11.12.2020

Einfach sagenhaft: Der Ölberg ist mehr als Schriesheims Hausberg

Einfach sagenhaft: Der Ölberg ist mehr als Schriesheims Hausberg

Um den markanten Hügel ranken sich mehrere Mythen - Der Edelstein wurde 1919 gesprengt - Langer Streit um die Herkunft des Namens

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Der Ölberg ist nicht nur der Schriesheimer Hausberg, sondern eine der markantesten Erhebungen an der Bergstraße. Mit seinen noch nicht einmal 450 Metern – um genau zu sein, 449,3 Metern – ist er keineswegs "Spitze", der nahe Hartenbühl (473 Meter) oder die Hohe Waid (458 Meter) überragen ihn, vom Weißen Stein (549 Meter) mal ganz zu schweigen. Was ihn allerdings besonders macht, sind seine beiden Ruinen, die Strahlenburg im Norden (um 1235 erbaut) und die Schauenburg im Süden (erste Hälfte des 12. Jahrhunderts), und seine Bedeutung als Steinbruch – ähnlich dem Weinheimer Wachenberg, der auch von einer, allerdings neuen Burg (von 1906 bis 1913 erbaut) gekrönt wird. An beiden Bergen wurde seit dem späten 19. Jahrhundert das Vulkangestein Porphyr gefördert. Seit 1930 besorgte das eine gemeinsame Firma, die Porphyrwerke Weinheim-Schriesheim.

Der Abbau geschah mitunter ziemlich rabiat, wie Rainer Loos im Jahrbuch 2014 berichtet. Denn die 1899 gegründeten Schriesheimer Porphyrwerke, die nach einer mehr als zehn Meter hohen Felsgruppe auf der Ölbergkuppe namens "Edelstein" benannt waren, wollten sich 1913 erweitern. Doch schon damals regte sich Widerstand, die Schriesheimer und die Behörden fürchteten vor allem um zwei Kultur- und Naturdenkmale: den Ringwall an der Schwedenschanze und die Felsgruppe "Edelstein". Deswegen mussten die vom Steinbruch ausgespart bleiben. Doch bei einer angeblich unbeabsichtigten Sprengung am 14. November 1919 stürzte der Edelstein in Richtung Steinbruch – und Schriesheim verlor ein Wahrzeichen.

Ähnlich stark litt auch die Schauenburg unter dem Porphyrabbau. Anfang des 20. Jahrhunderts fielen ihm die Mauern der Vorburg zum Opfer. Der Porphyrabbau – das Material wurde vor allem im Straßenbau und als Eisenbahnschotter verwandt – wurde immer umstrittener – auch eine Parallele zum Weinheimer Wachenberg – und schließlich in den sechziger Jahren unrentabel. Nachdem das Schotterwerk an der Landstraße 1967 einem Großbrand zum Opfer fiel, wurde der Abbau eingestellt. Im Gegensatz zum nahen Dossenheim war die Steinindustrie in Schriesheim kein dominanter Wirtschaftszweig. Für das Jahr 1913 sind knapp 100 Beschäftigte belegt, in Dossenheim waren es viermal so viele (bei jeweils etwa 3000 Einwohnern).

Um den Edelstein und seinen Namen – an ihn erinnern heute noch das Altenheim in der Talstraße und die Bushaltestelle davor – ranken sich mindestens zwei Sagen: Nach der einen sollte die einzige Tochter der Strahlenberger mit einem Sohn der Hirschberger Nachbarn vermählt werden, sie liebte aber einen Schauenberger. Kurz bevor der in einen Kreuzzug ging, trafen sich die beiden Liebenden auf dem Ölberg, und sie schenkte ihm eine Schleife mit Edelsteinen zum Schutz vor Gefahren. Der Kreuzzug scheiterte zwar, doch der Schauenberger kehrte heil zurück, und bei der Eheschließung presste er glücklich die Edelstein-Schleife an seine Lippen.

Nach der anderen Sage begehrte ein Waldgeist, der Hutzelmann, die schöne Tochter eines Schriesheimer Bäckers namens Völler. Der versprach ihm Edelsteine, so viele er wollte. Völler führte sein Kind auf den Ölberg, angeblich um ihr den Rhein bei Sonnenaufgang zu zeigen; der Waldgeist übergab ihm die Juwelen, und als der Bäcker den größten Brocken, den der Hutzelmann in den Händen hielt, auch haben wollte, warnte der ihn. Der habgierige Mann beharrte auf dem Stück, der Geist ließ den Riesenstein los, der erschlug den Raffke. Und gleichzeitig verwandelten sich die funkelnden Edelsteine in braunen Porphyr.

Der Name des Berges wandelte sich im Laufe der Zeit kaum – 1355: Odelberg, 1470: Odlberg, 1571: Odelberg, 1627: Ölberg, 1792: Oehlberg, 1886: Oelberg –, gab aber lange Anlass für Rätsel oder gar einen Streit unter Heimatforschern. Auf den ersten Blick erinnert der "Ölberg" (im Sinne von Olivenberg) an die Bibel: Nach dem jüdischen Glauben soll der Messias über den Ölberg nach Jerusalem einziehen und dann das Jüngste Gericht abhalten. Im Neuen Testament zog Jesus über diesen Berg nach Jerusalem ein, hier weinte er über die Gottlosigkeit in der Stadt, am Vorabend seiner Kreuzigung wurde er am Fuß des Berges, im Garten Getsemani, gefangen genommen. Schließlich fuhr er nach der Auferstehung vom Ölberg in den Himmel auf.

Und so behauptete 1831 der Geschichtsschreiber Alfred Reumont (1808-1887), "der Oelberg" sei "der Sage nach von zurückkehrenden Kreuzfahrern aus Palästina so genannt" worden. Der Weinheimer Pädagoge und landeskundliche Schriftsteller Albert Ludwig Grimm (1786-1872) leitete den Bergnamen vom germanischen Riesen "Oelwalde" ab; der Kurpfälzer Geschichtsforscher Karl Christ (1841-1927) aus Ziegelhausen sah 1921 eher den nordischen Gott Odin als Namensgeber (wie auch generell für den Odenwald). Der Sprachwissenschaftler Peter Löffelad kam schließlich in seinem Buch "Die Flurnamen der Stadt Schriesheim" (2004) zu dem Ergebnis, dass eine Ölmühle für den Namen des Berges verantwortlich sei.

Dabei ist der Name des Bergstraßenhügels eher profaner Natur: Nach den Erkenntnissen des Dossenheimer Historikers Christian Burkhart leitet er sich von "Ödberg" ab. "Odel" – diese Gewannbezeichnung gibt es auch in Neuenheim – leitet sich von althochdeutsch "ôdi" ("öde, leer") ab. Auch in Ziegelhausen gibt es einen Ölberg – aber eher im Sinne eines felsigen Hangs, "was auf den inzwischen durch den Steinbruchbetrieb stark veränderten Gipfel des Schriesheimer Berges durchaus auch zugetroffen haben dürfte", wie Burkhart analysiert. Löffelad fand diese Beweisführung "absolut schlüssig" und erkannte 2005 in einem Leserbrief an die RNZ Burkharts Namensdeutung an.

Nicht direkt der Ölberg, sondern eher der Nordosthang des Weißen Steins war Ort eines heute fast vergessenen Flugzeugunglücks, an das Dirk Hecht im Jahrbuch von 2012 erinnert: Am 12. November 1937 zerschellte hier eine aus Berlin kommende Heinkel-Maschine der Lufthansa im Anflug auf Mannheim. Zehn Personen kamen dabei ums Leben, zwei Personen überlebten schwer verletzt. Das Flugzeug war wegen schlechter Sicht direkt in eine Bergflanke geflogen und zerschellte dort – eine Parallele zum Flugzeugabsturz am Hohen Nistler bei Handschuhsheim mit 28 Toten 54 Jahre später. Unter den Opfern des Schriesheimer Unglücks – bis dahin eines der schwersten in der noch jungen Luftfahrtgeschichte – war auch der jüdische Kaufmann Max Kornbaum aus Karlsruhe, der in die Maschine gestiegen war, um sein Karlsruher Kaufhaus zu retten. Als einzigem der zehn Toten erhielt er nach der Bergung keinen Leichenmantel, sondern wurde nur in ein Tuch gehüllt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung