19.02.2021

Schüler und die Pandemie: "Uns begleitet universelle Unwissenheit"

Ein Jahr Pandemie mit viel Hin und Her in den Schulen: Die Abiturientin Josefine Nord macht sich Sorgen um ihren Abschluss und ihre Zukunft.

Von Maren Schenk

Schriesheim. Die Schulen sind bis zum Montag geschlossen – alle Schüler wurden bis vor den Faschingsferien auf Distanz unterrichtet. Erst nach den Ferien erhalten einzelne Klassenstufen Wechselunterricht. Was die Corona-Pandemie und die Schulschließungen seit letztem Schuljahr besonders für die Schüler bedeuten, die dieses Jahr Abitur machen werden, davon berichtet die 18-jährige Josefine Nord im RNZ-Gespräch. Sie besucht die 12. Klasse (J2) des Kurpfalz-Gymnasiums. Vor allem die Unsicherheit wegen der kommenden Prüfungen und die ungewisse Zukunft bereiten ihr und ihren Mitschülern Sorgen.

Wie hat die Corona-Pandemie bisher Ihre Oberstufen-Zeit beeinträchtigt?

Während der ersten Schulschließung ab Mitte März 2020 – da war ich in der J 1 – klappte der Fernunterricht noch nicht gut. Wir hatten praktisch keine Videokonferenzen, wir bekamen Aufgaben, die aber selten kontrolliert wurden. Dann erhielten wir ab Mai alle zwei Wochen Wechselunterricht – allerdings nicht in allen Fächern. So wurde weniger Stoff erarbeitet als vorgesehen. Jetzt in der J 2 funktioniert der Distanzunterricht besser – in Deutsch haben wir zum Beispiel regelmäßig Videokonferenzen. Das gilt aber nicht für alle Fächer. In Kunst können uns aber derzeit schlecht auf die praktische Abitur-Prüfung vorbereiten, die bereits Ende März stattfindet. Und dann dieses Hin und Her: Erst sollten die Weihnachtsferien früher beginnen, dann doch nicht, schließlich aber doch. Klausuren wurden erst vorverlegt, dann nach hinten verlegt. Das ist sehr belastend für uns! Der Unterrichtsausfall, fehlende digitale Infrastruktur sowie die universelle Unwissenheit, die uns jetzt schon seit einem Jahr begleiten, führen zu einer erheblichen Wissenslücke, die voraussichtlich zu Nachteilen im Abitur führen wird, wenn dieses nicht der Situation angepasst wird. Ich möchte mich mit anderen Abiturienten dafür einsetzten, dass der Thematik endlich mehr Gehör geschenkt wird.

Kultusministerin Susanne Eisenmann hat einige Änderungen des Abiturs bereits zu Beginn des Schuljahrs angekündigt. Reichen die angekündigten Maßnahmen aus Ihrer Sicht?

Die schriftlichen Abiturprüfungen wurden gerade mal um zwei Wochen verschoben: vom 19. April auf den 4. Mai 2021. Es gibt zusätzliche Prüfungsaufgaben zur Vorauswahl durch die Lehrer – allerdings weiß ich von dieser Möglichkeit bisher nur im Fach Deutsch, aber noch nicht, wie diese Vorauswahl aussehen wird. Bei allen anderen Fächern wurde uns dazu noch nichts erklärt. Wenn unsere Lehrer die Erlaubnis hätten, die Abituraufgaben passend zu den in ausreichender Tiefe behandelten Themen auszuwählen, empfände ich das als fair. Es wird aber wohl im Fall Corona-Abitur keine universell passende Lösung geben. Wir sind der erste Jahrgang, der nach der Reform der gymnasialen Oberstufe Abitur macht. Es gibt einige Änderungen, zum Beispiel bei den mündlichen Prüfungen. Die Fächer müssen wir jetzt wählen, ohne Klarheit darüber zu haben, wann genau die mündlichen Prüfungen stattfinden oder ob es noch weitere Änderungen geben wird.

Sie haben auch Kontakt zu Abiturienten aus anderen Städten und Bundesländern. Wie sind deren Erfahrungen?

Viele meiner Bekannten machen sich ebenfalls große Sorgen wegen der kommenden Prüfungen. Es gibt große Unterschiede zwischen den Schulen: An jeder Schule fehlt ein anderes Thema. Am Heidelberger Helmholtz-Gymnasium klappte der Wechselunterricht besser als bei uns am Kurpfalz-Gymnasium, dafür gibt es dort mehr technische Probleme, die digitale Infrastruktur ist nicht so gut wie jetzt in Schriesheim. Dazu kommen Unterschiede zwischen den Bundesländern: In Niedersachsen erhielten die Abiturienten wieder Präsenzunterricht – das ist ungerecht. Durch solche Unterschiede wird das Abitur noch weniger vergleichbar. Es fühlt sich an, als ob es eine Glückssache sei, in welchem Bundesland und an welcher Schule man Abitur macht. Außerdem verschärft sich auch die Bildungsungerechtigkeit: Im Lockdown werden viele schlechte Schüler noch schlechter, gute Schüler haben zwar bessere Voraussetzungen, aber dennoch ebenfalls mit den psychischen Herausforderungen zu kämpfen, die die Pandemie mit sich bringt.

Was macht die Pandemie mit der Psyche?

Meine Mitschüler und ich finden die Corona-Maßnahmen angemessen. Die Menschen in meiner Umgebung schränken sich stark ein und halten sich strikt an alle Vorgaben. Viele Schüler und auch viele Studenten, die ich kenne, sitzen fast nur in ihren Zimmern und lernen. Gerade in der Phase, in der bei uns viele Entscheidungen für unsere Zukunft anstehen, verzichten wir gerade auf vieles. Ich habe nicht nur das Gefühl, dass ich viele wichtige Erfahrungen verpasse. In Corona-Zeiten fehlt es an Austausch, Motivation und Perspektive. Ich finde es ungerecht, von jungen Menschen zu verlangen, die Kraft zur Bewältigung der Situation allein aufzubringen. Ich wünsche mir mehr Anerkennung, dass mehr hingeschaut wird, wie sich junge Menschen einschränken und damit viel für die Gesellschaft leisten. Außerdem sollte uns in der Pandemiezeit eine höhere Priorität zugestanden werden.

Gerade hat die Bund-Länder-Runde wieder diskutiert und verkündet: Jedes Land entscheidet selbst, wann und wie die Schulen wieder geöffnet werden. Was sagen Sie dazu?

Die Bundesregierung hat immer noch keine klare Strategie – nach einem Jahr Pandemie! Es sollte einen bundesweiten Plan bezüglich Inzidenzwert und der damit verbundenen Schulöffnungen geben. Durch den Föderalismus haben die Länder zu viel Entscheidungsfreiheit. Auch nach den neuen Beschlüssen wird uns erst spät mitgeteilt werden, wie es Ende Februar weitergeht, da es nur verzögert konkrete Anweisungen gibt. Das ist anstrengend. Vom Kultusministerium wünsche ich mir daher, dass wir nicht so in Unsicherheit gehalten werden. Wir können uns auf nichts einstellen, ständig gibt es Änderungen, aber keinen konkreten Plan. Positiv ist: Unser Schulleiter Hans-Peter Kohl und unsere Lehrer geben sich viel Mühe, wir stehen in gutem Kontakt, aber sie wissen oft auch nicht mehr und erhalten wenig Spielraum vom Kultusministerium.

Planen Sie und ihre Mitschüler schon die Zeit nach dem Abitur?

Viele meiner Mitschüler wissen nicht, was sie nach dem Abitur machen wollen und können. Alles ist unsicher: Work & Travel, Au-Pair, Freiwilligendienste, Reisen. Ich wollte eigentlich ein Freiwilliges Soziales Jahr (FSJ) im Ausland machen, dann ein politisches FSJ in Deutschland, aber auch das klappt jetzt nicht. So werde ich wohl direkt im Herbst ein Studium anfangen. Ich habe die Hoffnung, dass die Studienzeit schöner und interaktiver wird als die Oberstufe, die wir leider fast zur Hälfte von zu Hause aus erleben mussten.

Wie verlief Ihre Oberstufenzeit?

Die zwei Jahre Oberstufe, die Abiturzeit – das sollte eigentlich eine besondere Zeit sein, das schöne Ende der Schullaufbahn. Aber bei uns fand so vieles nicht statt: keine Studienfahrt, keine Ausflüge, keine Kurstreffen, voraussichtlich findet auch kein Abiball statt – und es wird auch schwierig werden, einen Abipulli und ein Abibuch zu ermöglichen. Wir hatten ja bis jetzt keinerlei Möglichkeit, solche Projekte zu finanzieren. Daher wünschen wir uns wenigstens Unterstützung vom Kultusministerium und der Regierung: mehr Klarheit und weniger Unsicherheit, damit wir das Gefühl haben können, dass auch wir wichtig sind.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung