07.01.2021

Verlängerter Lockdown: Viel Verständnis, aber auch leise Kritik an der Bergstraße

Verlängerter Lockdown: Viel Verständnis, aber auch leise Kritik an der Bergstraße

Auch in den kommenden Tagen dürfte es in der Weinheimer Fußgängerzone ... Foto: Dorn
Die "Verlängerung" hat Händler, Lehrer, Eltern und Bürgermeister kaum überrascht. Allerdings wünscht man sich mehr Planbarkeit.

Region Bergstraße. (ans/nip/skb/hö/web) Jetzt ist es Fakt: Der "harte Lockdown" wird verlängert, die Kontaktbeschränkungen verschärft. Die Zeit der Einschränkungen für Geschäftsleute, Gastronomen und nicht zuletzt Familien geht – angesichts weiter hoher Corona-Infektionszahlen und der Mutation des Virus – weiter. Die RNZ hat sich an Bergstraße und Neckar umgehört. Das sagen Behördenleiter, Lehrer, Ladenbesitzer und Eltern:

Schriesheim: Bürgermeister Hansjörg Höfer wollte die Beschlüsse der Ministerpräsidentenkonferenz vom Dienstag noch nicht kommentieren. Das Rathaus warte auf die entsprechenden Verordnungen des Landes – so lange sei man zurückhaltend.

Auch der Gesamtelternbeiratsvorsitzende der Schriesheimer Schulen, Patrick Schmidt-Kühnle, kennt nur das, was die Medien berichtet hatten. Seiner Erfahrung nach seien es zweierlei Paar Stiefel, was die Ministerpräsidenten beschlossen hätten und was schließlich vor Ort umgesetzt werde. Prinzipiell begrüßt er es, wenn – wie in der Zeit vor dem zweiten Lockdown – die Schulen nicht pauschal geschlossen werden, sondern nur dort, wo die Infektionszahlen hoch seien. Zumal er meint, dass Schulen keine Corona-Hotspots sind: "Das wird eher in die Schulen hereingetragen." Positiv findet er allerdings, dass sich für Grundschüler und Abschlussklassen eine Perspektive für den Präsenzunterricht ergibt. Für die mittleren Klassen hofft er, dass der Fernunterricht besser als im Frühjahr funktioniert: "In den Schulen hat sich zwar einiges getan, aber noch zu wenig, was die digitale Ausstattung angeht. Da wurden die Kommunen vom Land noch zu oft allein gelassen." Schmidt-Kühnle hat selbst zwei Söhne, die in die achte und zehnte Klasse gehen: "Gerade bei Jugendlichen ist die psychische Belastung groß, wenn sie nicht mehr ihre Freunde treffen können." Insofern sei, gerade auch für die Heranwachsenden, "der Präsenzunterricht die bessere Option, der digitale eher eine Ergänzung". Außerdem sei die Personaldecke bei den Lehrern viel zu dünn, um gleichzeitig beide Lehrformen im Wechselunterricht anbieten zu können.

Weinheim: "Leider war die Verlängerung des Lockdowns aufgrund der noch immer hohen Zahl von Infizierten und der Mutation des Virus zu erwarten", so OB Manuel Just. Neben den Bar- und Clubbesitzern sowie der Gastronomie und dem Einzelhandel würden die Nerven der Kinder und Eltern auf die Probe gestellt. Allzu viel Hoffnung verbreiten will er nicht: "Ich vermute, dass wir bis zum Frühjahr mit mehr oder weniger großen Einschränkungen durch die Pandemie kommen müssen, wie schon 2020." Katja Hoger, Geschäftsführende Schulleiterin der Grund- und (Werk-)Realschulen, zeigt ebenfalls Verständnis für die Maßnahmen. "In einem Klassenzimmer sitzen nun mal 20 bis 30 Kinder." Für die Familien sei es sehr herausfordernd, Beruf, Erziehung und Homeschooling unter einen Hut zu bringen. Einerseits hofft sie, dass die Grundschulen vom 18. Januar an wieder in den Präsenzunterricht wechseln, zumal Digital- oder Hybridunterricht (Teilpräsenzpflicht) hier an Grenzen stoßen. Andererseits verstehe sie Eltern, die Infektionen fürchten. "In diesen Zeiten der Distanz ist es umso wichtiger, sich auszutauschen und einander zu unterstützen", sagt sie. Dennoch würde sie sich über mehr Planbarkeit freuen, auch im Namen der Eltern.

Gerald Haas, Wirt im Restaurant Diebsloch und Sprecher des Gewerbes am Marktplatz, erhält seinen Lieferservice aufrecht: "Unsere Gäste freuen sich, wenn sie uns sehen." Er rechne nicht damit, dass die Restaurants vor März wieder eröffnen. "Man sollte uns sagen, was Sache ist", deutet er an, dass die Politik hier und da zu viel verspreche. Er versuche, Festangestellte zu halten und um Kurzarbeit herumzukommen. Allerdings hätten sich Mitarbeiter schon in verwandte Branchen verabschiedet, etwa den Lebensmittelhandel.

Laut Landtagsabgeordnetem Uli Sckerl sollen – quasi analog zur Gastronomie – ab Montag, 11. Januar, Abholangebote im Einzelhandel möglich sein. Kunden könnten so im Internet oder per Telefon bestellen und die Ware abholen ("Click and Collect"). "Wenn wir verlässliche Daten über hoffentlich sinkende Infektionen und eine rückläufige Inzidenz haben, rückt der Präsenzbetrieb in den Grundschulen und die Kinderbetreuung in den Bereich des Möglichen, vor dem 31. Januar."

Hirschberg: Der Vorsitzende des Bundes der Selbstständigen (BDS), Andreas Well, hält die Verlängerung des Lockdowns aufgrund der immer noch hohen Infektionszahlen für richtig. Mit den anderen Selbstständigen konnte er aufgrund des Feiertags noch nicht sprechen. Er finde aber auch, dass stärker kontrolliert werden muss, "weil sich sonst keiner dran hält". Dass im Land "Click and Collect" ermöglicht wird, findet er für den kleinen Einzelhandel "sicherlich sinnvoll". Kritisch sieht er es aber, wenn Menschenmassen zum Baumarkt strömen, um Bestellungen abzuholen. Er glaubt, dass die Selbstständigen in Hirschberg "Click and Collect" zahlreich anbieten und die Kunden dies nutzen. Vielleicht eher via Telefon als übers Internet. "Bei der Gastronomie hat man ja gesehen, dass das Angebot genutzt wurde." Well selbst will die Warenabholung für sein Raumausstattungsgeschäft auch anbieten. Das "Click and Collect"-System ermöglicht nun auch wieder den Verkauf der "Hirschberg-Gutscheine", mit denen man die Einzelhändler im Ort unterstützen kann. Auch Daniel Sander von "Frisör Fath" zeigt Verständnis für die Verlängerung des Lockdowns. Er hofft, dass "Vater Staat" gerade den kleinen Unternehmen unter die Arme greift. Bis 16. Dezember hatte er noch geöffnet und war so gut gebucht, dass er einige Kunden ablehnen musste.

Edingen-Neckarhausen: Der BDS-Ortsverband Edingen-Neckarhausen/Friedrichsfeld zeigt sich enttäuscht, dass der Politik außer Verschärfungen kein Konzept zur Bekämpfung der Pandemie einfalle. "Und das trotz Hygienekonzepten und zahlreichen Maßnahmen, die eingeführt wurden, um die Verbreitung von Covid-19 zu stoppen", so Apotheker Thomas Luft namens des BDS-Vorstandes. Durch den verlängerten Lockdown würden Gastronomie, kleine Läden und Dienstleister hart getroffen. Hier müsse schnelle und unbürokratische Hilfe her, die man derzeit vermisse. "Insgesamt können wir nicht nachvollziehen, warum der harte Lockdown verlängert wird, deuten doch die bisherigen Zahlen nicht darauf hin, dass die Geschäfte zur Verbreitung des Virus beitragen." Man appelliere an alle, die Regeln einzuhalten und nicht beim "kleinsten Anflug von Schnee die Wälder zu stürmen". Dies trage zum Infektionsgeschehen bei, nicht die kleinen Unternehmen.

Ladenburg: Auch am Carl-Benz-Gymnasium (CBG) stoßen die Maßnahmen auf Verständnis: "Bei einem harten Lockdown müssen alle ihren Beitrag leisten. Dass die weiterführenden Schulen nun auf Fernunterricht wechseln, ist unter den derzeitigen Umständen vertretbar", so der stellvertretende Schulleiter Falko Lohberger. Man wisse aber um die großen Belastungen für Familien.

Bereits seit Schuljahresbeginn hat das CBG das Fernlernkonzept vorbereitet: "Lehrkräfte und Schüler wurden geschult", in den Abschlussjahrgängen sei das Konzept bereits vor Weihnachten zum Einsatz gekommen. Nun würden weitere Erfahrungen auch in der Unter- und Mittelstufe gesammelt. Es werde zudem erörtert, wie die Regelungen zur Notbetreuung am CBG umgesetzt werden. Das CBG prüft außerdem, inwieweit von der Ausnahmeregelung Gebrauch gemacht werden müsse, dass Leistungsfeststellungen in Präsenz erfolgen, was etwa für die Abschlussjahrgänge 11 und 12 gilt.

Auch an der Merian-Realschule stehen die Zeichen auf Fernlernen; über Sonderregelungen für Abschlussklassen wird beraten. Vorab wurde die Schulgemeinschaft über die Möglichkeit informiert, bei Bedarf mobile Endgeräte auszuleihen. Die iPads stammen aus dem Sofortausstattungsprogramm des Bundes und der Länder.

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Verlängerter Lockdown: Viel Verständnis, aber auch leise Kritik an der Bergstraße-2
... und rund ums Schriesheimer Schulzentrum nicht viel voller werden als an Dreikönig. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung