28.11.2020

Lärm-Zoff in Schriesheim: Zu laut? Jetzt wehrt sich Kling-Malz gegen die Vorwürfe

Beschwerde wegen tieffrequenten und eine Klage wegen "normalen" Lärms - Zwei Gutachten kommen aber zu Ergebnissen, die die Firma entlasten

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Es ist ein ungewöhnlicher Schritt, den Heinrich und Axel Kling gingen: Sie gaben eine Pressekonferenz wegen der angeblichen Lärmbelästigung, die von ihrer Fabrik ausgeht. Die existiert seit 135 Jahren, pro Jahr werden hier 48.000 Tonnen Malz produziert, vor allem für die Bierhersteller.

Vor allem der 80-jährige Heinrich Kling nimmt "die Kritik persönlich": Erstens ist er selbst Schriesheimer und war auch 20 Jahre lang Stadtrat, und zweitens ist er sich mit seinem Sohn Axel (50) sicher, alles getan zu haben, um seine Firma, eine der wenigen inhabergeführten Malzfabriken, möglichst leise zu machen.

> Die Vorwürfe: Mittlerweile bekannt ist das Anliegen von Susanne Klug aus Altenbach, die unter tieffrequentem Lärm leidet und sich mehrfach – sei es durch zwei Gespräche mit der RNZ und einen Auftritt vor dem Gemeinderat – zu Wort gemeldet hat. Als einen Hauptverursacher macht sie das 2007 erbaute Blockheizkraftwerk aus, in dem Palmöl verheizt wird. Das betreibt Kling-Malz nicht selbst, sondern nutzt nur dessen Wärme, der Strom wird eingespeist. Es arbeitet rund um die Uhr, gerade nachts fühlt sich Klug gestört. Am 23. Oktober, von 21.45 bis 23.45 Uhr, machte das Amt für Gewerbeaufsicht und Umweltschutz des Kreises eine Messung mit vier Geräten in Klugs Wohnung.

Das neunseitige Gutachten kommt zu dem Schluss, dass "bei keiner der Messungen Anhaltspunkte dafür vorlagen, dass in der Wohnung von Frau Klug tieffrequente Geräusche vorherrschen". Zu dem Zeitpunkt, an dem Klug die Lärmsituation am schlimmsten einstufte, war gerade keine Anlage, weder in der Mälzerei noch das Kraftwerk, in Betrieb. Daher sieht das Amt auch keine Möglichkeit, Kling-Malz auf mehr Lärmschutz zu verpflichten. In einer ersten Reaktion auf das Gutachten bezweifelt Klug, dass an diesem Abend wirklich die Anlagen so liefen wie normalerweise. Außerdem habe sie nie gesagt, dass die ihre gefühlte Lärmbelastung höher war, als alles stillstand. Sie beharrt weiter auf mehr Schalldämmung bei Kling.

Es gibt im Moment allerdings noch ein ganz anderes Verfahren, das gerade beim Landgericht Mannheim anhängig ist: Eine direkte Anwohnerin der Fabrik, Ulrike Linhart, beschwert sich über den "ganz normalen" Lärm. Als sie 2006 in ihr Haus an der Talstraße einzog, bemerkte sie, dass die Situation immer schlimmer wurde, weil bei Kling immer mehr Anlagen gebaut wurden. Mittlerweile sei es so laut, dass sie die vordere Terrasse nicht mehr nutzt; im Sommer sei das Schlafen bei offenem Fenster nicht möglich. Gespräche mit der Firma blieben ohne Erfolg, dann ging sie vor Gericht, das zuletzt 2017 ein Gutachten in Auftrag gab. Das kommt zwar zu dem Schluss, dass die Firma die Grenzwerte für ein reines Wohngebiet – 55 Dezibel am Tag und 40 Dezibel in der Nacht – einhält: Bei Linharts Haus sind es tags 44 und nachts 40 Dezibel. Doch auch hier sagt Linhart: "Es war an diesem Tag längst nicht alles eingeschaltet." Und das habe das Messergebnis verfälscht. Die Grenzwerte seien nur "bei drei ausgesuchten Anlagen" eingehalten worden, an andere kam der Gutachter gar nicht ran. Zudem sei an jenem 29. September 2017 nur mittags und nicht nachts gemessen worden – da sei es besonders laut.

Das Gutachten bezweifelt allerdings, dass Kling-Malz tatsächlich, wie von der Firma behauptet, zwischen 2009 und 2014.263. 000 Euro in Schallschutz investiert habe, und kommt nur auf eine Summe von knapp 100.000 Euro. Zugleich wird empfohlen, weitere 21.000 Euro für mehr Schallschutz zu investieren. Inzwischen hat das Gericht einen Vergleich angeboten, beide Streitparteien sollen sich diese Kosten teilen. Linhart lehnt das ab, Kling nicht.

> Was Kling-Malz entgegnet: Am ausführlichsten äußern sich Heinrich und Axel Kling zu den Vorwürfen Klugs – denn das Verfahren, das Linhart angestrengt hat, schwebe noch. Das jüngste Gutachten sei eindeutig, die Firma sei für den niederfrequenten Schall, den Klug in Altenbach wahrnehme – 4,3 Kilometer Luftlinie entfernt und durch drei Bergrücken von der Fabrik getrennt –, nicht verantwortlich. Sie verweisen darauf, dass bei allen neuen Anlagen Lärmgutachten erstellt werden müssen – und bisher ergaben die, dass alles in Ordnung sei. Zudem habe man viel in Schallschutz investiert und die Empfehlungen der Gutachter umgesetzt: "Wir haben die Stück für Stück abgearbeitet, jetzt können wir nur noch die Mälzerei zumachen, damit es leise wird", meint Heinrich Kling bitter.

Er und sein Sohn verweisen darauf, dass es weder seitens der Stadt noch vom Landratsamt Auflagen wegen nicht eingehaltener Grenzwerte gegeben habe. Und außerdem: Der Verkehr der Talstraße ist mit 55 Dezibel deutlich lauter. Die zweite Betriebsstätte in Edingen sei fast völlig von Wohnbebauung umgeben, aber da gebe es nie Klagen. Dabei verweisen beide auf das Umweltengagement der Firma: So soll in Kürze die alte Ölheizung durch ein zwei Millionen Euro teures Holzhackschnitzel-Kraftwerk abgelöst werden – die Firma wird also ab 2022 CO2-neutral.

Und wie erklären sie sich die Lärm-Beschwerden? "Leute, die zugezogen sind, haben vielleicht ein anderes Lärmempfinden", meint Axel Kling. Er selbst wohnt auf dem Betriebsgelände. Welche Geräusche hört er denn? "Nur den Kanzelbach."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung