16.04.2021

Welches Geschäft hat offen, welches zu?

Wirrwarr bei den Läden: Änderungsschneidereien dürfen ganz normal öffnen, aber fast für alle anderen Geschäfte heißt es "Click & Collect".

Von Max Rieser

Schriesheim. Eigentlich könnte man meinen, Naim Bachtiar sei ein Coronaprofiteur. Er betreibt die Änderungsschneiderei "Naim" in der Kirchstraße. Schneidereien blieben von den Coronamaßnahmen weitestgehend verschont – bis auf einige kurze Schließungsphasen. So rosig, wie es auf den ersten Blick wirkt, ist es aber nicht: "Es gibt keine Feste, keine Hochzeiten, keine Abibälle." Dadurch würden die Leute weniger Abendkleider und Anzüge kaufen, die dann angepasst werden müssten. Im ersten Quartal konnte die Schneiderei, die auch maßgefertigte Kleidung herstellt, kaum Umsatz erwirtschaften.

Als Soloselbstständiger fielen die Hilfen für den gelernten Schneider bescheiden aus. Für November und Dezember 2020 erhielt er insgesamt 750 Euro. 180 davon gingen direkt an den Steuerberater, über den die Hilfsgelder beantragt werden mussten. Abgesehen davon, dass bei der Summe ein Unternehmerlohn ausfällt, bleiben die laufenden Kosten. Anders als man es von vielen hört, kam Bachtiars Vermieter ihm nicht entgegen. Im Gegenteil erhöhte dieser die Miete sowohl 2020, als auch 2021.

Damit nicht genug, stottert der Schneider noch immer Altlasten aus dem Jahr 2016 ab. Da hatte es nämlich im Laden gebrannt. Ein Gutachten von Polizei und Feuerwehr hätte ergeben, dass das Feuer durch eine defekte Tiefkühltruhe im Keller des Mehrparteienhauses verursacht worden sei. Die Versicherung zahlte nicht, und der Vater von zwei Kindern blieb auf den Kosten in Höhe von 17.000 Euro sitzen. Er könnte zwar die Kosten auf die Preise aufschlagen, aber dann würden, so glaubt er, auch die letzten Stammkunden ausbleiben, was das Ende der Schneiderei bedeuten würde.

Etwas besser sieht es bei Berna Sahinöz aus. Die Inhaberin der Schneiderei "Guis Nähshop" sagt: "Wir kriegen noch Luft." Auch ihr würden die Kunden fehlen, die ihre Kleidungsstücke geändert haben wollen, aber kleine Reparaturen seien nach wie vor gefragt. Sahinöz führt diesen Umstand auch auf ihr mittlerweile 25-jähriges Bestehen in der Talstraße zurück. In dieser Zeit habe sich ein fester Stamm an Kunden entwickelt, die den Laden weiterhin unterstützen. Den Lockdown im Dezember konnte sie finanziell auffangen, da sie durch die Annahme von Reinigungsaufträgen öffnen durfte. Der erste Lockdown im Frühjahr letzten Jahres hätte ihre Ersparnisse allerdings aufgebraucht, berichtet die Schneiderin, die noch eine Filiale ihres Geschäftes in Großsachsen und eine in Heidelberg betreibt. Nur durch die Unterstützung ihres Mannes, der als selbstständiger Schneider weiterhin Aufträge erhielte, könnten sie sich über Wasser halten. Untätig war sie in dieser Zeit aber nicht und spendete über 100 selbst gemachte Stoffmasken an das Schriesheimer Rathaus.

Ingrid Bosselmann-Weinland musste mit ihrem Geschenk- und Einrichtungsgeschäft "Opus" auch zurück zu "Click & Collect": "Die Kunden können sich das Angebot im Schaufenster und auf der Internetseite anschauen und es dann hier an der Tür abholen", sagt sie. Das sei infektionsarm und eine gute Möglichkeit, weiterhin geöffnet zu haben. Bosselmann-Weinland findet aber, es brauche intelligentere und nachhaltigere Lösungen. Vorstellen könnte sie sich die Nutzung einer Kontaktnachverfolgungsapp und eine lückenlose Teststrategie.

Das "Kinderlädchen" in der Heidelberger Straße durfte als Kinderfachgeschäft für den täglichen Bedarf schon im Februar wieder öffnen. Das Angebot wird dankend angenommen, erzählen die Mitarbeiterinnen Birgitta Frank und Giuliana Erhard: "Vor Ostern war wahnsinnig viel los. Auch im Online-Shop, wir verschicken sogar Sachen nach Berlin." Noch besser wäre es wohl nur, wenn es jetzt richtig warm würde: "Dann würde es auch mit den Sommersachen richtig losgehen."

Die Betreiberin von "Utes Bücherstube", Regine Hindorf, sagt: "Bei dem ständigen Hin und Her kriegt man die Krise." Erst kürzlich durften Buchläden in den regulären Handel mit Hygienekonzept wechseln, jetzt ist es wieder nur "Click & Collect". Dass die Buchhandlungen wieder geschlossen wurden, empfindet Hindorf als ein falsches Zeichen gegenüber Büchern und Spielen, die auch eine Hilfe seien, um die Zeit der Isolation zu überstehen. "Es war wirklich ein Geschenk für uns und für die Kunden, als wir den Laden öffnen durften. Dass jetzt schon wieder zu ist, ist frustrierend", sagt sie. Durch die Nähe zu Hessen, wo Buchgeschäfte weiterhin geöffnet bleiben dürfen, käme es laut der Buchhändlerin immer mal wieder zu Missverständnissen, da Kunden die erneute Schließung gar nicht mitbekommen hätten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung