08.03.2021

Wie ein Fußballspektakel vor leeren Rängen

Wie ein Fußballspektakel vor leeren Rängen

Weinkönigin Sofia Hartmann fuhr voraus, ihre Prinzessinnen Fabienne Röger (l.) und Lena Meyer folgten. Organisator des Umzugs war Peter Grüber (hintere Kutsche). Foto: Dorn
Mathaisemarkt: Reit- und Fahrverein lud zur sonntäglichen Kutschfahrt ein

Schriesheim. (max) Als wollte das Wetter noch Salz in die Wunde streuen, herrscht eitel Sonnenschein am "Mathaisemarkt-Sonntag". Trotzdem ist wenig Betrieb auf den Straßen, der Schriesheimer liebstes Fest ist der Pandemie zum Opfer gefallen. Doch nicht alle wollen sich in ihr Schicksal ergeben. "Kutschenpapst" Peter Grüber hat es gepackt: "Ich habe letzte Woche die drei Weinhoheiten ins Alte Rathaus gehen sehen und dachte, da muss man was machen." Sein Reit- und Fahrverein war nicht am "Jerusalema"-Tanz beteiligt, wollte sich die Ausfahrt aber nicht nehmen lassen.

Nach Rücksprache mit Ordnungsamtsleiter Achim Weitz und Weinkönigin Sofia Hartmann stand der Ausfahrt nichts mehr im Wege. Um alle Abstände einhalten zu können, schwärmen gleich zwei Kutschen aus. Den hinteren Zweispänner fährt Grüber selbst, er hat die Weinprinzessinnen Fabienne Röger und Lena Meyer dabei. Der Kutschbock des voranfahrenden Königinnenwagens ist mit Max Andrew besetzt. Er gewann 2019 mit gerade einmal zwölf Jahren die badischen Meisterschaften in der Kategorie "Zweispänner Pony", in der Kategorie "Einspänner Pony" wurde er Vizemeister. Für die Pferde ist der überschaubare Betrieb angenehm: "Sie sind relativ jung und haben noch keine Festzugserfahrung. Als meine Tochter Weinkönigin war, sind wir aber sogar mit einem Vierspänner durch die Menge. Das geht auch", sagt Grüber.

Ein bisschen komisch sei es schon, so ganz ohne Publikum, aber die Runde hätte wenigstens ein bisschen Mathaisemarkt-Gefühle hervorgerufen, sagt Königin Hartmann. Lena Meyer findet: "Es ist wie bei den Fußballern, die vor leeren Rängen spielen." Einige Passanten seien überrascht stehen geblieben, weil sie nicht mit den Hoheiten gerechnet hatten. Am meisten fehlt den Dreien der Austausch mit den Feiernden und das Beisammensein: "Das Schönste ist ja der Umzug, und das Wetter wäre heute perfekt gewesen. Das ist schade", findet Hartmann. Als sich der Zug, der einen kurzen Halt am Festplatz eingelegt hat, wieder in Bewegung setzt, ertönt ein Horn. Sven Lörsch, die erste Stimme der Schriesheimer Jagdhornbläser, ist auf dem Fahrrad unterwegs und hat angehalten: "Ich habe das Horn eigentlich immer dabei, weil ein normales Proben ja nicht möglich ist. Da spielt man dann, wo es eben geht. Manchmal mitten im Wald, und hier hat es sich jetzt gerade angeboten."

Auch Georg Bielig und Bernhard Wachter sind unterwegs. Sie sind ebenfalls Jagdhornbläser und wollten "das Beste aus der Situation machen und auch als Verein ein bisschen Präsenz für die Leute zeigen", sagt Wachter. Im Schlepptau haben sie die Ziegen des Weinguts Bielig Franz und Ferdinand, die heute die Weide wechseln. Ganz vereinsunabhängig haben es sich die Schriesheimerinnen Alexandra und Alicia vor dem Bachschlössl in Campingstühlen bequemgemacht. Sie diskutierten, warum der Festzug nicht mehr auf der Talstraße die Stadt durchquert wie früher und was aus dem Wasserspritzer zum Abschluss des Umzuges wurde. Im Glas haben sie einen 2019er Silvaner der Winzergenossenschaft ("Mathais"). "Wir wollten trotzdem feiern", sagen sie. So kommt immerhin ein bisschen Gemeinschaftsgefühl auf, was auch die Passanten freut.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung