27.11.2020

Altenheime sind keine Festungen mehr

Der Unterschied zum ersten Lockdown: Besuche sind in engem Rahmen erlaubt - Schnelltests sind nicht das große Thema

Von Nicoline Pilz

Schriesheim. Das Klatschen für das Pflegepersonal ist weniger geworden, ihr Arbeitsaufwand in Senioren- und Pflegeheimen ist indes gestiegen. "Wir wandern immer auf einem schmalen Grat zwischen der Erwartung von außen, viele Besucher ins Haus zu lassen – und wir wollen auch ein offenes Haus sein – und der Notwendigkeit, das Ansteckungsrisiko zu vermeiden", sagt Heidi Farrenkopf von der Altenhilfe der evangelischen Stadtmission. Die Stadtmission ist Träger des Hauses "Stammberg" in Schriesheim, neben dem Haus "Ella" in Altenbach und dem Haus "Edelstein, eine von drei Einrichtungen, in denen sich die RNZ nach der aktuellen Situation erkundigt hat – und die glücklicherweise bisher von großen Coronaausbrüchen verschont geblieben sind.

Im Stammberg mit seinen 80 Plätzen ist der Alltag unter Corona-Bedingungen anders geworden, soll aber so normal wie möglich sein. "Besuche dürfen ja stattfinden, aber wir appellieren an die Angehörigen, sich auf eine Bezugsperson zu verständigen, die dann regelmäßig ins Haus kommt", schildert Farrenkopf. Das Tragen einer FFP2-Atemschutzmaske wird den Angehörigen während der Besuchsdauer ans Herz gelegt, den Bewohnern ebenso in Pflegesituationen. "Um die Mitarbeiter zu schützen", sagt Farrenkopf weiter. Diese tragen den Atemschutz wiederum, wenn "gesichtsnah" gearbeitet wird, also auch beim Anreichen von Essen. Beschäftigungsangebote wurden nach Wohnbereichen aufgeteilt; das Singen fällt zum Leidwesen vieler Bewohner flach. Und die Gottesdienste, die in der Kapelle stattfinden, werden in die Wohnbereiche übertragen.

Heidi Farrenkopf spricht von der "Verantwortungsgemeinschaft" im Haus. Das schließt Mitarbeiter, Angehörige und auch Bewohner mit ein. Jeder könne seinen Anteil leisten, das "Virus draußen aus dem Haus zu halten". Das ist bislang gelungen. In den sieben Einrichtungen der Stadtmission gab es zwei Erkrankungen. "Mir ist es wichtig, unseren Mitarbeitern zu danken, wir müssen ihnen viel abverlangen", sagt Farrenkopf. Wie viel, das sei in der Öffentlichkeit in den Hintergrund gerückt. Farrenkopf unterstreicht die Bedeutung von Prophylaxe als Schutzmaßnahme. "Wir haben auch Schnelltests, aber sie sind eigentlich eher unser Plan B", meint sie.

"Ja, wir haben viel weniger Besucher als vorher. Das liegt an der Angst der Angehörigen", stellt Hubertus Seidler, Geschäftsführer und Gesellschafter der SWB Wohnstifte Betriebsgesellschaft fest, die das Haus "Edelstein" mit 40 Plätzen betreibt. Allerdings versuche die Einrichtung ohnehin, die Besuche zu steuern, um sie zu entzerren. "Wir haben dafür mehr Beschäftigungsangebote auch am Wochenende", schildert Seidler. Angebote, die das Haus mit vorhandenem Personal individuell auf diejenigen Bewohner zuschneide, bei denen man sehe, dass sie es dringend brauchten.

Für die Besuche selbst gebe es kein Zeitkontingent, schon gar nicht bei Schwerkranken oder im Hospiz. "Dafür ist jede Zeit da", betont er. Das Haus nehme zurzeit keine neuen Bewohner auf. Seit letzter Woche gebe es erstmals Schnelltests, mit denen man je nach Bedarf Angehörige oder Bewohner testen könne. "Das machen wir nur, wenn wir denken, dass die Würdigung des Tests auch gegeben ist", meint Seidler. Manche Angehörige zeigten für einen Test ohnehin kein Verständnis. "Auch da sind Querdenker dabei", sagt Seidler. Der Umgang mit Bakterien und Viren sei in den drei Einrichtungen der SWB seit Jahren "eher Routine". Derzeit gebe es 90 positiv getestete Personen in den drei Häusern, wovon vier Bewohner im Krankenhaus seien. "Der Rest hat gar keine Symptome – das ist ein ganz wichtiger Aspekt, weil wir sehen, dass wir mit dem Virus gut umgehen können." Dennoch betont auch er die Bedeutung der Risikominimierung.

"Wir haben den Angehörigen geschrieben, dass wir Besuche etwas runterfahren und sie aufs Nötigste beschränken", erklärt Joachim Veigel, Leiter vom Haus "Ella" der RNZ auf Anfrage. Ein- bis zweimal wöchentlich, das sei auf gutes Einvernehmen gestoßen. "Für die Angehörigen war es im ersten Lockdown schlimmer als für die Bewohner selbst, weil sie da gar nicht kommen durften", meint er. Das Haus mit 30 Plätzen ist familiengeführt, das Personal langjährig tätig. "Wir haben überwiegend demente Bewohner und mit Einsamkeit nicht so viel zu tun", meint Veigel.

Der beste Schutz sei die Kontaktbeschränkung – bei den Besuchern werde man Temperatur messen. Ansonsten, so Veigel, bleibe er gelassen: "Es kommt, wie es kommt, aber wir bemühen uns, Infektionen aus dem Haus zu halten."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung