04.11.2020

Jubiläum: Die Winzergenossenschaft Schriesheim wird 90 Jahre alt

Jubiläum: Die Winzergenossenschaft Schriesheim wird 90 Jahre alt

Im historischen Zehntkeller wurde am 9. November 1930 die Gründung der neuen Winzergenossenschaft offiziell gefeiert. Foto: Stadtarchiv/Repro: Dorn
Liselotte von der Pfalz: "Schriesheimer Wein versetzt in Ekstase!" - Ein geschichtlicher Rückblick, Teil 1: Der Weg bis zur Gründung 1930

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Der Weinbau hat eine lange Tradition: Schon die Steinzeitmenschen sammelten die grünen Beeren der Wildrebe. In Europa führten die Phönizier den Weinbau in Griechenland ein. Später wird in der Bibel der Weinbau rund 500 Mal erwähnt. Auch für Schriesheim gibt es Vermutungen, dass der Weinbau früh verbreitet war, vielleicht schon zu Römerzeiten. Doch erst für das 8. Jahrhundert ist der Weinbau in Schriesheim schriftlich belegt. Im Vergleich dazu ist die Winzergenossenschaft Schriesheim geradezu jung: Sie wird in diesem Jahr 90 Jahre alt und zählt so zu den ältesten in Baden. Allerdings kann sie diesen Geburtstag coronabedingt kaum feiern, auch wenn es seit Juli einen eignen Spätburgunder-Jubiläumswein gibt. Autor Konstantin Groß hat in seinem Buch "Vom Silvaner zum Schriesecco" Begebenheiten und Anekdoten aus der Geschichte des hiesigen Weinbaus und der Winzergenossenschaft gesammelt.

Vom Weinbau in Schriesheim vor mehr als 1200 Jahren zeugen die Schenkungen an das Kloster Lorsch. In fast allen Urkunden des Klosters finden sich Hinweise auf den Wein. "Ob sich nun Hairidad im Jahr 766 oder Rudolf im Jahr 767 Sorgen um ihr Seelenheil machten – bei ihren Geschenken an die frommen Männer des Klosters war stets ein Schriesheimer Weinberg dabei", so Konstantin Groß, "auch Erluf (774) und Helidbert (782), Gernand (784) und Gerlind (804) hatten Wingerte verschenkt. So liest sich das Register des Klosters wie ein Flurbesitzbuch." Später hatten die Klöster Ellwangen und Schönau ebenfalls Weinberge von Schriesheim in ihrem Besitz.

Manche Weinlagen reichten bis an die heutige B 3. Für die Zeit des Dreißigjährigen Krieges (1618-1648) belegen die Urkunden 450 Morgen Weinbaufläche. "Ein Umfang, der seither nie wieder erreicht wurde", so Groß. Die berühmte Liselotte von der Pfalz war mehrmals zur Weinlese in Schriesheim. Sie schrieb 1720 in einem Brief über die Schriesheimer Trauben: "Ich finde sie besser als die von Rorbach. Ich erinnere mich, dass ich von den Schrießhemer Drauben in den Weingarten so erschrecklich gefressen, dass mir der Bauch so dick geworden, dass ich nicht mehr gehen konnte. Hat mir aber gar nicht geschadt, sondern nur bessere Lust zum Mittagessen gemacht." Später schrieb sie: "Schrießheimer Wein versetzt in Ekstase."

Das Leben der Winzer war nicht einfach. Vor der Gründung der Winzergenossenschaft war jeder ein Einzelkämpfer. Konstantin Groß schreibt: "Bereits einige Wochen vor der erwarteten Erntezeit jeweils im Oktober wurden die Weinberge komplett gesperrt, um die reifen Trauen vor Dieben zu schützen. Die Ernte fand jeweils Anfang Oktober an zwei Tagen statt. Dienstags wurde die Dossenheimer Seite geerntet und mittwochs auf der Leutershausener Seite." Groß weiter: "Die Käufer, vor allem Wirte liefen durch die Weinberge, hängten ihre Finger in die Fässer und prüften, ob es ein süßer oder saurer Wein war." Einige Winzer warteten die ganze Nacht im Wingert, um die Ankunft eines Käufers nicht zu verpassen. Es gibt ein Zitat von Ludwig Sander: "Aber es war oft so, dass man nicht wusste: Kauft er’s jetzt wirklich? Mein Vater ist dann als heimgekommen und hat erzählt: Der nimmt mir ein Fass Most ab! Da war er froh, wenn er hat sagen können, dass er es verkauft hat." Wichtig für den Verkauf des Weines war der Mathaisemarkt mit Weinprämierung. Man muss sich das mal vorstellen: Zu bestimmten Zeiten war ein ganzes Klassenzimmer der Strahlenberger Schule mit Wein, Schnaps und Likör gefüllt – zum Verkauf.

Die erste deutsche Winzergenossenschaft wurde schon 1834 in Neckarsulm gegründet. Die Gründung in Schriesheim folgte fast 100 Jahre später. Auslöser war die Not der Weltwirtschaftskrise. Bürgermeister Georg Rufer erkannte, dass den Winzern nur mit einem Zusammenschluss geholfen werden könnte, so Konstantin Groß. Rufer lud "seine" Winzer ein: "Auf Anregung des Badischen Weinbauverbandes findet am Montag, den 12. Mai 1930, nachmittags um halb neun Uhr, auf dem Rathaus in Schriesheim eine Winzerversammlung statt. Der Direktor des Verbandes, Herr Baron Göler von Ravensburg, wird über die Gründung einer Winzergenossenschaft sprechen."

An diesem ersten Treffen nahmen 15 Winzer teil. Baron von Göler schilderte die Lage: Die Konkurrenz mit den großen Wein-Erzeugerländern wie Italien, Frankreich und der Schweiz und der Wettbewerb mit dem Bier machte den Schriesheimern zu schaffen. Göler machte ihnen damals Mut: "Badische Weine können heute fast mit allen deutschen Weingegenden konkurrieren." Kurz darauf meldeten über 80 Winzer ihr Interesse an einem Zusammenschluss. Die Gründungsversammlung fand am 17. Juni 1930 statt: Ludwig Wolf wurde zum Gründungsvorsitzenden gewählt – mit 17 von 20 Stimmen. Konstantin Groß erklärt: "Bei einer Genossenschaft pflegt der Winzer sein Rebland selbst, liefert die Trauben ab und überlässt die Wein-Bereitung der Genossenschaft, die ihn in weinbaulichen Fragen berät."

Die neue Winzergenossenschaft Schriesheim a.d. Bergstraße e.G.m.b.H. wurde im August beim Amtsgericht eingetragen. Bald konnte die Genossenschaft von der Gemeinde die großen Kellerräume unter der Strahlenberger Schule und den wichtigen Zehntkeller mieten. Er stand zu dieser Zeit fast leer, nur Lehrer Ernst lagerte in einer Ecke seine Kohlen. Die Gemeinde ließ für ganze 4530 Reichsmark einen Anbau an den Zehntkeller errichten.

Gleich nach der Gründung begann die Genossenschaft mit der Werbung für ihren Wein – "obgleich dieser noch gar nicht vorlag", so Groß. Im Herbst wurden 35.000 Liter Traubenmaische abgeliefert, die zu 27.300 Litern Wein führten. Am 9. November fand dann die Gründungsfeier mit Kellerfest im Zehntkeller statt. Das Protokoll vermerkt, dass "trotz schlechter Witterung und Ungunst der Verhältnisse" 700 Liter Wein ausgeschenkt wurden. Das Viertel kostete 30 bis 40 Pfennig. Damit war die Gründung der Genossenschaft offiziell.

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Herbsten Anfang der dreißiger Jahre: In einem „Versuchswingert“ an der Leutershäuser Straße wurde die Maische in ein 420 Liter fassendes Mostfass gekippt, das dann ins neue Kelterhaus gefahren wurde. Foto: Stadtarchiv/Repro: Dorn

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So war der Schriesheimer Weinbau früher: Lese unterhalb der Strahlenburg anno 1911. Foto: Stadtarchiv/Repro: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung