06.05.2021

Die Gastronomie steckt in einer Krise ohne Ende

Langsam wird die Luft für die Lokalbesitzer dünn. Es fehlt die Perspektive. Denn Abhol- und Lieferservices werden deutlich weniger in Anspruch genommen.

Von Max Rieser

Schriesheim. Den Restaurants in Schriesheim steht das Wasser bis zum Hals. Seit einem halben Jahr sind sie in der Zwangspause. Ein Ende rückt immer mal näher, verschwindet dann aber wieder. Die meisten versuchen, sich mit Durchhalteparolen selbst Mut zu machen. Für einige sieht es allerdings schon schlimm aus.

Der Restaurantleiter des Gasthauses "Goldener Hirsch", Michael Adamietz, bringt es auf den Punkt: "Es geht nix mehr. Die Lieferungen werden nicht mehr angenommen, es ist auf gut deutsch eine Scheißsituation." Ähnliches berichten die meisten Lokale. Der Bestell- und Lieferbetrieb habe stark abgenommen, den Gästen ginge die Puste aus. Die Restaurantbetreiber sehen dafür verschiedene Gründe. Ingrid Schmitt, Inhaberin der "Weinstuben Hauser", berichtet, dass sie es jetzt noch mal mit Spargel versuchen wollen, hat aber wenig Hoffnung: "Sind wir doch mal ehrlich. Wenn Sie das ganze Jahr nur aus Pappdeckeln essen sollen, das schmeckt doch nicht, wie wenn sie es am Tisch serviert kriegen."

Egal wie gut der Ablauf zeitlich abgestimmt sei, bis die Gerichte zu Hause bei den Gästen auf dem Teller liegen, sei es eigentlich zu spät für gute Qualität. Auch die Vielfalt der Angebote sei für die Kundschaft erschlagend, sagt Sana Ashtiani, die Betreiberin des Restaurants "La Perseria Mashti": "Es war ja vorher schon für die Lieferdienste manchmal eng. Jetzt kommen noch die normalen Restaurants wie wir dazu, da kann ja keiner mehr was verdienen."

Für Adamietz ist es auch eine Kostenfrage. Eine Vielzahl an Menschen sei schon lang in Kurzarbeit, da würde man sich häufig eher dafür entscheiden, selbst zu kochen. Jürgen Opfermann, der das gleichnamige Gasthaus und das "Wirtshaus im Mühlenhof" betreibt, sieht darin aber auch eine Chance: "Es ist schön, dass die Leute jetzt mehr kochen. Vielleicht gibt es dann danach eine größere Wertschätzung für unsere Produkte." Denn nicht nur die Bestellungen an sich hätten abgenommen. Alle Gastronomen, die einen Lieferdienst anbieten, stellen eine zunehmende Ungeduld fest. Stehe das Essen nicht 20 Minuten nach Bestellung auf dem Tisch, hagele es Beschwerden. Schmitt gibt zu bedenken: "Ich koche frisch, ich kann ja die Schnitzel nicht vorbacken." Opfermann hat trotzdem Verständnis für die Gäste: "Das ist ja nicht die Qualität, die man von uns gewohnt ist, wenn das Essen heiß auf dem Teller an den Tisch kommt."

Dankbar ist man für die Bestellungen, die noch kommen, und viele zeigen sich gerührt über die anhaltende Solidarität von Stammgästen. Was allerdings fehle, sei die Unterstützung durch die Politik.

Heike Kohl, Mitbetreiberin des Schriesheimer "Kaffeehaus", findet: "Das ist alles eine Zumutung. Wir haben keine Perspektive. Niemand sagt uns, wie es weiter gehen soll." Die Uneinheitlichkeit bei den Bundesländern stößt bei ihr auch auf Unverständnis: "Das ist doch keine Planung." Und Planung brauchen die Betriebe. Denn ein ständiges Auf und Zu ist für Restaurants schwer umzusetzen, da auf die Weise viel weggeworfen wird: "Wir haben im November fast 300 Liter Bier weggeschüttet", berichtet Adamietz. Die Politik sei sich nicht bewusst, dass die Gastronomie kein "Schalter ist, den man einfach an und aus machen kann", sagt Opfermann. Werner Krämer vom Hotel "Neues Ludwigstal" sieht noch andere Bereiche in Gefahr, denn auch bei Diskotheken, Kinos und Cafés wisse man nicht, wer am Ende übrig bleibt.

Die langsam aufkeimenden Versprechen zur Öffnung der Außenbereiche stoßen teilweise auf Skepsis. Während Kohl es "einen Hohn" findet, dass die Außenbestuhlung nicht möglich ist, sagt Krämer: "In der Innenstadt wird es dann so sein, dass die Leute lang sitzen und wenig konsumieren. So macht man auch keinen Umsatz."

Opfermann befürchtet, dass bei schlechtem Wetter der Biergartenbetrieb nicht viel auffangen kann. Dabei haben sie viel für eine Öffnung getan. Ashtiani und ihr Team haben einen komplett neuen Außenbereich mit Zelten gestaltet und auch den Garten überarbeitet, um im Sommer so vielen Gästen wie möglich einen angenehmen Aufenthalt zu ermöglichen. Sogar ein Angebot für Kinder sei geplant. Kohl ärgert es auch, dass alle ihr bekannten Gastronomen die Hygienemaßnahmen penibel umgesetzt hätten, und ihre Läden seien trotzdem geschlossen: "Im Supermarkt drängen sich die Leute, und wir können nicht mal einen Tisch besetzen."

Privilegien für Durchgeimpfte halten Opfermann und Krämer zwar für vorstellbar, für sie aber schwierig umzusetzen, da sie nicht feststellen könnten, ob die Impfpässe echt seien.

Es ist eine Mischung aus Verzweiflung und Resignation, der sich bei denen breitmacht, die sonst viele Menschen kulinarisch verwöhnen. Opfermann schätzt nüchtern ein: "Wir haben ja mittlerweile Mai, das Jahr ist durch." Feste und Veranstaltungen würden in seinen Betrieben meist ein halbes Jahr vorher geplant. Bis jetzt sei so etwas aber nicht möglich. Es hätte für ihn nur zwei Möglichkeiten gegeben: entweder Durchziehen oder Aufgeben. Er habe sich für Ersteres entschieden und versuche nun, optimistisch zu sein. Kleine Umgestaltungen im "Wirtshaus" hätten immerhin etwas beschäftigt. Krämer und Schmitt, die beide langjährige Familienbetriebe führen, sowie Ashtiani stehen am Rande des Abgrunds.

Alle drei berichten, dass – sollte der Lockdown noch mehr als einige Wochen andauern – sie unmittelbar von einer Schließung bedroht sind. Das liege auch daran, dass die Überbrückungshilfen nur langsam und stückweise fließen. Nach Januar sei bisher nichts mehr gekommen. Das bedeutet vier Monate Vorauskasse für alle Fixkosten, die bei einem Restaurant immens sein können. Gerade für junge Betriebe sei das laut Opfermann nicht stemmbar. Er hofft für die jungen Kollegen, dass sie sich nicht für Jahrzehnte verschulden müssten.

Alle würden gern sofort öffnen und freuen sich darauf, wieder Gäste zu bewirten, denn darum geht es ihnen vor allem. Michael Adamietz ist bei allen Rückschlägen optimistisch und sagt: "Ich glaube, dass wir an Pfingsten öffnen dürfen. Da glaube ich jetzt einfach fest dran – und dann wird das auch was."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung