07.12.2020

Dirceu Braz wird 70: Der brasilianische Trompeter in der Schriesheimer Altstadt

Dirceu Braz blickt auf bewegte 70 Jahre Leben zurück. Mit seinen Einnahmen unterstützt er soziale Projekte in seiner Heimat.

Schriesheim. (max) Wer samstags durch die Schriesheimer Altstadt schlendert, hat ihn vielleicht schon mal bemerkt, den Trompeter, der seine Musik durch die Straßen schallen lässt. Dass es sich bei diesem Trompeter aber keineswegs um einen einfachen Straßenmusiker handelt, sondern um einen viel gereisten Interpret, Autor und Maler, das wissen nur die wenigsten.

1950 wurde Dirceu Braz in São Paulo als eines von fünf Kindern eines Metallarbeiters und einer Hausfrau geboren. Bereits im Alter von sechs Jahren begann er, als Schuhputzer und Orangenverkäufer zu arbeiten, um die Familie zu unterstützen. Von seinem zwölften Lebensjahr an arbeitete Braz in einer Möbelfabrik. Als 14-Jähriger malochte er dort bereits zehn Stunden am Tag und besuchte abends die Schule, die er mit dem Abitur beenden konnte.

Mit 17 Jahren erlitt er einen Unfall mit einem Zug, der ihn zwang, die Arbeit in der Fabrik aufzugeben. In dieser Zeit entdeckte er die Trompete und entwickelte den Traum, Musiker zu werden. Von da an legte er all seine Zeit und Konzentration in das Erlernen des Instruments: "Den ganzen Tag habe ich meine Familie mit meiner Musik terrorisiert", sagt er und lacht. Er berichtet, dass die Nachbarn begannen, Steine an die Fenster des Elternhauses zu werfen, wenn er manchmal bis zehn Uhr abends übte.

Nach Abschluss der Schule begann er, an der Musikhochschule in São Paulo Trompete zu studieren. Um sich sein Studium zu finanzieren, fing Braz erstmals an, als Straßenmusiker aufzutreten. Außerdem wurde er Solotrompeter in einem Jugendsinfonieorchester und spielte noch in weiteren Ensembles. Sein eigentliches Studienziel aber war Europa. 1973 wurde er als einziger Trompetenschüler an der Stuttgarter Musikhochschule angenommen. Von dort aus ging es weiter ans Zürcher Konservatorium, wo Braz in der Meisterklasse von Henri Adelbrecht lernte.

1980 begann er, als Dozent für Trompete an der städtischen Musikschule in Heidelberg zu lehren. Gleichzeitig feilte er mit Nachdruck an seiner Solokarriere. Im ersten Jahr in Heidelberg wurde ihm sein erster Plattenvertrag angeboten. Durch diesen konnte er sich international einen Namen machen und zahlreiche Tonträger verkaufen.

Nach einem Autounfall im Jahr 1992 kündigte er sein Deputat in Heidelberg, kaufte sich einen VW-Bus und begann, in ganz Deutschland Konzerte und Straßenmusikauftritte zu absolvieren. So erzählt er, dass er in Trier seinen Bus parkte, schnell in einem Schwimmbad duschte, seinen schwarzen Anzug und die Fliege anzog und dann einen ausverkauften Auftritt in einer Kirche spielte. Zu dieser Zeit war er auf das Geld aus der Straßenmusik und den Tonträgerverkäufen nicht mehr angewiesen. Durch das Reisen im Bus konnte er außerdem viel Geld sparen. Um das Ersparte sozialen Projekten in Brasilien zukommen zu lassen, gründete er den Verein "Mogi Fonds".

Mit dem Verein machte es Braz sich zum Ziel, soziale Zentren aufzubauen, in denen sich Kinder aus armen Verhältnissen nach der Schule aufhalten können. Sie bekommen dort etwas zu essen und die Möglichkeit, an Mal- oder Musikunterricht teilzunehmen.

Für einige Projekte kämpfte er hart: So erwarb er ein Grundstück zum Bau einer Schule in seinem Heimatort, bekam aber zunächst keine Baugenehmigung. Erst nach langen Verhandlungen mit der örtlichen Verwaltung konnte aus dem Projekt Wirklichkeit werden. Heute ist es selbstständig und trägt sich weitestgehend selbst. Andere Projekte stecken noch in den Kinderschuhen und sind auf seine und andere Spenden angewiesen.

Doch nicht nur Musik treibt Dirceu Braz um. Er hat über 40 Bücher geschrieben und 15 davon publiziert. Außerdem sagt er von sich selbst, er sei ein "Bücherfresser". Seine dritte Leidenschaft, das Malen, bringt ihn langsam in die Verlegenheit, dass seine Wohnung in Mannheim-Käfertal vollsteht mit über 600 Bildern: "Meine Hauseigentümerin sagte letztens, einer müsste hier langsam raus, entweder ich oder die Bilder", berichtet der umtriebige Trompeter, dessen Musik auch auf der Musikplattform Spotify zu finden ist. Beim Schritt in den digitalen Raum half ihm einer seiner beiden Söhne, Dominik Braz-Bittrich, selbst erfolgreicher Musikvideoproduzent.

Um niemanden zu stören, und weil er die Akustik schätzt, übt Braz häufig in der Tiefgarage des Viernheimer Rhein-Neckar-Zentrums. Seine Leidenschaft, die Straßenmusik, hat sich in den letzten Monaten etwas verändert. Häufig wurde er von Polizei und Passanten aufgefordert, in den Fußgängerzonen einen Mundschutz zu tragen. Da dies mit dem Trompetenspiel nur mäßig vereinbar ist, spielt er mit einem Schlitz in der Maske. Außerdem zieht er einen Mundschutz über die Trompete. Das stört ihn nicht beim Spielen und erzeugt Aufmerksamkeit: "Es kommen häufig Leute und machen Bilder und Videos."

Auch den Austausch mit den Passanten liebt er an der Straßenmusik. Gerade in Schriesheim, wo er schon vor 30 Jahren ein Konzert spielte, traf er schon Schüler aus seiner Heidelberger Zeit und alte Bekannte. Eine Frau gestand ihm sogar, dass sie sich als junges Mädchen auf einem seiner Konzerte in ihn verliebt habe.

Gerade ist Dirceu Braz 70 geworden, doch ans Aufhören will er noch lang nicht denken, denn mit 70, sagt er, fängt das Leben doch erst an.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung