03.04.2021

Ein Bergsträßer will Salzgitter regieren

Harald Rau kandidiert in der niedersächsischen Industriestadt, deren schwaches Selbstbewusstsein er stärken will.

Schriesheim. (hö) Es ist ungewöhnlich, dass Kurpfälzer freiwillig ihre Heimat verlassen, aber noch ungewöhnlicher ist, dass sie im tiefsten Niedersachsen Stadtoberhaupt werden wollen: Harald Rau, der in Schriesheim groß geworden ist und bis vor gut zehn Jahren hier wohnte, hat genau das vor. Vor zwei Wochen verkündete er seine Kandidatur als Oberbürgermeister von Salzgitter, einer Industriestadt bei Braunschweig. Er tritt gegen den seit 2006 amtierenden Christdemokraten Frank Klingebiel (56) an; Rau gehört keiner Partei an, wird aber von den Grünen und der SPD unterstützt. Der erste Wahlgang ist am 12. September.

Der 55-Jährige, der als Journalist in der Region begann und später eine eigene Produktionsfirma hatte, ist seit 2009 Professor für Kommunikationsmanagement an der Ostfalia-Hochschule in der 100.000-Einwohner-Stadt. Dass er mal dort landen, geschweige denn Oberbürgermeister werden würde, hätte er nie gedacht, sagte Rau zur RNZ. Doch die Ostfalia-Hochschule machte ihm ein unschlagbares Angebot, dann schlug er ein und baute den Studiengang Medienmanagement auf: "Ich habe es nie bereut, nach Salzgitter zu gehen."

Mittlerweile wohnt der Ur-Schriesheimer in einem 200-Einwohner-Dorf in der Mitte der Stadt, die eigentlich keine war: Denn die heutige Großstadt entstand erst im Dritten Reich, als hier die Reichswerke Hermann Göring gebaut und die Kleinstadt Salzgitter mit 28 Dörfern zusammengewürfelt wurde – ein richtiges Zentrum fehlt, das findet man eher in den Stadtteilen Salzgitter und Lebenstedt.

Durch große Industrieansiedlungen wie die Salzgitter-AG oder VW gibt es einen hohen Migrantenanteil, in Teilen ist die Stadt auch ein sozialer Brennpunkt – Spitzname: "Salzghetto". Entsprechend schwach ist auch das Selbstbewusstsein der Einwohner, gerade gegenüber der traditionsreichen Hansestadt Braunschweig. Rau hat viele Parallelen zu Mannheim ausgemacht, findet aber, dass dort der Strukturwandel besser geglückt ist – mit positiven Folgen für den Stolz der Bürger. Deswegen nennt er auch Mannheims OB Peter Kurz "mein Vorbild". Die Sache mit dem Selbstbewusstsein will Rau in Salzgitter ändern, die Stadt soll ein positives Image bekommen – und da hilft ein Blick von außen. Denn Salzgitter ist in Teilen durchaus schön: Es gibt viele alte Häuser, drei Seen und einen Höhenzug mittendrin – nur sehen das meistens die Einwohner nicht. Und wer Geld hat, der wohnt lieber woanders: "Da gibt es viele Potenziale, die noch nicht gehoben wurden", sagt Rau. Er will daher die Bürger motivieren, sich mit ihrer Stadt zu identifizieren – und dabei sieht er sich als Macher und Moderator. Dass ihm die Erfahrung in einer Kommunalverwaltung fehlt, ficht ihn nicht an: "Mein Anspruch ist zu gestalten, nicht zu verwalten."

Aber ist es für einen Akademiker nicht ein Wagnis, in einer Arbeiterstadt anzutreten? Nein, findet Rau: "Ich kann auch Schriesemerisch auf den Schützenfesten reden." Dabei hat er seine Verbindungen zur alten Heimat nie ganz gekappt, seine Mutter wohnt noch in Schriesheim, aber nach Salzgitter wollte sie auch nicht ziehen. Und doch: Salzgitter, so sagt er, "ist mittlerweile meine Heimat geworden". Er hat hier den "Ausländerbonus": "Meine Kurpfälzer Direktheit kommt ganz gut an."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung