18.12.2020

A5-Lärm in Schriesheim: Stammt der Autobahn-Lärm von den neuen Fugen?

A5-Lärm in Schriesheim: Stammt der Autobahn-Lärm von den neuen Fugen?

Für Winfried Plesch (r.) und Fröchweg-Anwohner wurde die A5 nach ihrer Sanierung deutlich lauter. Foto: Dorn
Mehrere Autofahrer berichten von Vibrationsgeräuschen, doch das Regierungspräsidium hat bisher keine Mängel festgestellt.

Schriesheim. (hö) Es gibt eine neue Vermutung, weswegen es auf dem sanierten Streckenabschnitt der A 5 lauter sein könnte als vorher: Es sind nicht die Betonplanken, sondern eher die Querfugen oder gar der neue Belag der Waschbetonplatten. Unabhängig voneinander berichteten zwei Autofahrer, die durch die RNZ-Berichte sensibilisiert waren, dass in Fahrtrichtung Heidelberg ein ratternd-rauschendes Geräusch aufgetreten sei.

Dabei sei auffällig gewesen, dass bei Schriesheim es sich so angehört hätte, als sei der Belag extrem rau, während vor Dossenheim das Rattern über die Querfugen dominierte. In Fahrtrichtung Frankfurt hingegen sei nichts dergleichen bemerkt worden.

Winfried Plesch, die die Anwohner-Initiative aus dem Fröchweg in den Fensenbäumen anführt, kann diese Beobachtung bestätigen: "Wir haben nach dem RNZ-Artikel seinerzeit einen Anruf aus Hirschberg von jemandem erhalten, der sogar schon mit seinem Auto in der Werkstatt war, weil es auf diesem Autobahnstück mit dem neuen Belag so stark vibriert hatte." Weiter habe er bei Fachleuten herausgefunden, "dass eine schlechte Verarbeitung des Belages, zum Beispiel durch Querwellen oder zu tief gefräste Fugen, sogar eine besonders lärmerzeugende Wirkung haben kann". Das war zumindest Ende 2004 auf einem frisch eröffneten Teilstück der Ostseeautobahn A 20 so und machte bundesweit als "Brüllbeton" Schlagzeilen. Im Sommer 2005 wurde dann der Beton durch eine Asphaltdecke überzogen. Ähnliches wird neuerdings von der B 96 auf Rügen berichtet.

Das Regierungspräsidium Karlsruhe sagt hingegen, dass "beide Fahrtrichtungen des Streckenabschnitts der A 5 zwischen Dossenheim und Ladenburg bautechnisch vollkommen identisch erneuert" wurden. Das gelte insbesondere für die verwendeten Materialien für die Fahrbahn, also Waschbeton, und Fugen. Auch der Abstand der Querfugen betrage auf beiden Seiten fünf Meter. Und weiter: "Bei der jeweiligen Abnahme wurden beide Fahrbahnen zu Fuß begutachtet. Dabei wurden keine Mängel festgestellt." Auch lägen keine Informationen seitens der Autobahnmeisterei vor, dass es mittlerweile Beschädigungen an der Fahrbahn gegeben hätte.

So gäbe es aus bautechnischer Sicht keine Anhaltspunkte, "die ursächlich für die beschriebenen subjektiven Wahrnehmungen (brummende Geräusche) sein könnten. Auch wurden uns solche Beobachtungen bisher noch nicht mitgeteilt".

Update: Donnerstag, 17. Dezember 2020, 19 Uhr
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Das Verkehrsministerium macht alle Hoffnungen zunichte
Auch der Lärmschutzbeauftragte des Landes sieht keine Chance auf eine Schutzwand oder ein Tempolimit. Die Grenzwerte sind nicht erreicht.
Schriesheim. (hö) Auch das Landesverkehrsministerium macht den A5-Anwohnern keinerlei Hoffnung, dass sich etwas ändern wird. Eigentlich hatte sich Winfried Plesch an den baden-württembergischen Lärmbeauftragten, den Offenburger Grünen-Abgeordneten Thomas Marwein, gewandt, um ihn darauf hinzuweisen, dass es nach der Sanierung der Autobahn im Frühjahr lauter sei als zuvor und entsprechende Maßnahmen – beispielsweise eine Lärmschutzwand oder wenigstens eine Geschwindigkeitsbeschränkung – verlangt. Nun ließ der über das Verkehrsministerium antworten – und in großen Teilen ist die Antwort der Stuttgarter Behörde wortgleich mit dem, was die RNZ vom Regierungspräsidium vor über drei Wochen als Antwort erhielt.

Demnach liegt die berechnete (und nicht etwa gemessene) Lärmbelastung entlang der Autobahn deutlich unter den Grenzwerten, die eine Schallschutzwand notwendig machen würden. Dabei, so das Verkehrsministerium, habe man neuere Verkehrszahlen von 2019 zugrunde gelegt und sogar die Wirkung der Betongleitwände untersucht – die machen die A5-Anwohner für die höhere Lärmbelastung verantwortlich, weil sie den Schall in die Fensenbäume reflektieren. Demnach liegen die Werte für dieses Wohngebiet bei knapp über 55 Dezibel am Tag und knapp über 50 Dezibel in der Nacht, erst ab 64 Dezibel tagsüber und 55 nachts müssten die Behörden mit Maßnahmen reagieren. Um diese Werte zu erreichen, so das Verkehrsministerium, "müsste sich der Verkehr gegenüber 2019 mehr als verdoppeln, was aufgrund der Leistungsfähigkeit des derzeitigen Ausbaustandards kapazitätsbedingt absehbar nicht eintreten wird".

Die Konsequenz: "In Folge sind im Rahmen der Lärmsanierung unter den aktuellen Rahmenbedingungen leider weder zusätzliche aktive Schallschutzmaßnahmen wie Lärmschutzwälle oder -wände noch passive Maßnahmen an einzelnen Gebäuden möglich."

Zudem bezweifelt das Ministerium – wie bereits schon vorher das Regierungspräsidium –, dass es für die Fensenbäume-Bewohner nach der Sanierung tatsächlich lauter geworden sei: Erstens sei die Schallwirkung der Betonplanken "rechnerisch nicht mehr nachweisbar", und zweitens wurden bei der Sanierung Waschbetonplatten (wenn auch kein Flüsterasphalt) verwandt, die den Lärm um zwei Dezibel vermindert hätten. Und so lehnt man auch den Abbau der Betongleitwände ab – zumal sie auch aus Gründen der Verkehrssicherheit errichtet worden sind: Fahrzeuge gelangen durch sie nicht mehr auf die Gegenfahrbahn, auch Motorradfahrer werden nun besser geschützt, weil die bisherigen Metalleitplanken oft zu schweren Verletzungen führten.

Auch ein Tempolimit zwischen dem Heidelberger und dem Weinheimer Kreuz lehnt das Ministerium ab: Denn auch hier liegen die Grenzwerte von 70 Dezibel am Tag und 60 Dezibel in der Nacht deutlich über dem, was lärmmäßig in den Fensenbäumen errechnet wurde – insofern seien die Voraussetzungen dafür hier nicht gegeben, zumal eine Geschwindigkeitsbegrenzung zu Fahrzeitverlusten führen und somit der Verkehrsfunktion der Autobahn beeinträchtigen würde.

Und so schließt die Antwort aus dem Verkehrsministerium: "Uns ist bewusst, dass die Lärmsituation für Sie leider auch weiterhin unbefriedigend ist. Aus den vorgenannten Gründen und unter den aktuellen Rahmenbedingungen können wir jedoch leider keine Maßnahmen vorsehen, um Abhilfe zu schaffen."

Da Plesch die Antworten – wenn auch aus der Feder des Regierungspräsidiums – bereits aus der RNZ kannte, meinte er nur: "Leider wie erwartet."

Hintergrund: "Warum kein Flüsterasphalt?"

Nun meldet sich nach Uli Sckerl (Grüne) und Gerhard Kleinböck (SPD) auch die CDU-Landtagsabgeordnete Julia Philippi in Sachen A 5-Lärm zu Wort: "Selbstverständlich stehe auch ich im Austausch mit Betroffenen und Kommunalpolitikern vor Ort – sowohl in Bezug auf die A 5, als auf den Lärmaktionsplan und andere Lärmquellen, wie vor allem die B 3." Denn der Verkehrslärm entlang der Bergstraße sei "bekanntermaßen nicht nur in Schriesheim ein Thema", sondern in allen Kommunen ihres Wahlkreises, der nicht nur von Autobahnen, Bahnstrecken und dem Mannheimer Flughafen betroffen sei, sondern besonders auch von der B 3, die durch die Kommunen verlaufe. Von daher sei das Thema Philippi bei ihrer Arbeit im Landtag immer präsent; sie kenne dessen Brisanz und wisse "um die Belastung, die eine Dauerbeschallung mit sich bringt".

Lieber mit den Betroffenen reden

Ihr längeres Zögern, sich zu Wort zu melden, begründet sie so: " Für die Betroffenen in Schriesheim – wie auch in den anderen Kommunen – ist es wichtiger, dass ich gerade in aussichtslos erscheinenden Situationen aktiv nach Lösungen suche, als dass ich damit beschäftigt bin, mich öffentlichkeitswirksam zu positionieren." So habe sie sich in diesem Fall auch bewusst entschieden, nicht noch ein weiteres Schreiben an den Verkehrsminister zu richten: "In diesem Fall war klar, dass das Verkehrsministerium exakt die gleichen Argumente vorbringen würde, wie das Regierungspräsidium. Zudem löst jedes Schreiben eines Abgeordneten im Ministerium eine formale Antwortpflicht aus und bedeutet für die Beamten einen erheblichen bürokratischen Aufwand – und das in einer Zeit, wo in sämtlichen Ressorts mit den Folgen der Pandemie gekämpft wird."

Für sie persönlich stellt sich im Falle Schriesheims vor allem die Frage, warum kein Flüsterasphalt verbaut wurde. Aber: "Bevor ich diese Frage aber an das Regierungspräsidium oder das Verkehrsministerium richte, möchte ich mein bereits geplantes virtuelles Treffen mit Betroffenen abwarten, falls sich dort weitere konkrete Fragen ergeben, die es sich zu stellen lohnt." (hö)

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung