08.05.2021

Rücksichtslose Mountainbiker machen am meisten Probleme im Wald

"Der Wald ist ein rechtsfreier Raum geworden" - Jäger, Förster und das Ordnungsamt rufen zu mehr Rücksicht auf

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Jäger päppeln verwaiste Wildschweinfrischlinge auf, ein Radler stürzt auf einem Wald-Trampelpfad im Fensengrund schwer, bei einem Einsatz im Steinbruch wären Mountainbiker fast zweimal mit dem Feuerwehrauto zusammengestoßen. Allein diese Geschichten aus den letzten vier Wochen beweisen es: Im Wald ist nicht nur richtig viel los, er ist auch im "Corona-Freizeit-Stress".

Das Schlimme ist weniger, dass gerade so viele Leute ins Grüne zieht, sondern dass sie sich dabei immer rücksichtsloser benehmen: "Der Wald ist ein rechtsfreier Raum, in dem keine Regeln mehr gelten, sondern die reine Willkür herrscht", sagt Jäger Stefan Ewald. Er tat sich am Freitag mit seinen Jagdkollegen Georg Bielig, Michael Schwöbel, den Förstern Michael Jakob und Walter Pfefferle sowie Achim Weitz vom Schriesheimer Ordnungsamt zusammen, um bei einem Pressetermin nicht nur die Missstände zu beschreiben, sondern auch Bewusstsein dafür zu wecken, was menschliches Treiben im Freien alles anrichtet.

Denn es geht nicht nur um den Wald, wie Bielig, der auch Winzer ist, berichtet: "Die Weinberge werden von vielen als Abenteuerspielplatz gesehen. Da werden wahllos Grundstücke betreten. Bei mir wurde unlängst eine Hütte aufgebrochen und als Partyraum missbraucht."

Dabei ist die Vielfalt der Schriesheimer Landschaft in gewisser Weise auch ein Fluch, denn hier gibt es alles für einen perfekten Tag im Freien: Wald, Weinberge, Steinbruch und Felder – und alles wird gerade von Menschenmassen heimgesucht. Förster Jakob wirft ein, dass es im Grunde nur eine Minderheit ist, die die Natur terrorisiert. Aber die hat es in sich, allen voran die Mountainbiker, die mittlerweile sogar abseits der Wege fast professionelle Parcours, "Trails" genannt, anlegen: Da werden Rampen gebaut oder gar Bäume gefällt; erst unlängst fand Schwöbel so einen Trail an der Altenbacher Kipp, Ewald einen in seinem Revier am Ölberg. Gelegentlich sperren die Biker sogar auf eigene Faust Wege – und verbieten Wanderern gelegentlich deren Nutzung: Im letzten Jahr hat FDP-Stadtrat Wolfgang Renkenberger ein solches "Schild" dem Gemeinderat präsentiert.

Für den Wald und seine Bewohner hat das Konsequenzen: Das Wild kommt nicht mehr zur Ruhe, es ist ständig auf der Flucht – daher auch die verwaisten Wildschweine, die von ihrer Rotte getrennt wurden. Und die wild angelegten Wege verhindern auch, dass hier Bäume nachwachsen, die sogenannte Naturverjüngung. "Die Leute werden völlig rücksichtslos, sobald sie in den Wald gehen", beobachtet Ewald, und Bielig pflichtet bei: "Alles ist nur noch auf Egoismus ausgelegt."

Die in Baden-Württemberg geltende Regel, dass Mountainbiker nur auf Wegen fahren dürfen, die breiter als zwei Meter sind, interessiert schon lange nicht mehr: "Die Waldwege sind wohl uninteressant geworden", sagt Ewald, zumal mit den gerade populären E-Mountainbikes im Grunde jedes Terrain ohne große Anstrengung befahren werden kann. Wenn nun in Dossenheim ein offizieller Trail der TSG-Germania im Wald – und dazu noch in einem Vogelschutzgebiet – eingerichtet werden soll, findet Ewald das das falsche Signal, denn das ermutige erst recht: "Das wilde Mountainbiken lässt sich so garantiert nicht kanalisieren."

Und mehr noch: "Das alles sind keine Einzelfälle mehr", sagt Ewald, "es geht mittlerweile Tag und Nacht so, es gibt keine Ruhezeiten mehr." Biker mit Taschenlampen auf dem Helm machen die Nacht zum Tag, immer mehr etabliert sich im Moment "Bushcraft", also eine Art Überlebenstraining im Wald – wildes Übernachten plus offenes Feuer inklusive. Ebenfalls recht häufig sind wilde Partys, Ewald bemerkte sogar mal eine direkt an der Abbruchkante: Das war allerdings eine professionelle Techno-Party mit Mischpult und buntem Lichtzauber. Die Polizei löste das dann auf.

Achim Weitz vom Ordnungsamt weiß natürlich, welche Missstände im Wald herrschen, sagt aber auch: "Das Gelände ist so groß, das können wir nicht kontrollieren. Wir können nur appellieren. Dem Wald würde es guttun, wenn Corona vorbei wäre." Förster Pfefferle hat es schon mal im Guten versucht und in Leutershausen selbstgemachte Schilder aufgestellt, wenn er einen illegalen Trail entdeckt hat: Darauf bittet er darum, die Rampen abzubauen. Genutzt hat es wenig. Sein Kollege Jakob meint: "Ich glaube nicht, das Schilder etwas bringen. Es gibt eben einen kleinen Kreis von Leuten, denen alles egal ist."

Weitz erinnert daran, dass es in Schriesheim früher mal, wie in fast jeder anderen Kommune, einen Feldschütz gab, der Ordnungswidrigkeiten in Wald, Wingert und Feld ahndete – legendär war einst der "Schmitte Werner" auf seiner Zündapp. Die Idee, im Rathaus wieder einen Feldschütz einzustellen, befürwortet Ewald, denn dann würde auch der "Kontrolldruck" steigen. Weitz hält sich in seiner Beurteilung zurück: "Das ist eine Kostenfrage und eine politische Entscheidung." Tatsächlich haben in den letzten Jahren etliche Kommunen in Hessen und Rheinland-Pfalz wieder einen festen Feldschütz eingestellt, auch Sinsheim hat einen, auf Honorarbasis.

Wichtig ist Bielig, dass "wir niemandem den Spaß im Wald verderben wollen". Denn auch Pfefferle findet es an sich ja gut, dass "das Interesse am Wald wächst". Bielig sagt: "Es widerstrebt mir, als Spaßbremse aufzutreten", aber ein bisschen mehr Rücksicht sei nicht zu viel verlangt: Dabei sind die Regeln so einfach: "Auf den Wegen bleiben und nur am Tag unterwegs sein."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung