11.12.2020

Corona-Beschränkungen: Altenheim-Leiter wollen Besuchsverbot unbedingt vermeiden

Corona-Beschränkungen: Altenheim-Leiter wollen Besuchsverbot unbedingt vermeiden

Bodelschwingh-Heim in Weinheim Foto: Dorn
Landesbischof Cornelius-Bundschuh sieht bei Bewohnern "Recht auf Risiko" - Heimleiter heben Schutz der Gemeinschaft hervor

Von Sönke Möhl und Carsten Blaue

Karlsruhe/Weinheim/Schriesheim. Bei der Diskussion um Kontaktbeschränkungen und Besuchsverbote in Alten- und Pflegeheimen sollte nach Überzeugung des Bischofs der Evangelischen Landeskirche in Baden, Jochen Cornelius-Bundschuh, auch ein "Recht auf Risiko" berücksichtigt werden. Während ältere Menschen zu Hause gemeinsam mit ihren Angehörigen entscheiden könnten, wie viel Nähe sie angesichts der Corona-Pandemie zulassen, seien Menschen in Heimen in dieser Frage quasi entmündigt. In Einrichtungen stoßen die Aussagen des Landesbischofs auf Widerspruch. Derweil hat Baden-Württembergs Gesundheitsminister Manne Lucha (Grüne) angekündigt, dass es im Fall eines harten Lockdowns nach Weihnachten keine pauschalen Besuchsverbote in Pflegeheimen geben wird.

Lucha sagte, kategorische Besuchsverbote kämen im Südwesten nicht infrage. "Pauschale Besuchseinschränkungen sind für die Bewohner massive Eingriffe, unter denen die Betroffenen während der ersten Phase der Pandemie erheblich gelitten haben." Mittlerweile seien die Einrichtungen und das Personal besser geschützt – etwa mit Ausrüstung und Antigen-Schnelltests; dies mache ein Offenhalten möglich.

Bezüglich der Nähe der Senioren zu Angehörigen sagte Cornelius-Bundschuh: "Vielleicht ist das Recht auf ein Risiko auch ein Menschenrecht", sagte Cornelius-Bundschuh. "Das, glaube ich, gehört einfach dazu und das muss man Menschen auch ermöglichen." Eingriffe in den Privatbereich müsse man im Rahmen halten.

Fehlende Nähe sei gerade im Advent und zu Weihnachten ein großes Thema auch für die Kirche. "Die Atmosphäre wird schwerer durch die Distanz. Immer ist da diese Angst mit im Raum." Die Kirche und die Gemeinden versuchten, in dieser Zeit für die Menschen da zu sein. Das sei eine Chance für die Kirche. "Es geht um eine Haltung, um eine Einstellung zum Leben", betonte Cornelius-Bundschuh. Er erlebe eine neue Nachdenklichkeit. Viele stellten sich die Frage, was die Pandemie für den Lebensstil bedeute. Das Virus habe auch etwas damit zu tun, dass die Menschen die Natur zurückdrängen.

"Wir lassen Nähe in den Zimmern unserer Bewohner immer zu, dabei müssen aber alle einen Mund-Nasen-Schutz tragen", sagt der Geschäftsführer des Weinheimer Bodelschwingh-Heims, Christian Rupp, und verweist auf das Besuchskonzept des Alten- und Pflegeheims. "Wir sind an die Vorgaben des Sozialministeriums, der Gesundheitsämter und des Robert-Koch-Instituts gebunden und müssen diese umsetzen."

In diesem Rahmen, so Rupp, gebe es die Selbstbestimmung der Bewohner durchaus, und niemand werde entmündigt. Aber: "Wir sind, wie andere Heime, Schulen oder Krankenhäuser auch, eine Gemeinschaftseinrichtung. Hier lebt man eben nicht alleine, sondern mit vielen anderen zusammen. Und da sind in dieser Situation Regeln einzuhalten." Man bewege sich im Heim und trage daher auch Verantwortung für den Schutz anderer – ebenso wie Besucher für die Mitmenschen außerhalb. Schon deshalb sei die Entscheidung über Nähe zu Angehörigen keine reine Privatsache.

Moralisch könne man Cornelius-Bundschuhs Aussagen vielleicht anders bewerten. Aber, so Rupp, wenn man ein Risiko eingehe und es komme zu Corona-Infektionen in einem Heim, dann werde dieses doch wieder komplett dicht gemacht, und das über Wochen hinweg: "Dann gibt es wirklich keine Selbstbestimmung mehr", so der Geschäftsführer. "Deshalb sollte man sich fragen, ob der goldene Mittelweg nicht besser ist." Für diesen plädiert auch Michael Meisel, Leiter des Hauses "Stammberg" in Schriesheim, das zur Altenhilfe in der Evangelischen Stadtmission Heidelberg gehört. Er teilt Rupps Einschätzung.

"Was wir im ersten Lockdown erlebt haben, müssen wir jetzt vermeiden", so Meisel. Laut gültiger Verordnung darf jeder Heim-Bewohner derzeit zwei Personen pro Tag empfangen. "Wir bitten jedoch um freiwillige Reduzierung auf eine feste Person – auch, um den Überblick zu bewahren. Aber da können wir nur appellieren", so Meisel. Entmündigt werde in den Heimen sicherlich niemand, auch nicht im "Stammberg". Cornelius-Bundschuhs Äußerungen interpretiert er als Denkanstoß. Es gelte immer, die eigenen Interessen eines Bewohners mit den Einschränkungen in einer Gemeinschaftseinrichtung abzuwägen: "Wir versuchen dabei, jedem möglichst viel Raum zu lassen."

Meisel sagt auch ganz allgemein, jeder habe das Recht, sein eigenes Leben einem Risiko auszusetzen. Aber in einem Heim sei eben nie nur ein Einzelner betroffen, "sondern auch der Nachbar" oder andere im Aufenthaltsbereich. Das müsse man vermitteln, sagt Meisel. Er versteht den Wunsch nach Nähe. Aber vielen Bewohnern seien die Hintergründe der geltenden Beschränkungen nicht ganz bewusst: "Manche verstehen das nicht so richtig." Information sei besonders wichtig. Nicht nur für die Bewohner, sondern auch für Angehörige und Mitarbeiter.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung