21.04.2021

Wer ist der unbekannte Bewohner der Schwedenschanzhütte?

Wer ist der unbekannte Bewohner der Schwedenschanzhütte?

Die OWK-Schutzhütte an der Schwedenschanze ist „bewohnt“: Zumindest hält sich hier ein scheuer Mann, über den man nichts weiß, mehr oder weniger dauerhaft auf. Foto: Dorn
Ein Unbekannter wohnt in der Schwedenschanzhütte? Man lässt ihn gewähren, denn er macht keine Probleme, sondern sorgt für Sauberkeit.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. In Corona-Zeiten zieht es viele in den Wald. Aber es ist immer noch ungewöhnlich, dass Leute dort dauerhaft leben. Doch das ist offenbar in Schriesheim der Fall. Ein Mann hat sich in der OWK-Schutzhütte der Schwedenschanze – sie liegt auf dem Weg von der Strahlenburg zum Ölberg – fast häuslich eingerichtet, wohl schon seit mehreren Jahren. In ihr ist ein bepacktes Fahrrad geparkt, manchmal sitzt der "Bewohner" still in der Hütte. Probleme mit dem recht scheuen, aber auch sehr reinlichen Mann gibt es bisher nicht – und deswegen haben weder die Stadt noch der OWK als Eigentümer der Hütte vor, den unbekannten Eremiten zu "vertreiben".

Dem Rathaus ist bekannt, dass "die Hütte wohl bereits seit einiger Zeit temporär als Obdach genutzt" wird, wie Sprecherin Larissa Wagner auf RNZ-Anfrage bestätigt. Dabei handele es sich "nach unserem Kenntnisstand um eine Person, welche die Hütte wiederkehrend nutzt". Der Stadtverwaltung liegen auch "keine Beschwerden oder negativen Rückmeldungen" vor. Die Vor-Ort-Begehungen bewiesen regelmäßig, dass sich die Hütte und ihr Umfeld "in einem sauberen und ordentlichen Zustand befinden". Daher sieht das Rathaus "keine Veranlassung für weiterreichende Maßnahmen". Natürlich stünden seitens der Stadt Sozialarbeiter als Ansprechpartner zur Verfügung, die auch konkrete Hilfe anbieten. Allerdings: "Ein Wunsch auf Unterbringung wurde in dieser Angelegenheit bisher nicht an uns herangetragen." Mit anderen Worten: Der Mann kommt ganz gut alleine zurecht.

Gleichzeitig, so Wagner, sei "die Obdachlosigkeit hier in Schriesheim nach und nach aus dem Blickfeld der Bürgerschaft verschwunden". Das liege vor allem daran, dass die Auszahlung von Tagessätzen meist nicht mehr durch die einzelnen Kommunen selbst erfolgt, sondern zentralisiert wurde – man sieht also die Wohnsitzlosen nicht mehr im Stadtbild. Wagner meint: "Diese fehlende Wahrnehmung von Obdachlosigkeit im Alltag führt schnell zu dem Trugschluss, dass die Wohnungslosigkeit gegenwärtig nicht mehr existent sei. Trotz der fehlenden Wahrnehmung ist die Obdachlosigkeit noch immer ein Bestandteil unserer Gesellschaft."

Auch dem OWK ist "seit mehreren Jahren bekannt, dass die Schwedenschanzhütte ,bewohnt’ ist", wie Erste Vorsitzende Friederike Meyenschein und Schriftführer Willi Reinig auf RNZ-Anfrage erklären. "Wir haben damit kein Problem, tolerieren und akzeptieren den Umstand", sagen beide. "Ob der Mann allerdings das ganze Jahr über dort wohnt, wissen wir nicht. Er ist nach unserem Eindruck von scheuer und zurückhaltender Natur und fühlt sich offensichtlich als ,Eremit’ in der Hütte sicher." Er habe wohl seine Gründe, dass er die Einsamkeit gewählt hat und seine Ruhe haben möchte. Für den OWK außerordentlich positiv: "Er hält die Hütte in Ordnung, bringt den Müll nach unten und passt wohl auch auf, dass keine ,Partys’ gefeiert werden." Ansonsten sorge er für sich selbst. Er sei auch öfters in Schriesheim unterwegs und mache "einen äußerlich gepflegten Eindruck, also keineswegs ,verwahrlost’". Es könne zwar sein, dass er auf Wanderer, die eher unvermittelt auf diesen "Bewohner" stoßen, "etwas befremdlich wirkt". Allerdings habe der OWK "die ganzen Jahre über jedoch keinerlei Beschwerden erhalten". Bei einer OWK-Wanderung wurde einmal eine Rast in der Schwedenschanzhütte eingelegt: Der Mann war anwesend, und es gab keine Probleme." Meyenschein und Reinig ist es vor allem ein Anliegen, dass der Mann, der niemanden stört, auch weiterhin in Ruhe gelassen wird.

Über "Waldmenschen" gibt es nur selten Berichte. In Heidelberg ist bekannt, dass in einigen Hütten oberhalb des Neckars wohl mehr oder weniger dauerhaft Obdachlose wohnen. Im letzten "Tatort" aus Saarbrücken wurde am Ostermontag ein ähnliches Schicksal in der Folge "Der Herr des Waldes" thematisiert. Aus Frankfurt wurde berichtet, dass ein Mann gut 40 Jahre versteckt im Stadtwald lebte. Er verweigerte die Zusammenarbeit mit Sozialarbeitern und wurde 2009 Opfer eines Verkehrsunfalls; erst später entdeckte man sein sehr gut organisiertes und sauberes Lager.

Völlig anders ist es bei Mark Freukes, der bei Grasellenbach im Odenwald erst ein Tipi, dann eine Jurte errichtet hatte (RNZ vom 30. Oktober 2020). Der einstige Golflehrer war im Herbst 2013 nach einem Burn-out in den Wald bei Hammelbach unweit der Tromm gezogen, er finanziert sich mit Wildniskursen, Vorträgen, Büchern und sogar Fernsehberichten über sein Leben. 2018 baute er in fünf Monaten eine 18 Quadratmeter große Jurte, allerdings verfügte der Kreis Bergstraße ihren Abbau bis Ende Oktober 2020. Zunächst versuchten die Behörden, Freukes in einen Bergtierpark bei Fürth umzusiedeln, mittlerweile wohnt er in einem Bauwagen. Es ist geplant, eine Jurte in einen Steinbruch des Grasellenbacher Ortsteils Litzelbach, der touristisch erschlossen werden soll, aufzustellen. Das große Manko: Durchgängig darin wohnen dürfte Freukes nicht.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung