28.01.2021

Holocaustgedenken: Ein stiller Tag in Schriesheim

Holocaustgedenken: Ein stiller Tag in Schriesheim

Joachim Maier legte an der Tafel der Schriesheimer NS-Opfer auf der Kriegsopfergedenkstätte weiße Rosen nieder und ein ausgedrucktes Gedicht. „Das Zeichen“ hatte 1942 der nach Palästina geflohene gebürtige Münchner Schalom Ben-Chorin verfasst. Foto: Dorn
Schriesheimer legten Blumen an der Kriegsopfergedenkstätte nieder. Joachim Maier erinnert an Frieda Heidelberger und Michael Freund.

Schriesheim. (hö) Es war ein ungewöhnlicher Holocaustgedenktag am Mittwoch: Denn es gab coronabedingt kein öffentliches Gedenken. Professor Joachim Maier legte am Vormittag an der Kriegsopfergedenkstätte weiße Rosen nieder, um 17 Uhr läutete jeweils eine Glocke der evangelischen und der katholischen Kirche für eine Minute. Zu dieser Zeit hatte sich eine Handvoll Schriesheimer auf dem Gelände in der Bismarckstraße eingefunden.

Maier lädt seit 2013 zu einer öffentlichen Veranstaltung ein, zu der meist über 50 Zuschauer kamen. In den letzten Jahren wirkten zudem Frieder Menges (2018) und der Leistungskurs Geschichte des Kurpfalzgymnasiums (2020) mit. Menges las einen Brief von Alfred Herbst vor, den der gebürtige Schriesheimer aus der Haft an seine Frau und Tochter schrieb. Als Mitglied der evangelisch-freikirchlichen Gemeinde war er Pazifist und verweigerte den Kriegsdienst. Im Mai 1943 wurde er wegen Wehrkraftzersetzung hingerichtet. Kurz nach Kriegsende, 1946, wurde die Kriegsstraße nach ihm benannt. Menges wohnt übrigens in der Alfred-Herbst-Straße.

Maier hat auch die Schicksale der 32 Schriesheimer NS-Opfer nachgezeichnet, die auf der 2006 aufgestellten Tafel vermerkt sind. 30 stellte er bereits bei den Gedenkveranstaltungen der letzten acht Jahre vor, es fehlen also noch zwei: Frieda Heidelberger und Michael Freund.

Frieda Heidelberger (1871-1942): Sie wurde 1871 als erstes Kind der jüdischen Eheleute Joseph und Johanna Victor in Heilbronn geboren. 1892 heiratete sie den jüdischen Kaufmann Emil Heidelberger aus Mannheim, der 1920 starb; sie hatten drei Kinder. Im August 1932 ging Frieda Heidelberger nach Schriesheim, denn im Kreisaltersheim wohnte ihre Mutter, die 1935 starb. Seit 1935 wuchs der Druck auf die Heime, keine weiteren jüdischen Bewohner aufzunehmen oder zu beherbergen. Im November 1936 ging Frieda Heidelberger ins Aachener jüdische Altersheim. Nach der Reichspogromnacht im November 1938 musste sie die über alle Juden verhängte "Judenvermögensabgabe" in Höhe von 25 Prozent des Besitzes entrichten, im März 1939 wurde sie gezwungen, all ihren Schmuck und Silber bei der Pfandleihe der Stadt Aachen abzuliefern. Mitte 1942 wurde die 71-Jährige zur "Evakuierung" eingeteilt; die "Transportkosten" mussten die Deportierten selbst bezahlen. Am 25. Juli 1942 wurde sie mit weiteren 979 Personen aus Aachen und Düsseldorf in das Getto Theresienstadt deportiert, wo sie nach nur drei Wochen am 14. August 1942 starb.

Michael Freund (1929-1944): Sein Vater war der vom Judentum zur evangelischen Kirche konvertierte Mannheimer Rechtsanwalt Ludwig Freund, deswegen wurde Michael Freund evangelisch getauft und konfirmiert – für das NS-Regime war er dennoch "Halbjude". Ludwig Freund hatte schon um 1924 in Schriesheim in der oberen Talstraße beim "Bellenbrunnen" ein Haus erworben, in dem die Familie im Sommer lebte. Ludwig Freund starb früh im Dezember 1935 – auch weil seine Kanzlei immer mehr boykottiert wurde. Michael Freund musste die Oberschule für Jungen in Mannheim nach vier Jahren im März 1943 wegen seiner Abstammung verlassen – und wurde Hilfsarbeiter. Als Mannheim immer stärker bombardiert wurde, zog seine Mutter im Oktober 1943 in das frühere Sommerhaus. In der nahen Mühle hatte er Kontakt mit einem Arbeiter, beide diskutierten über die Situation; für den Jugendlichen war der Krieg nicht mehr zu gewinnen. Das erfuhr man auf dem Rathaus, worauf ihn der Bürgermeister und Ortsgruppenleiter anzeigte. Michael Freund wurde wegen "staatsfeindlicher Äußerungen" am 24. Juli 1944 von der Gestapo im Rathaus verhört. Dort wurde er als "typischer Jude" beschimpft, der "nur als solcher behandelt werden kann". Nach dem Verhör ging der junge Mann nach Hause und erschoss sich. Für ihn wurde 2012 ein Stolperstein in der Talstraße 158 verlegt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung