28.10.2020

BDS-Vorsitzender spricht sich gegen Fußgängerzone aus

BDS-Vorsitzender Rolf Edelmann über das Einzelhandelsgutachten und den Einkaufsstandort Schriesheim - Das Problem sind die zu kleinen Ladenlokale

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Seit April 2011 steht der Ursenbacher Treppenbauer Rolf Edelmann dem Bund der Selbstständigen (BDS) Schriesheim vor. Mit ihm sprach die RNZ über das unlängst dem Gemeinderat vorgelegte, nicht unumstrittene Einzelhandelsgutachten für Schriesheim.

Herr Edelmann, welche neuen Erkenntnisse hat das Einzelhandelsgutachten Ihnen gebracht?
Es hat zunächst einmal seine Berechtigung, weil das letzte aus dem Jahr 2008 stammt. Allerdings hat man aus dessen Empfehlungen zu wenig gemacht. Das neue hat den Mehrwert, weil es von außen kommt und ganz unbefangen die Situation analysiert. Es mag ein paar Ungereimtheiten beinhalten, aber ich halte es für gut gemacht.

Sie sprechen die Ungereimtheiten an. Was sind die für Sie?
Zum Beispiel, wenn die geringe Sichtbarkeit der Unternehmen im Internet angesprochen wird. Das können sich viele kleine Händler gar nicht leisten. Aber das haben wir vom BDS auf dem Schirm. Wir planen, den Mitgliedern die nötigen digitalen Werkzeuge für einen Internetauftritt zur Verfügung zu stellen, während die Abwicklung des Verkaufs weiter über sie läuft. Da muss man die Welt nicht neu erfinden.

Teilen Sie denn die Kritik, dass das Gutachten im Grunde nur Bekanntes referierte und zu wenig konkrete Tipps gab?
Es hätten ein paar mehr konkrete Tipps geben können, also beispielsweise beim Thema Leerstand. Worauf aber nicht hingewiesen wurde: Alle Leerstände sind zu klein für Interessenten. Ich bekomme ständig Anrufe, ob es in Schriesheim ein freies Ladenlokal gibt. Aber das Interesse beschränkt sich nur auf große Räumlichkeiten. Das zeigt, dass Schriesheim als Einzelhandelsstandort weiterhin attraktiv ist.

Der Gemeinderat hat vor vier Monaten beschlossen, dass Läden nicht mehr zu Wohnungen – die sind erst ab dem ersten Stock zulässig – umgewandelt werden dürfen. Halten Sie das für richtig?
Ja, das war mehr als überfällig. Sonst macht doch jeder, was er will. Und es ist auch gut, dass die Straßen in unserem Zentrum keine toten Fußgängerzonen wie in den größeren Städten sind. Hier herrscht auch abends noch Leben.

Aber ist das nicht ein Widerspruch: Sie sagen, dass die leer stehenden Läden im Grunde unvermietbar sind, weil sie zu klein sind. Wieso dürfen die Eigentümer die dann nicht zu Wohnungen umbauen?
Es darf keine zu großen Lücken zwischen den bestehenden Läden geben. Die Läden wieder an den Mann zu bringen, ist Sache der Vermieter. Die können nicht darauf warten, dass etwas vom Himmel fällt, sondern müssen aktiv die Sache angehen. Also geeignete Mieter oder Sortimente suchen – also gerade bei Besuchen in anderen Städten die Augen offen halten.

Was halten Sie davon, den Tourismus zu beleben und Schriesheim als Ausflugsziel bekannter zu machen?
Das wird als großer Wurf schwer. Dazu bräuchten wir mehr Gastronomie in der Innenstadt. Wir haben zwar immer noch einige Lokale, aber die liegen für Ausflügler zu weit auseinander. Aber man muss ja auch nicht zu hoch hinauswollen: Der Wochenmarkt ist ein gutes Beispiel. Mit seinem Sortiment und dem Ambiente wurde er in den letzten Jahren fürs Umland attraktiv.

Da Sie die Gastronomie ansprechen: Ist das, was weg ist, für immer verloren? Ich denke ans "Lamm" oder den "Kaiser".
Das "Lamm" ist ja relativ klein und hat keine Parkplätze, deswegen hatte es immer etwas zu kämpfen – auch wenn das Lokal gut geführt war. Allerdings habe ich vollstes Verständnis dafür, dass die Pächter unlängst den Absprung gewagt haben, sie hatten ja ein gewisses Alter erreicht. Der "Kaiser" ist ein ganz anderes Problem. Meiner Meinung nach ist er ein reines Abschreibungsobjekt des Besitzers.

Wie könnte man die Gastro-Leerstände beleben? Vielleicht durch Ideen wie eine Veranstaltung im Innenhof des geschlossenen "Strahlenberger Hofs"?
Das wird schwierig, dafür muss der Eigentümer einverstanden sein, was ich im Moment so nicht sehe. Der Eigentümer wird wohl das Lokal wiedereröffnen, sobald er geeignete Pächter gefunden hat. Zumindest wird ja drinnen gearbeitet.

Im Gutachten heißt es, Schriesheim sollte den Wein stärker herausstellen. Was halten Sie davon?
Das wird schwer zu vermarkten sein. Dazu sind unser Weinanbaugebiet und die dazugehörigen Weingüter auch zu klein. Eine "Pfalz an der Bergstraße" halte ich für unrealistisch.

Und wie stehen Sie zu Rebenbögen in der Heidelberger Straße?
Was soll das bringen? Auch ohne Reben fährt man da hin. Und wer soll die Ranken pflegen? Ich kann mir nicht vorstellen, dass man gezielt Touristen nach Schriesheim locken kann.

Ich könnte mit einen Laden mit Bergsträßer Spezialitäten vorstellen – vom Wein bis zum Apfel. Ist das unrealistisch?
Ich glaube schon. Da werden die einzelnen Betriebe doch nicht mitmachen, weil es Konkurrenz zu ihren eigenen Läden wäre. Außerdem haben wir mit "Divino" schon eine Art Spezialitätengeschäft.

Da wir gerade bei den Läden sind: Welche Sortimente wünschen Sie sich für Schriesheim?
Schon Schuhe oder Textilien. Oder Obst und Gemüse. Also Geschäfte, die Frequenz bringen. Nur die Frage ist wieder: Wo sollen die sich ansiedeln? Uns fehlen schlicht genügend große Räumlichkeiten.

Immer wieder heißt es, die Stadt sollte oder könnte mehr tun ...
Das sehe ich nicht so. Mit mehr Aktivitäten von Einzelhändlern und kreativen Ideen könnte man am schnellsten die Attraktivität der Einkaufsstadt Schriesheim steigern.

Also nicht auf die Stadt warten?
Auf keinen Fall. Für solche Fragen ist die Stadt nicht der richtige Ansprechpartner. Über die kann ich mich nicht beschweren. Wir haben einen Wirtschaftsförderer, der sehr aktiv ist. Das ist ganz vorbildlich, das gibt es nicht in jeder Stadt von vergleichbarer Größe.

Im Gutachten wird empfohlen, mehr für die Optik in der Innenstadt zu tun. Was halten Sie davon?
Die Idee mit der Pflasterung bis zur Passein finde ich gut, das würde viel einheitlicher wirken als jetzt. Etwas anderes sind die Geschäfte selbst. Da könnte man mehr gelegentlich an der Gestaltung der Schaufenster arbeiten oder auch mal etwas auf die Straße stellen – das zieht die Besucher leichter in die Läden. Wie gut das funktioniert und auch noch gut aussieht, hat man beim türkischen Gemüseladen gesehen. Oft sind es wirklich nur Kleinigkeiten.

Da wir gerade bei der Heidelberger Straße sind. Was halten Sie davon, sie zur Fußgängerzone zu machen?
Das wäre für eine so kleine Stadt wie Schriesheim völliger Unsinn. Wir brauchen in dieser Straße eine gewisse Grundfrequenz, und die kommt nicht durch die Fußgänger, sondern auch die Pendler, die hier haltmachen. Würden wir jetzt eine Fußgängerzone einrichten, hätten wir bald keine Geschäfte mehr.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung