10.11.2020

Bei den Sportvereinen ist der Frust groß

Mit dem zweiten Lockdown befürchten manche, dass die Zahl der Aktiven zurückgeht - Finanzielles Loch kann teilweise existenzbedrohend sein

Schriesheim. (max) Das erneute Herunterfahren des öffentlichen Lebens bedeutet einen schweren Einschnitt in die Freizeitgestaltung vieler Menschen. Die Maßnahmen treffen einige Sportvereine hart – auch wenn die Corona-Verordnung an sich akzeptiert wird. Die RNZ hörte sich um.

"Es ist nicht schön", sagt Herbert Graf. Der Vorsitzende des KSV stellt eine zunehmende Frustration der Mitglieder fest. "Beim ersten Lockdown gab es kaum negative Reaktionen, das ist diesmal schon anders." Trotz mustergültigen Hygienekonzepts musste auch er am vorletzten Montag in den Lockdown. Gerade beim Kraftsport, bei dem viele individuell trainieren, gibt es keinen Zusammenhalt wie im Teamsport, der die Mitglieder an den Verein bindet. Ähnliche Erfahrungen macht Suzanne Epp. Die erste Vorsitzende vom TV Altenbach, sagt: "Im ersten Lockdown wurde noch darum gekämpft, Sport machen zu können. Wir haben Hygienekonzepte erarbeitet und ein Online-Anmeldesystem geschaltet, das war ein Wahnsinnsaufwand. Jetzt muss man eben sehen, dass das alles nicht gefruchtet hat, und das ist wirklich ein großer Frust, das hört man auch von den Mitgliedern".

Beim Sportschützenverein Altenbach ist die Enttäuschung enorm. "Die Stimmung ist schlecht, wir haben nach dem ersten Lockdown den Betrieb unter Einhaltung aller Maßgaben wieder aufgenommen. Aus sportlicher Sicht ist das jetzt eine Katastrophe." Schießen sei ein Trainingssport, bei dem sich längere Pausen sehr negativ auf die Leistungen auswirkten, berichtet der Vorsitzende Johannes Kühn.

Die größte Befürchtung der meisten ist ein massenhaftes Ausbleiben der aktiven Mitglieder, so Graf: "Es trudeln langsam Sonderkündigungen und Zahlungsrückforderungen ein, das tut dem Verein dann schon weh." Auch beim TV Altenbach befürchtet man einen Rückgang der Mitglieder. "Es ist eine unheimlich verfahrene Situation, und gerade die Eltern von Kindern werden jetzt austreten, wenn sie kein konstantes Angebot für ihre Kinder haben", sagt Epp. Sie denkt auch an die älteren Mitglieder, für die der soziale Aspekt im Sportverein wichtig ist: "Die wöchentlichen Treffen fallen weg. Es gibt bei manchen Kontakt über Whatsapp, aber das ist nicht das Gleiche als sich immer zu sehen. Und es gibt vor allem Senioren, die haben auch nicht viel mehr als das, und für die das nicht anbieten zu können, ist wirklich traurig." Auch die Altenbacher Sportschützen bangen um ihre Mitglieder: "Nach dem ersten Lockdown waren wir schon ungefähr 30 bis 50 Prozent weniger Aktive als vorher." Kühn befürchtet bei der Wiederaufnahme des Betriebs einen weiteren Rückgang, was für den kleinen Verein mit 110 Mitgliedern einen herben Schlag bedeutet.

Für alle Vereine ist der Lockdown ein gravierender Einschnitt bei den Einnahmen. Sei es durch den Ausfall von Turnieren oder die Absage von Veranstaltungen, durch deren Bewirtung sich viele Vereine finanzieren. Der KSV sei bisher noch mal mit einem blauen Auge davon gekommen berichtet Graf, allerdings wird es das erste Mal in der über 100-jährigen Vereinsgeschichte ein Defizit geben. Für die Sportschützen ist die Situation existenzbedrohend. "Ich schätze, die Hälfte des Vereinsbudgets wird dieses Jahr wegbrechen. Wir haben uns die letzten Jahre einen finanziellen Speck angefressen, der für die Renovierung des Schützenhauses vorgesehen war. Ohne den wäre bei uns schon Shutdown." Sollte sich die Lage nicht bald entspannen, sieht Kühn für den Verein keine Zukunft. Er würde sich ein Entgegenkommen der Sportverbände wünschen, an die ein Großteil der Beiträge fließt.

Die neuen Verordnungen stoßen wegen uneinheitlicher Regelungen teilweise auf Unverständnis. So berichtet der Ehrenvorsitzende des TC Schriesheim, Michael Henseler, mit Verweis auf die Homepage des Badischen Tennis-Verbandes, dass weiterhin in den Tennishallen trainiert werden darf, solange nicht mehr als zwei Spieler anwesend sind. Da es sich teilweise um enorm große Hallen mit vielen Spielfeldern handelt, hält er die Regelungen für unsinnig. "Entweder man verbietet es ganz, oder man lässt den Spielbetrieb auf sinnvolle Weise zu. Auf einem Tenniscourt mit 25 Metern Abstand zwischen den Spielern, wo ist da das Infektionsrisiko?" Der Tennisverband hat sich mittlerweile mit seinem Anliegen an die Landesregierung gewandt.

Etwas mehr Differenzierung hätte sich auch Suzanne Epp gewünscht. "Ich sehe absolut ein, dass wir diese Maßnahmen brauchen. Aber ich denke, dass man unter Einhaltung der Regeln und mit genügend Platz und Abstand so etwas wie Gesundheitssport schon durchführen könnte".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung