21.01.2021

Altenbach: "Das schnelle Internet war die wichtigste Entscheidung in meiner Amtszeit"

Altenbach: "Das schnelle Internet war die wichtigste Entscheidung in meiner Amtszeit"

Seit sechseinhalb Jahren ist Herbert Kraus von den Freien Wählern Ortsvorsteher in Altenbach – und gilt dort als Kontrahent von Grüne-Liste-Ortschaftsrat Christian Wolf, gegen den er sich 2014 durchsetzte. 2019 verhinderte Kraus, dass Wolf sein Stellvertreter wurde. Foto: Dorn
Altenbachs Ortsvorsteher Herbert Kraus im Jahresrückblick: Er bedauert, dass es im Ortschaftsrat viel Streit gab und kritisiert erneut Christian Wolf.

Von Micha Hörnle

Schriesheim-Altenbach. Herbert Kraus ist seit 2014 Ortsvorsteher Altenbachs. Der 76-jährige Mediziner zog 1970 in die damals noch selbstständige Gemeinde: Er hatte einfach mit dem Zirkel einen Kreis um Heidelberg gezogen, wo seiner jungen Familie die Mieten zu hoch waren. 1984 eröffnete er seine Hausarztpraxis, die er nach knapp 30 Jahren an seinen Sohn Martin übergab. Seit der Kommunalwahl 2014 ist Kraus als Nachfolger Alfred Burkhardts Ortsvorsteher des Stadtteils mit rund 1900 Einwohnern, 2019 wurde er in diesem Amt bestätigt. Zuvor war er 25 Jahre lang Stadtrat. Sowohl Kraus wie auch Burkhardt gehören den Freien Wählern an – und immer wieder lagen beide über Kreuz mit Christian Wolf von der Grünen Liste.

Herr Kraus, was war für Sie kommunalpolitisch der Höhepunkt des letzten Jahres – auch wenn dieses sehr von Corona dominiert wurde?

Das letzte Jahr war stark geprägt vom schnellen Internet in Altenbach – und ich würde sogar so weit gehen zu sagen, dass das die wichtigste Entscheidung in meiner Amtszeit war. Bisher waren wir fast eine Art Entwicklungsland mit Übertragungsgeschwindigkeiten von drei bis fünf Mbit. Die ersten Überlegungen dazu sind schon mehr als drei Jahre her, als die Firma Fibernet eine Trasse plante, zunächst von der Landstraße bis zum Birkenweg. Doch dann schien es geeigneter, das Glasfaserkabel über den Sportplatz zum Härtweg zu verlegen – zumal dieser unbedingt in Ordnung gebracht werden musste. Jetzt ist der Härtweg gut in Schuss, und das Glasfaserkabel gibt es auch in der Hauptstraße – wodurch 70 bis 80 Familien mehr daran angeschlossen werden konnten.

Und was war für Sie der Tiefpunkt?

Die Streitereien, die nicht notwendig wären. Aber damit werde ich leben müssen – wohl bis zum Ende meiner Amtszeit 2024.

Können Sie sich die Streitereien erklären? Dazu gehören immer auch zwei.

Ich sehe keinen Grund, der für mich nachvollziehbar wäre, auch keine eigenen Fehler. Aber ich sehe eine gewisse Profilierungssucht aufseiten von Christian Wolf. Sonst betont er immer, dass man miteinander reden müsse. Aber das ist nur ein Satz ohne Inhalt.

Aber an den Grünen kann man nicht vorbei. Sie sind stimmenmäßig fast so stark wie die Freien Wähler.

Das mag schon so sein. Aber was mir an dieser Partei so missfällt: Ich habe noch kein einziges Mal erlebt, dass ich aus ihren Reihen eine abweichende Meinung von der Parteilinie hörte. Das ist auch im Gemeinderat so. Da gab es nur eine Ausnahme: Barbara Schenk-Zitsch – und die wurde weggemobbt. Das stört mich schon sehr.

Aber es gäbe die moralische Verpflichtung, trotz aller Vorbehalte, den Grünen den stellvertretenden Ortsvorsteher anzubieten?

Das kann schon sein, aber das ist nicht machbar. Wolf würde die ganze Verwaltung durcheinanderbringen – und am Ende spalten.

Wenn Ihre Bilanz der Grünen Liste so vernichtend ist, wieso hat sie dann so große Stimmzuwächse?

Grün ist "in" – egal, was die Partei macht. Das ist eine Sache des Zeitgeistes, aber es wird auch mal wieder anders werden.

Aber in jedem Fall hätten doch die Projekte des Ortschaftsrates mehr Chancen, wenn man einiger wäre.

Mit Sicherheit. Nehmen wir mal die Friedhofskapelle. Ich hatte an einen Windfang aus Glas gedacht, dafür gab es bereits einen Kostenvoranschlag – und das sollte im Ortschaftsrat behandelt werden. Bürgermeister Höfer wollte das aber nicht und schlug vor, die Kapelle herzurichten und die Toiletten zu sanieren. Auf diesen Kompromiss musste man eingehen, sonst wären wir ganz leer ausgegangen.

Aber passiert ist noch nichts?

Nein, ich werde in der nächsten Zeit auf die Stadt zugehen, es ist ja laut dem Kompromiss eine Unterhaltungsmaßnahme, da muss man nicht auf die nächsten Haushaltsberatungen warten.

Sie hatten eingangs die Anbindung Altenbachs ans Glasfasernetz erwähnt. Aber auch da kam es unter den Bürgern zu erheblichen Irritationen.

Bei der Firma Fibernet gab es lange Zeit eine hohe Fluktuation von Sachbearbeitern. Dann kamen noch die restlichen drei Telefonkästen – nach zunächst fünf – hinzu, die ans Glasfasernetz angeschlossen werden sollten plus den Mehrkosten durch eine stümperhafte Planung. Jetzt haben wir immerhin relativ viele Familien, die einen Glasfaserzugang haben; die restlichen, darunter auch ich, haben Geschwindigkeiten von 30 bis 60 Mbit. Das langt fürs Homeoffice.

Ich dachte eher an die vielen Fragen im Zusammenhang mit dem Glasfaseranschluss, die praktisch unbeantwortet blieben: Wer bekommt den Anschluss, oder unter welchen Anbietern kann man wählen?

Ja, das war eine mangelhafte Informationspolitik, überhaupt scheint mir die Kommunikation das größte Problem gewesen zu sein. Bei uns gab es vonseiten Fibernets nur ein einseitiges Informationsblatt, in Heiligkreuzsteinach wurden richtige Broschüren verteilt. Das war alles schon recht dürftig.

Und wann geht es jetzt los mit dem schnellen Internet?

Meine letzte Information ist, dass die Telefonkästen im Februar ans Glasfasernetz angeschlossen werden, erst im Frühjahr wird es losgehen. Viele sind auch damit zufrieden, dass es nicht für jeden ganz schnelles Internet gibt. Ich werde nur immer gefragt, wann es endlich so weit ist.

Aber solche Übertragungsgeschwindigkeiten hätte man auch durch das Vectoring, also ein technisches Aufmotzen der alten Kupferleitungen, das die Telekom kostenlos vorgeschlagen hat, auch bekommen.

Ja, aber Glasfaser ist der Stand der Technik. Und nur mit ihr bekommen wir die Chance, dass der ganze Ort mal damit erschlossen ist. Und ganz davon abgesehen: Wären wir auf dieses Angebot der Telekom eingegangen, hätte Ursenbach nie eine Chance für einen Anschluss ans Glasfasernetz gehabt.

Können Sie eine Perspektive, wann ganz Altenbach ans Glasfasernetz angeschlossen sein wird, geben?

Nein. Jetzt haben wir immerhin eine Grundversorgung. Und wir müssen wohl recht kleine Schritte wegen der Haushaltslage machen.

Anderes Streitthema: der Spielplatz. Was lief da schief?

Nach der Eingemeindungsordnung hätte uns zugestanden, dass wir bei öffentlichen Grünflächen, Kinderspielplätzen und beim Friedhof ein entscheidendes und nicht nur, wie sonst, ein beratendes Gremium sind. Eigentlich hat die Stadt hier keine Entscheidungsbefugnis. Und auch nicht ein einzelner Ortschaftsrat.

Wie hätte die Sache Ihrer Meinung nach laufen müssen?

Nachdem sich die Stadt mit dem Grundstückseigentümer in Sachen Zufahrt geeinigt hatte, hätte sie auf den Ortschaftsrat zukommen müssen. Dann hätte sich der Ortschaftsrat Gedanken gemacht und mit einem Fachmann einen neuen Spielplatz entworfen. Aber seine Probleme bleiben die alten: kein Wasser, keine Natur – und von der Größe her ist er zu klein.

Gäbe es nicht einen besseren Ort für den Spielplatz?

Im Grunde im Wiesental am Ortseingang nach Schriesheim. Aber aus Gründen des Wasser- und des Naturschutzes haben wir vor Jahren dort nicht einmal einen Bolzplatz hinbekommen. Jetzt müssen wir aus dem vorhandenen Platz das Beste machen.

Man wirft Ihnen vor, Sie seien so lange in Sachen Spielplatzsanierung untätig geblieben.

So ein Schmarren! Als Herr Wolf anfing, die Eltern mit der Idee eines Abenteuerspielplatzes an der Nase herumzuführen, wusste er, dass sich der Grundstückseigentümer und die Stadt noch nicht geeinigt hatten. Ich wollte und musste aber zuerst diese Einigung abwarten – und die war lange noch nicht mal ansatzweise gegeben. Jetzt deutet sich eine Lösung an, aber in trockenen Tüchern ist noch nichts.

Ein anderes umstrittenes Thema ist die Feuerwehrhalle. Was ist da Stand der Dinge?

Dass wir eine Halle brauchen, ist unbestritten, denn das Gerätehaus genügt den rechtlichen Bestimmungen nicht mehr. Aber es wäre falsch, eine Halle in den Ortsmittelpunkt zu bauen – allein schon städtebaulich.

Aber die Feuerwehr ist doch selbst dafür.

Weil ihr der Schuh drückt. Dabei loten wir gerade andere Alternativen aus, über die ich noch nichts sagen kann.

Aber es wäre doch praktisch, eine Feuerwehrhalle gegenüber vom Gerätehaus zu bauen, oder?

Da bin ich mir nicht so sicher, denn auch vom Verkehr her wäre die nicht ganz ungefährlich.

Aber abgesehen davon: Diese Variante hat auch im Ortschaftsrat eine Mehrheit.

Ja, wenn unsere Alternative nicht machbar ist, bleibt uns nichts anderes übrig.

Letztes Thema, der Dorfladen. Hand aufs Herz: Glauben Sie, dass es noch etwas mit ihm wird?

Am Anfang wollten sich bei der Bürgerwerkstatt noch über 20 Personen engagieren, jetzt sind nur noch fünf übrig geblieben – was auch an Corona liegen kann. Deswegen haben wir uns bis März vertagt, denn fünf Schultern können so ein Projekt nicht tragen. Ich werde mich in diesen Tagen mit der Volksbank zusammensetzen. Experten haben uns gesagt, dass der Dorfladen wirtschaftlich nicht mehr als vier Euro Miete pro Quadratmeter verkraften kann – bei 100 Quadratmetern als Minimum. Aber mit einer solchen Miete kann die Volksbank ihre Unkosten nicht bezahlen. Ich glaube, je länger die Zeit verstreicht, desto mehr gewöhnen sich die Leute an die Situation – zumal auch Herr Tison mit seinem Kiosk ein Minimum an Versorgung gewährleistet.

Also doch wenig Chancen?

Sie sind sehr gering, wenn auch im März noch so wenige mitmachen sollten.

War der Todesstoß für den Laden, dass nun ein Café ins Gemeindehaus kommt? Denn schließlich galt solch ein Treffpunkt ja als Voraussetzung für einen erfolgreichen Dorfladen nach Hochstädtener Vorbild.

Vielleicht. Andererseits gäbe es dann immerhin ein Café – wenn es die Bürgerwerkstatt schon nicht mit dem Dorfladen schafft.

Angenommen, eine gute Fee käme, und Sie hätten einen Wunsch frei. Was wäre der?

Dass in jeden Haushalt schnelles Internet kommt – damit wir unsere Dorfstruktur inklusive Kindergarten und Schule halten können. Wir dürfen kein reines Schlafdorf werden.

Sind Ihrer Meinung nach Kindergarten und Schule akut in Gefahr?

In Baden-Württemberg haben 40 bis 50 Schulen dieser Größe dichtgemacht. Deswegen ist ja gerade das schnelle Internet so wichtig: Viele Familien würden hierher ziehen, wenn es das gäbe. Und ohne die können sich auf Dauer vielleicht diese Einrichtungen nicht halten. Wenn übrigens eine zweite Fee käme, würde ich mir von ihr eine gescheite Trauerhalle wünschen.

In diesem Jahr ist Bürgermeisterwahl. Was erwarten Sie sich von Höfers Nachfolger?

Ich hätte gern einen Kandidaten, der vom Fach ist. Und dem würde ich sagen: Lies den Eingemeindungsvertrag und besprich Dich mit dem Ortschaftsrat – und frage, was wir für Probleme haben. Mein Verhältnis mit Höfer ist nicht schlecht, aber die Kommunikation hätte intensiver sein können.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung