12.11.2020

Der steile Aufstieg der Winzergenossenschaft trotz des Kriegs

Der steile Aufstieg der Winzergenossenschaft trotz des Kriegs

Die Weinlese direkt unterhalb der Strahlenburg (undatiert, wohl in den sechziger Jahren).
Seit 1953 gibt es offiziell eine Weinkönigin - "Bring meinen Mann dazu, dass er der Genossenschaft beitritt"

Von Marion Gottlob

Schriesheim. Die Winzergenossenschaft Schriesheim lebte und lebt von Engagement und Ideen: Zu den Initiatoren im Jahr 1930 zählte der damalige Bürgermeister Georg Rufer, wie die RNZ im ersten Teil ihres geschichtlichen Rückblicks berichtete (Ausgabe vom 4. November). Schon ein Jahr nach der Gründung ließ die Genossenschaft von der Staatlichen Landwirtschaftlichen Versuchsanstalt Augustenberg ihre Weine auf Qualität prüfen – und erhielt die "beste Anerkennung".

Die Wirtschaften "Deutscher Kaiser" und "Goldener Pflug" wurden schon bald zu "Vereinslokalen" der Winzergenossenschaft. Konstantin Groß schreibt in seinem Buch "Vom Silvaner zum Schriesecco" (2005), in dem die ersten 75 Jahre der Winzergenossenschaft nachgezeichnet werden: "Mit einem Beschluss von 1930 war festgelegt worden, dass von dem in den ersten Jahren zu erwartenden Weinertrag in Höhe von 15.000 bis 20.000 Litern mindestens 4000 Liter den ,Winzerwirtschaften, die sich für den Verkauf von Genossenschaftswein bereit erklärt haben’, vorbehalten bleiben müsse. Für den Mathaisemarkt wurden 5000 bis 7000 Liter vorgesehen."

Ebenfalls im Jahr 1931 beteiligte sich die Genossenschaft an der Weinprämierung auf dem Mathaisemarkt, ab dem Jahr 1932 hatte sie das Recht auf den alleinigen Ausschank im Zehnkeller. Der Erfolg sprach für sich: Nur ein Jahr nach der Gründung wurden die Kelterkapazitäten auf 60.000 Liter Fassraum erweitert. Ein Kritiker sagte zunächst: "Ich verkaufe meinen Wein auch so." Doch auch er trat der Genossenschaft bei: "Jetzt habe ich genug. Jetzt gehe ich auch zur Genossenschaft. Da kommt der und will probieren, und kommen alle und probieren, und dann ist das Fass nicht mehr voll."

Autor Konstantin Groß zitiert Ehrenmitglied Heinrich Rufer: "Da kamen Frauen zum Vorstand der Genossenschaft und sagten: ,Hör mal, geh zu meinem Mann, bring ihn so weit, dass er der Genossenschaft beitritt, damit er abliefern muss und sich nicht daheim vollsäuft.’ Denn es war ja so: Wenn die Trauben im Wingert standen, und es fand sich kein Käufer, dann sind sie nach Hause gekommen, sind gekeltert worden, sind die Fässer vollgemacht worden, und wie der Winter rum war, war der Wein getrunken und kein Geld da. Und dann hat es Streit gegeben in der Familie wegen dem Suff und allem, was da drum und dran hängt. Das war teilweise furchtbar. Da macht man sich heute keine Vorstellungen mehr, was sich in manchen Familien abgespielt hat."

Der Erfolg wurde größer. Im Jahr 1935 wurden 95.000 Liter Fasswein produziert. Im Jahr drauf stiftete die Genossenschaft aus dem Erlös eines Festes 228 Reichsmark für den Bau des Waldschwimmbads. Dann kam ein Einschnitt: Im Dritten Reich wurde der Weinbau streng reglementiert: Die Hybrid-Rebe "Amerikaner" wurde zurückgedrängt, schon wegen ihres Namens. Allerdings: Da die Amerikaner-Rebe von dem Schädling Reblaus nicht befallen wurde, hackte man das Oberteil der Rebe heraus und pfropfte die Silvaner-Rebe obenauf.

Im Jahr 1939 fand die letzte Vorstandssitzung in Friedenszeiten statt. Die harten Winter 1940, 1941 und 1942 machten auch den Schriesheimer Weinbergen zu schaffen. In Schriesheim fielen keine Bomben, so wurde die ganze Zeit Wein angebaut. Doch in den letzten Kriegstagen rund um Ostern 1945 kam es zu heftigen Schießereien zwischen Amerikanern und deutschen Soldaten – mitten in den Weinbergen.

Nach Kriegsende wurde die Genossenschaft nicht verboten. Schon im Juni 1945 fand die erste Vorstandssitzung statt. Es gab viele Probleme: Berichtet wurde von Einbrüchen in den Winzerkeller und dem Diebstahl von mehr als 700 Litern Wein. Nicht nur das. In den folgenden Jahren hatten die Weinbauern mit neuen Schädlingen zu kämpfen, unter anderem mit dem Pilz "Roter Brenner". Ab 1950 wurde alles besser. Zum Symbol des Aufstiegs wurde der Mathaisemarkt mit dem damaligen Rekordbesuch von 18.000 Gästen. Heinrich Sander gestaltete nur ein Jahr später einen eigenen Festwagen für den Umzug – mit der nicht-offiziellen Schriesheimer Weinkönigin Friedel Krämer. Diese Idee schlug ein: 1953 wurde Gretel Frank die erste offizielle Weinkönigin von Schriesheim. Groß schreibt: "Gretel Frank hat durch die Art, wie sie ihr Amt ausführte, viel zur Popularisierung der Institution ,Weinkönigin’ beigetragen." Das Jahr 1960 brachte eine ungewöhnlich erfolgreiche Ernte: Es wurden 400.000 Liter Wein gekeltert. Aber es gab auch Jahre mit geringer Ernte: 1962 waren die Lager fast leer. Einem Mitglied wurde der Ausschluss angedroht, weil der Winzer seine Trauben privat verkauft hatte. Der Ausschluss wurde dann jedoch noch in eine Geldbuße umgewandelt.

Im Jahr 1965 trat die Genossenschaft der "Zentralkellerei Badischer Winzergenossenschaften" in Breisach bei Freiburg bei. Vier Jahre später wurde beschlossen, den Schriesheimer Wein vollständig in Breisach ausbauen und lagern zu lassen. 1970 wurde die Studentin Liesel May zur Schriesheimer Weinkönigin und dann zur Badischen Weinkönigin gewählt.

Eine neue Ära für Schriesheim wie für die Winzergenossenschaft begann 1974 mit der Wahl des damals 31 Jahre alten Peter Riehl zum Bürgermeister. Seine erste öffentliche Amtshandlung war die Krönung von Edith Rufer zur Schriesheimer Weinkönigin. Konstantin Groß schreibt: "Ein kurioses Foto hat den damaligen Akt festgehalten: Riehl küsste die Königin und die Prinzessinnen; Edith Rufer war, wie sie später erzählt, darauf nicht gefasst und zeigte aus diesem Grunde einen geradezu widerspenstigen Gesichtsausdruck."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung