08.12.2020

Landtagswahl 2021: Weinprobe und Wahlkampf in Corona-Zeiten

SPD-Landtagskandidat Sebastian Cuny verkostete per Internet drei Tropfen aus seinem Wahlkreis - Und nebenbei ging es auch um Politik - "Homeoffice" ist ein Reizthema

Neckar-Bergstraße. (hö) Weinproben (und auch Wahlkampfveranstaltungen) sind im Moment ein Ding der Unmöglichkeit – es sei denn, man verlagert sie ins Internet. Und so hatte am Freitagabend SPD-Landtagsabgeordneter Sebastian Cuny gut 20 Personen aus dem ganzen Wahlkreis vor den Monitoren versammelt, an die er am selben Tag einen Karton mit drei Weinen ausgeliefert hatte – sozusagen ein Probier-Parforceritt über die Bergstraße von Laudenbach über Schriesheim nach Dossenheim. In Vor-Corona-Zeiten gehörten Weinproben mit leibhaftigen Personen zum Standardrepertoire eines jeden Wahlkämpfers in der Region – um sich nicht nur über die Weine im Speziellen, sondern auch über Politik im Allgemeinen zu unterhalten.

In diesem Fall hatte das digitale Format immerhin den Vorteil, dass zumindest zwei Weinbauer ihre Erzeugnisse vorstellen konnten. Den Anfang machte die Laudenbacher SPD-Fraktionsvorsitzende und Nebenerwerbswinzerin Ulrike Schweizer, die einen Spätburgunder-Weißherbst 2019 feinherb als ihren absoluten Lieblingswein anpries. Damit steht sie nicht allein, denn bei der Heppenheimer Winzergenossenschaft war der Tropfen ausverkauft, und Cuny musste sich die Flaschen für die Internet-Weinprobe in den Supermärkten der südhessischen Stadt mühsam zusammenstoppeln. Dieser recht süffige Sommerwein sollte am besten gekühlt getrunken werden, die 20 Gäste an den Bildschirmen – davon kannte die Hälfte diesen Weißherbst noch nicht – taten ihr es nach, und davon war er Dreien zu süß.

Cuny stellte den St. Laurent No.1 aus seiner Heimatstadt Schriesheim vor: Der erste Rotwein des Jahrgangs 2020 ist erst seit einer guten Woche im Verkauf. Und er las brav die Beschreibung der Winzergenossenschaft vor: "Dieser Wein riecht nach heimischen Früchten, Brombeere und Sauerkirsche", um dann zuzugeben: "Ich rieche das nur, weil ich das lese." Unter den Genossen hatte der Wein nicht nur Freunde. Vanessa Bausch aus Laudenbach meinte: "Mein Wein wird das nicht, er schmeckt relativ pelzig", worauf Daniel Schollenberger, ganz Schriesheimer Lokalpatriot, den Rat gab: "Vanessa, einfach mehr trinken!" Alexander Ultes aus Edingen, selbst aus der Weinbranche, meinte: "Ich mag es lieber trockener. Der St. Laurent ist sehr jugendlich und frisch. Das ist eine Sache des Stils. Schlecht ist der deswegen nicht."

Schließlich meldete sich Jochen Konradi von der Dossenheimer Weinmanufaktur mit seinem trockenen 2017er Spätburgunder vom Ölberg zu Wort: Drei Freunde machen seit 20 Jahren ihre eigenen, durchaus ungewöhnlichen Weine, so mit offener Maischegärung und fast konsequent im Barrique (Konradi: "Das ist genau mein Ding") ausgebaut. Auch hier: Das ist nicht jedermanns Sache, Vanessa Bausch befand: "Trocken ist der nicht, hat aber ein sehr schönes Etikett." Volker Mayer aus Ilvesheim urteilte: "Er riecht mehr, als er schmeckt." Und der Weinheimer Rudolf Large fasste sein Weinerlebnis so zusammen: "Der Laudenbacher war für mich der Beste, auch wenn er nicht trocken war."

Fast nebenbei wurde auch noch über Politik gefachsimpelt: Cuny brachte sein Leib- und Magenthema, die Gebührenfreiheit bei den Kindergärten, auf die Agenda und rief dazu auf: "Die Landtagswahl sollte zur Abstimmung über die Gebührenfreiheit werden." Das war ziemlich schnell in der Internet-Runde Konsens. Schnell war man auch beim momentanen regionalen Großthema "Lärm", dem Cuny erst am Freitag eine eigene Internet-Sprechstunde gewidmet hatte – und der Schriesheimer Hans Wenk sah dafür nicht nur die A 5 verantwortlich, sondern auch "die Raserei vor Ort". Da konnte sich Cuny vorstellen, dass es bald generell Tempo 30 innerorts geben könnte, "aber das ist Sache der Bundespolitik".

Mehr Raum nahmen Corona und die Folgen ein: In Sachen Schulen forderte Cuny ein "krisenfestes Klassenzimmer", denn das CDU-geführte Kultusministerium sei nicht auf die zweite Welle im Herbst vorbereitet gewesen: "Da wird nicht viel mehr als Lüften empfohlen." Zu einem richtigen Reizthema sollte sich das von SPD-Arbeitsminister Hubertus Heil geforderte "Recht auf Homeoffice" entwickeln: Viele Genossen sahen darin eher eine Strategie der Arbeitgeber, auf Kosten ihrer Angestellten zu sparen – zumal die, wie Ulrike Schweizer bemerkte, ja meist ihre privaten Geräte benutzten. Und Cuny sah, als Betroffener, einen weiteren Nachteil: "Wer im Homeoffice ist, übernimmt meist auch noch zusätzlich die Aufgaben in der Familie."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung