22.12.2020

Säfte und "Zimt-Chips": Mutter beklagt Zuckerfallen in Schriesheimer Kindergärten

"Zuckerfallen" in den städtischen Kindergärten? - Stadt meint, das seien nur Einzelfälle

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Wie gesund ist die Ernährung der Kindergartenkinder? Wenn es nach den Worten von Susanne Leitzner geht, sieht es damit nicht allzu gut aus. Denn als sie auf der Suche nach einem Kindergartenplatz für ihre kleine Tochter war – übrigens lange vor dem Lockdown – fiel ihr in einigen Einrichtungen das Angebot von Säften oder Apfelsaftschorle auf. Zudem standen in den Frühstücksräumen gezuckerte Getreideprodukte (neudeutsch: "Cerealien") wie "Zimt-Chips".

Leitzner schreibt der RNZ: "Für diese Zuckerfallen wurde sogar monatlich Geld von den Eltern eingesammelt. Wir waren geschockt, die Wirkung von Zucker auf Zähne, Gewicht und Konzentration ist allen bekannt, und trotzdem wird es ohne Protest akzeptiert." Zudem hielten die Kindergärtnerinnen auch immer einige Süßigkeiten bereit, um Kinder zu belohnen.

Als sich Leitzner die Homepages der städtischen Kindergärten durchlas, fiel ihr auf, "dass nur einer von sechs einen Fokus auf bewusste Ernährung hat". So habe die "Kinderschachtel" in der Hirschberger Straße ein Zertifikat von der Landesinitiative namens "Bewusste Kinderernährung" ("BeKi"). Leitzner fragt sich: "Warum wird dieses Programm zur bewussten Kinderernährung nicht in allen Kindergärten umgesetzt? Hat man als Eltern dann einfach Glück, wenn das Kind in der ,Kinderschachtel’ aufgenommen wird?".

Sie fordert daher, den Lockdown für die Fortbildung oder Sensibilisierung des Personals zum Thema "Ernährung" zu nutzen, die "Abschaffung aller Zuckerfallen in den Einrichtungen" und schließlich ein Konzept zur dauerhaften Umsetzung in der Einrichtung zu erarbeiten – also kurzum, "jetzt die Chance auf eine Veränderung zugunsten der Gesundheit unserer Kinder zu ergreifen". Sie verbiete ihrem Kind nicht grundsätzlich Süßes, "aber eben in Maßen. Und gerne wählen wir auch selbst aus, was für Süßigkeiten unser Kind bekommt". Von pädagogischen Einrichtungen erwartet sie allerdings "eine Vorbildfunktion und von der Stadt Schriesheim im Speziellen mehr Engagement".

Die RNZ konfrontierte die Stadtverwaltung mit dem Vorwurf und den Forderungen Leitzners. In der Stellungnahme aus dem Rathaus heißt es, dass "im Rahmen der pädagogischen Konzepte unserer städtischen Kindergärten die Ernährung der Kinder selbstverständlich eine bedeutsame Rolle" spiele. Die Kindergärten vertreten ein Selbstverständnis, welches auf eine ausgewogene und gesunde Verpflegung der Kinder ausgerichtet ist.

Das Frühstück werde von den Eltern in der Regel individuell zubereitet, "sodass die Einrichtungen hier nur eingeschränkte Handlungsoptionen haben". Beispielsweise würden den Eltern von den einzelnen Kindergärten Richtlinien für die Auswahl der mitzubringenden Speisen an die Hand gegeben. Zudem würden bei den Mahlzeiten, die durch den Kindergarten zur Verfügung gestellt werden, "qualitativ hochwertige Lebensmittel verarbeitet und auf eine ausgewogene, gesunde Nährstoffzufuhr geachtet".

Allerdings könne es "im Einzelfall situationsbedingt vorkommen, dass auf zuckerhaltige Lebensmittel zurückgegriffen wird". Dies bilde allerdings nicht das alltägliche Ernährungskonzept der Einrichtungen ab, "sondern ist als Ausnahme zu betrachten". Zuckerhaltige Flüssigkeiten wie beispielsweise Säfte oder Fruchtschorlen werden – mit Wasser verdünnt – gelegentlich in den Einrichtungen angeboten. Der Verzehr dieser Getränke werde "auf den individuellen Einzelfall abgestimmt".

Tatsächlich stellt das Landesprogramm "Bewusste Kinderernährung" ("BeKi") auf Landkreisebene jedem Kindergarten (oder jeder Kita) zur Verfügung. Dieser kann sich auch durch "BeKi" zertifizieren lassen, der gesamte Prozess – der übrigens kostenlos ist – dauert zwei Jahre; das Zertifikat ist dann drei Jahre gültig. Das umfasst die Themenbereiche Ernährung und Trinken, allerdings werden weniger konkrete Vorgaben – wie zum Beispiel ein Verbot von "Zuckerfallen" – gemacht, sondern es soll vor allem erreicht werden, dass Essen und Trinken fest in der Konzeption der Einrichtung verankert sind. Vielleicht sind diese Hürden doch für viele Einrichtungen zu hoch: Von insgesamt 9117 in ganz Baden-Württemberg waren zum zehnjährigen "BeKi"-Geburtstag 2019 nur rund 350, also knapp vier Prozent, zertifiziert.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung