30.11.2020

Wie feiert man "Corona-Weihnachten"?

An Heiligabend gibt es die Gottesdienste nur im Internet - Aber nicht das ganze Fest wird digital

Schriesheim. (hö) Eigentlich hat sich für die Kirchengemeinden seit dem neuerlichen Lockdown wenig geändert, Gottesdienste gibt es ja weiter. Aber wie soll das gerade an Heiligabend werden? Die beiden evangelischen Kirchen sind proppenvoll – und allein beim Krippenspiel sind zwischen 60 und 70 Kinder aktiv. Diese "Massen" schreckten die beiden Pfarrer Suse Best und Kieren Jäschke: "Die Horrorvorstellung ist, Leute heimschicken zu müssen. Das hätte man nicht verstanden", meint Best.

Im Gespräch war zunächst auch, sozusagen nach Großsachsener Vorbild, nach draußen zu gehen – vielleicht auf den Festplatz oder ins Feld. Aber das "ist für uns nicht machbar", denn "zentral sind an Weihnachten schon die Gottesdienste": Zu den vier in Schriesheim kommen 2000 Besucher, auch bei den zwei in Altenbach sind es über 300: "Wie sollen wir das schaffen – gerade mit dem Abstandhalten und der Dokumentationspflicht? Wir haben in Schriesheim ganz andere Größenordnungen als in Großsachsen. Und was ist mit dem Wetter?", fragt Best. Und so gibt es an Heiligabend "nur" einen Online-Gottesdienst, aber der soll so gestaltet werden, dass sich die Gläubigen "mitgenommen" fühlen – also interaktiv werden. Da sucht dann Jäschke Schriesheims schönsten Tannenbaum oder die hübscheste Krippe, die Beiträge schickt man bitte per E-Mail bis zum 22. Dezember an weihnachten@ekisa.de: "Wir wollen versuchen, ein Wir-Gefühl zu schaffen", so Jäschke, "und zwar aus der vertrauten Kirche." Mit diesen Mitmachaktionen will er die virtuelle Anonymität durchbrechen. Ansonsten verspricht Jäschke eine kurze Predigt – zumindest für seine Verhältnisse –, anschaulich mit Bildern unterlegt: "Schon was für die ganze Familie." Und wem das vielleicht zu viel Schnickschnack sein sollte, für den gibt es um 22.30 Uhr mit der Christmette "die besinnliche Alternative", so Best.

Beide Pfarrer empfehlen, nicht einfach den Rechner anzuschalten, sondern sich innerlich auf die Gottesdienste vorzubereiten – und vielleicht eine Kerze anzuzünden. Und das Krippenspiel? Auch das gibt es – wenn auch rein digital und in personell abgespeckter Version – abrufbar an Heiligabend ab 15 Uhr.

Auch wenn Online-Gottesdienste nichts Neues sind, an Weihnachten als Fest der Gemeinsamkeit schmerzt das schon: "Wir leiden ja selbst darunter, dass es keinen Präsenz-Gottesdienst geben wird, aber wir wollen zeigen, dass man Weihnachten trotzdem feiern kann." Andererseits gibt es auf die Internetformate durchaus positive Resonanz: Die Bewohner des Hauses Stammberg meinten: "Des is jo unser Kärsch" – und fühlten sich fast so, als wären sie da. Auch Exil-Schriesheimer schauen gern bei www.ekisa.de rein.

Es sind noch mehr digitale Angebote geplant: Vom 24. Dezember bis zum 6. Januar gibt es eine einstündige Schnitzeljagd durch die Stadt – auch hier stand der Gedanke Pate, "Teil der Weihnachtsgeschichte zu sein" (Jäschke). Und in die Besinnung zum Advent wird ab diesem Samstag mit den Exerzitien gestartet – gerade für diejenigen ideal, die unter fehlender Gemeinschaft leiden. Die Lieder- und Exerzitienhefte – Best: "Der Vorteil ist, man darf zuhause singen" – gibt es in der Kirche, über die Videokonferenzplattform Zoom begleitet sie die geistlichen Übungen.

Aber Weihnachten wird doch nicht ganz digital: Es gibt am Ersten Weihnachtsfeiertag die "normalen" Gottesdienste in der Kirche – und zwar in Schriesheim (10.30 Uhr) wie in Altenbach (9 Uhr, jeweils Jäschke); am Zweiten Feiertag soll es – zumindest Stand heute – wieder die Waldweihnacht an der Mannswiese geben. Und auch an Heiligabend kann man in die Kirche, zumindest in Altenbach. Dort brennt das Friedenslicht aus Bethlehem, das man sich mit einer Kerze ins Haus holen kann; vor der Schriesheimer Kirche, auf der Terrasse, gibt es ab 14 Uhr einen meditativen Weg zur Krippe mit mehreren Stationen.

Die neue Art, Weihnachten zu feiern, sei deutlich arbeitsintensiver als früher. "Und wann gab es das schon mal", fragt Jäschke, "dass ich vor dem Ersten Advent mit meiner Heiligabend-Predigt fast fertig war?".

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung