder Heddesheim, Ladenburg steht mit 83 Prozent besser dar.

Für die Dauer von zwei Jahren dürfen leerstehende Gewerbeflächen nicht mehr zu Wohnungen umgewandelt werden; nun empfiehlt ein Gutachten „aktives Leerstandsmanagement“. Foto: Dorn

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung

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