05.02.2021

Tieffrequenter Lärm: Der mühevolle Kampf gegen Dauerbrummen

Tieffrequenter Lärm: Der mühevolle Kampf gegen Dauerbrummen

Heike Fillbrandt (l.) aus Lützelsachsen und Susanne Klug aus Altenbach leiden unter Brummtönen. Jetzt organisieren sie sich. Foto: Dorn
Heike Fillbrandt und Susanne Klug macht tieffrequenter Lärm zu schaffen. Das Problem ist in der Öffentlichkeit oft noch nicht angekommen.

Von Marco Partner

Schriesheim/Weinheim. Manchmal ist es wie bei Don Quijote. Ein Kampf gegen Windmühlen, verbunden mit dem Gefühl, in der ausweglosen Situation ganz allein auf weiter Flur zu sein. Nur dass es sich in diesem Fall nicht um ein Gefecht gegen eingebildete Riesen handelt. Vielmehr um das Surren und Wummern von Blockheizkraftwerken, Wärmepumpen und anderen technischen Anlagen, welche den Betroffenen nachts den Schlaf rauben. Etwa fünf Prozent der Bevölkerung werden von tieffrequentem Schall belästigt. Und fühlen sich wie der arme, spanische Ritter in Cervantes’ Roman, in einem schier aussichtslosen Duell gegen die Schattengeräusche des maschinellen Fortschritts.

Heike Fillbrandt aus Lützelsachsen führt diesen inneren und äußeren Kampf schon seit fast sieben Jahren. Seit Februar 2014 nimmt sie brummende Geräusche wahr, die sie am Einschlafen hindern: "Es ist auf- und abschwellend. Mal wummernd, mal klopfend. Eigentlich höre ich sie 24 Stunden am Tag, ohne Ruhepause. Ich komme ungern nach Hause und trage dann ständig Ohrenstöpsel." Wie viele andere Betroffene zweifelte auch sie zu Beginn an ihrer eigenen Wahrnehmung. Denn bei ihrer Familie stieß die 54-Jährige mit ihrem Problem sozusagen auf taube Ohren. "Zunächst durchsucht man das eigene Haus, macht den Kühlschrank und die Heizung aus, dann den Strom", erinnert sie sich. Doch die Brummtöne blieben.

Damals schaltete sie eine öffentliche Anzeige, um herauszufinden, wer in der näheren Umgebung noch etwas hört. Zwölf Personen aus Lützelsachsen, Weinheim, Sulzbach und Hemsbach meldeten sich. Und mögliche Lärmquellen waren bald ausfindig gemacht. "Es gibt verschiedene Einflüsse der Belastung: die Autobahn, der Verkehrslärm, die geänderte Flugschneise, das Blockheizkraftwerk (BHKW) im Miramar oder die Biogasanlage beim Milchbauern", zählt sie auf. Fillbrandt wandte sich an die Stadt und fand vor allem in Bürgermeister Torsten Fetzner einen stetigen Zuhörer. Vor-Ort-Begehungen wurden arrangiert und Fragebögen ausgewertet. "Er möchte wirklich helfen, der Stadtverwaltung und dem Landratsamt ist die Situation bekannt. Nur, es ändert sich leider nichts, meistens verlaufen die Aktionen im Sand", bedauert sie.

Mit der sich gerade gründenden Brummton-Initiative, ein Interessenkreis, dem sich Betroffene von Heppenheim bis Heidelberg anschließen, hofft sie auf mehr Durchschlagskraft. Auf Gehör in der Politik, aber auch auf eine größere Bereitschaft seitens weiterer Leidtragender, die Hemmschwelle zu übertreten und ihre Problemlage publik zu machen. So wie Susanne Klug aus Altenbach. Wie Fillbrandt führt auch sie seit Jahren einen einsamen Kampf gegen den tieffrequenten Schall. Kommuniziert mit der Malz-Fabrik Kling, Lokalpolitikern, Wissenschaftlern oder dem Umweltbundesamt.

Hauptproblem seien die Art der Messungen und die geltenden Grenzwerte. Häufig erfassen die akustischen Proben nur Frequenzen bis 100 Hertz. Tieffrequenter Schall aber hat 16 bis 100 Hertz. "Die Genehmigungen der wesentlichen lärmrelevanten Anlagen sind vor 20, 30 Jahren erteilt worden, als die Technologien und die Produktionsmengen noch andere waren. Die heute geltenden Grenzwerte berücksichtigen nicht, dass es Menschen gibt, die tiefer hören als die Norm. Aber auch dieser Schall ist messbar", betont Klug.

Auch Fillbrandt hat Messungen im und rund ums Haus machen lassen, um dem Brummton-Phänomen auf die Spur zu kommen. Satte 10.000 Euro hat sie für das akustische Ausloten investiert. Letztlich bekam sie den tieffrequenten Schall von einem Umweltmesser aus Birkenau bestätigt. Geholfen hat es wenig. Auch wenn auf ihrem Grundstück ein störendes Geräusch ausfindig gemacht wurde, ist noch lange nicht der exakte Standort der brummenden Anlagen identifiziert. Zudem würden zurzeit nur behördliche Messungen anerkannt. Daher fordern Klug und ihre Mitstreiter neutrale Vor-Ort-Messungen von anerkannten, unabhängigen Gutachtern.

"Schallminderung ist in den meisten Fällen zu einem vertretbaren wirtschaftlichen Aufwand möglich. Der Verursacher müsste vielleicht 14.000 Euro für eine dauerhafte Lösung investieren, und nicht wie ich als Leidtragende 10.000 Euro für nichts", rechnet Fillbrandt vor. 18 Betroffene von Heidelberg bis Riedstadt haben sich inzwischen fest der Brummton-Initiative angeschlossen. Das erste Treffen steht coronabedingt noch aus. "Aber wir hoffen, dass das Thema in der Politik nun endlich auf den Schirm kommt", betont Klug.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung