07.04.2021

Der Wald und seine Tiere im "Corona-Stress"

Gerade in Pandemie-Zeiten ist ständig Trubel. Jäger finden immer mehr Frischlinge. Martin Schmitt und Stefan Ewald ziehen gerade zwei auf.

Von Max Rieser

Schriesheim. Frische Luft, Ruhe, Bewegung. Der Wald um Schriesheim lädt mit zahlreichen Wandermöglichkeiten zum Aufenthalt ein. Gerade die Pandemie treibt noch mehr Leute als sonst ins Grüne. Doch das hat verschiedene Nachteile für den Wald und seine Bewohner.

Ein Nachteil ist Müll. Um die Waldbesucher darauf aufmerksam zu machen, ihren Abfall nicht einfach im Gelände zu entsorgen, haben verschiedene Waldpächter auf Initiative von Jäger Winfried Wenisch Plakate aufgehängt. Auf diesen sind "Unbeliebte Naturbewohner" wie der "Gemeine Beutler" nebst erdachtem lateinischem Namen "Sackuli plasticus" abgebildet. Gemeint ist eine Plastiktüte, deren Verrottungszeit laut Plakat 120 Jahre beträgt. So wird auf humorvolle Art gezeigt, was nicht in den Wald gehört. Einer der Waldpächter, die die Infoplakate aufgehängt haben, ist Siegbert Rieger, der außerdem Schilder in seinem Revier platziert hat, die auf ein anderes Problem hinweisen: Die Kinderstube der Wildschweine, die momentan beginnt, wird zunehmend gestört.

Das berichten auch die Jagdpächter Stefan Ewald und Martin Schmitt. Sie ziehen momentan jeweils einen Wildschweinfrischling auf. Dass gleich beide ein junges Wildschwein zur Aufzucht haben und auch in Großsachsen, Leutershausen und Dossenheim Frischlinge bei Pächtern und Jägern aufgenommen werden mussten, macht Ewald Sorgen: "Normalerweise passiert das alle paar Jahre mal, dass ein Frischling gefunden wird. Aber in der Häufigkeit ist schon anzunehmen, dass es mit den zunehmenden Besuchern im Wald zu tun hat."

Mountainbiker fahren quer durch den Wald und legen Abfahrten an, Wanderer gehen abseits der Wege und Hundehalter lassen ihre Tiere ohne Leine den Wald durchstreifen. Da Rettungskräfte in der Regel keine Kenntnis über die illegal angelegten Mountainbike-Wege haben, können Verletzte nur schwer geborgen werden. Auch frühmorgens und in der Nacht, in der sich die Tiere mehr im Wald bewegen, sind jetzt Menschen im Forst. Rieger berichtet auch von "Bushcraftern" – Leuten, die zum Erlernen von Überlebensfähigkeiten unangekündigt mitten im Wald übernachten.

Durch das Verlassen der eigentlichen Waldwege werden dann Wildschwein-Rudel, die Rotten, aufgescheucht. Dass die Kleinen allein aufgegriffen wurden, ist für Ewald ein Zeichen, dass die Bache, also die Wildschweinmutter, noch lebt. Das bedeutet wiederum, dass die Jungen wahrscheinlich auf der Flucht zur Welt kamen und von der Rotte nicht mehr gefunden wurden. Solche Vorfälle häufen sich auch laut der Tierrettung und unteren Jagdbehörde des Rhein-Neckar-Kreises.

Da es gleichzeitig nicht mehr Wildschweine als in anderen Jahrgängen gibt, ist anzunehmen, dass die Tiere sich in ihrem Lebensraum bedroht fühlen. Da die Jungen keine eigene Körperwärme entwickeln können, ist eine Trennung von der Rotte schnell tödlich. Als Schmitt den Frischling, den er Freddy taufte, fand, hatte dieser sogar noch die Nabelschnur am Körper.

Lang können sie den Bedürfnissen der heranwachsenden Schweine jedoch nicht gerecht werden. Doch sie sollen nicht geschlachtet werden, sondern am Leben und auch zusammen bleiben. Ewald und Schmitt könnten sich vorstellen, die beiden "Coronafindlinge", wie sie sie nennen, zu Schulungszwecken einzusetzen. So könnten schon Grundschulklassen dafür sensibilisiert werden, dass es im Wald bestimmte Regeln gibt, an die man sich halten muss, um den Wildtieren ihren Rückzug zu ermöglichen. Denn die Wahrnehmung für den Wald als Lebensraum fehlt zunehmend, so die Jagdpächter.

Durch den Freizeitdruck und den damit einhergehenden Stress für die Tiere erwarten die Jäger in Zukunft noch mehr verlorene Jungtiere. Dabei gilt es zu unterscheiden, denn nicht jeder Tierfund ist gleich eine Tragödie, sagt Ewald: "Feldhasen sind Nestflüchtlinge. Wenn man so einen kleinen Hasen am Wegrand sieht, ist das ganz normal. Den kann man einfach sitzen lassen." Findet man allerdings ein junges Wildschwein oder Reh, heißt es: Abstand halten. Nehmen die Jungtiere die Witterung eines Menschen an, werden sie von den Müttern verlassen. Am besten verständigt man umgehend den Jagdpächter, der genau weiß, was zu tun ist, oder die Polizei. Trifft man ein ausgewachsenes Wildschwein, sollte man Ruhe bewahren und sich langsam von den Tieren wegbewegen.

Ewald, Schmitt und Rieger stört auch das negative Image der Jäger. Sie sind keine wild um sich schießenden Revolverhelden, sondern sorgen im Wald für das Gleichgewicht zwischen Forst, Mensch und Tier. Denn der heutige Wirtschaft- und Freizeitwald bietet immer weniger Platz für seine eigentlichen Bewohner, die auch keine Raubtiere wie Bären oder Luchse mehr zu befürchten haben.

Den Jagdpächter geht es nicht darum, den Wald menschenleer zu halten. Sie wollen weder Hundehalter noch Waldbesucher verteufeln. Um den Forst aber sowohl als Erholungsort für Menschen als auch als Lebensraum für Wildtiere zu schützen, ist ein regelkonformes und rücksichtsvolles Verhalten unerlässlich.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung