08.02.2021

Ouessant-Schafe halten den Weinberg sauber

Erstmals weiden insgesamt elf Wollknäuel in Schriesheim - Sie mähen nicht nur effektiv, sondern haben gerade bei Familien eine Fangemeinde

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Diese Wollknäuel sind momentan die Attraktion in den Weinbergen: Drei Winzer, Georg Bielig, Sandra und Michael Merkel sowie Matthias Ringelspacher, haben sich zusammengetan und halten erstmals Schafe, die den Wingert pflegen. Genauer gesagt sind es Ouessantschafe – benannt nach der französischen Atlantikinsel Île d’Ouessant –, gelegentlich heißen sie auch Bretonische Zwergschafe; diese sind weniger als einen halben Meter groß und wiegen keine 20 Kilo.

Anspruchslos, aber verschmust

Die Idee hatte Ringelspacher, als er im Internet Berichte über diese kleinste Schafrasse gelesen hatte: "So etwas gibt es ja noch nicht bei uns." Also besorgte er sich aus Heidelberg zwei Exemplare, mittlerweile sind es elf – Bock Olaf hat ganze Arbeit geleistet –, die in den Weinbergen das Grün kurz halten. Die Vorteile der Ouessantschafe bringt Sandra Merkel auf den Punkt: "Die sind so klein, dass sie nicht an die Reben kommen." Dafür tun sie sich an allem gütlich, was unterhalb der Trauben wächst: "Im Grunde sind das Rasenmäher mit heckseitiger Düngung", sagt Bielig schmunzelnd. Sie fressen auch die Auswüchse der Rebstöcke, die die Winzer sonst mechanisch beseitigen müssten: "Mit einer Maschine würden wir es nicht so gut hinbekommen wie die Tiere. Es ist eine Win-win-Situation", so Michael Merkel.

Auch sonst sind sie nicht allzu wählerisch – außer dass sie keine Brennnesseln mögen, dafür aber Brombeerblätter. "Bei uns haben sie 15 Ar niedergemäht", berichtet Sandra Merkel. Für die drei Schriesheimer Winzer – Merkel und Ringelspacher machen das im Nebenerwerb – hat der Einsatz der Schafe den Vorteil, dass sie während der Beweidung auf Unkrautvernichter verzichten können und zugleich der Boden aufgelockert wird – was die Erosion verhindert. Für Bielig sind die Schafe eine längst fällige Ergänzung der Bergsträßer Kulturlandschaft: "Die braucht ein Zusammenspiel aus Mensch, Tier, Pflanze und Boden. Die ganze Zeit fehlten die Tiere – die haben wir jetzt." Michael Merkel, der die Schafe auch auf seinem Grundstück im Burgweg hält, ist aufgefallen, dass sie auch den Obstbäumen guttaten: "Wir haben elf Jahre keine Mirabellen geerntet – erst letztes Jahr wieder, als die Tiere da waren."

"Sie sind anspruchslos und problemlos", meint Ringelspacher, denn auch im Winter werden die knuffigen und ziemlich anschmiegsamen Tiere – das gilt vor allem für Bock Olaf, einen veritablen Kampfschmuser – draußen gehalten. Das unterscheidet sie von den Ziegen, Bielig hat vier Thüringer Waldziegen: "Die sind Schönwettertiere." Allerdings sind sie noch gefräßiger: "Ein Grundstück, gerade in Steillage, wird durch Ziegen sauber. Sie steigen höher als die Ouessantschafe und gehen auch an die Hecken. Im Grunde fressen die alles." Ringelspacher meint: "Schafe sind schonender, Ziegen kriegen alles kaputt und haben ständig Flausen im Kopf." Das einzige, wofür man sorgen muss, sind im Grunde die jährliche Entwurmung der Tiere und ein Zaun um den Weinberg, der Konflikte mit den Wildschweinen vermeiden soll.

Und, so ergänzt Michael Merkel: Man sollte ein Weidetagebuch führen und vielleicht auch regelmäßig nach ihnen schauen. Aber mittlerweile sind die Schafe den Winzern so ans Herz gewachsen, dass sie von sich aus jeden Tag in den Wingert gehen, um das muntere Quartett zu beobachten und mit ihnen zu schmusen. Allerdings: Die Tiere sind nicht das ganze Jahr in den Weinbergen, von Mitte Mai bis Oktober sollten sie, wenn es im Wingert ernst wird und dort auch gespritzt wird, auf einer Sommerweide gehalten werden.

Vor allem sind die Schafe aber richtige Sympathieträger, die von vielen Schriesheimern besucht werden: "Da stehen sonntags ganze Familien am Zaun." Im Moment grasen die vier Schafe – neben Bock Olaf die drei Auen Anna, Elsa und Hildegard – auf dem Grundstück der Merkels oberhalb vom Dossenheimer Weg, und hier kommen oft Wanderer vorbei. "Dabei ergeben sich immer sehr nette Gespräche. Ich habe schon gehört, dass es bei Familienausflügen heißt: ,Wir wandern bis zu den Schafen’", berichtet Bielig. Und Sandra Merkel weiß: "Sie haben schon eine richtige Fangemeinde." Auch Bielig, Ringelspacher und die Merkels sind ganz vernarrt in die Tiere: "Man wird ganz ruhig, sie erden einen", meint Bielig, und Ringelspacher schwärmt von ihrem "friedlichen Blick".

Mittlerweile hat es sich schon in Schriesheim herumgesprochen, wie effektiv die Ouessantschafe sind: "Wir haben Anfragen von Besitzern einiger Gartengrundstücke", berichtet Sandra Merkel. Pläne, die Herde groß aufzustocken, haben die drei Winzer nicht. Eher denken sie daran, die beiden Herden zusammenzuführen, die dann die Weinberge intensiver, aber kürzer mähen: "Für den Boden ist eine gleichmäßige Beweidung besser", weiß Bielig. Bliebe nur die Frage, wieso sich die fleißigen Ouessantschafe an der Bergstraße noch nicht durchgesetzt haben: "Vielleicht liegt das am Unwillen oder an der Arbeit, die man befürchtet", meint Bielig. Vor allem aber sind die Tiere ein Baustein, die Weinberge auf "Bio" umzustellen. Aber das ist eine andere Geschichte, die die RNZ demnächst erzählt.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung