14.05.2021

Die Stadt sucht dringend Wohnungen

Sie werden für Flüchtlinge und Wohnungslose gebraucht. Das Rathaus hat keinen Platz mehr für Notfälle.

Schriesheim. (hö) Das ist schon fast ein dramatischer Appell, den das Rathaus an die Schriesheimer Vermieter richtet: Es braucht für Flüchtlinge und Obdachlose dringend Wohnungen ab zwei Zimmern – zumal, wie Bürgermeister Hansjörg Höfer aufgefallen ist, doch etliche Häuser in Schriesheim leer stehen. Dabei biete die Stadt als Mieter Sicherheit für die Einnahmen, hafte für eventuelle Schäden und betreue die Wohnungen auch durch Hausmeister: "Es geht nicht darum, uns nur die Wohnungsschlüssel zu übergeben", so Höfer. Dabei sollten sich Interessierte an der ortsüblichen Miete orientieren und möglichst nicht auf einen schnellen Gewinn hoffen. Das ähnelt der Aktion "Schriesheim FAIRmietet", bei der die Stadt in den letzten beiden Jahren zwölf Wohnungen für bedürftige Bürger angemietet hatte. Und man wäre froh, in absehbarer Zeit auch auf eine solche Zahl für Flüchtlinge und Obdachlose zu kommen.

Der Grund für den Appell: Im Moment sind alle Unterkünfte belegt, die Verwaltung hat keinerlei Wohnungsreserven, auch nicht im Notfall. Und der kann immer eintreten, wie Maike Götze, im Rathaus zuständig für Liegenschaften, und Julia Nußhag vom Ordnungsamt berichten: zum Beispiel nach einem Brand. Zwar kommen für die ersten Tage – wie unlängst nach einem Feuer in "Schriesheim-Nord" – die Familien für einige Tage im Hotel unter, aber dann müssen sie sich in der Regel selbst um eine Bleibe kümmern, was meist auch gelinge, so Höfer. Auch wenn die Coronakrise sich wirtschaftlich und sozial weiter auswirke und eventuell Räumungen drohten, müsse die Stadt die Betroffenen unterbringen – aber auch hier: Es steht nichts zur Verfügung. Im letzten Jahr wurden in Schriesheim sieben Personen obdachlos, allerdings bisher nicht wegen coronabedingter Räumungen. "Aber noch ist nicht abzusehen, wie sich die Pandemie weiter auswirkt", sagt Götze. Sie warnt davor, Obdachlose zu stigmatisieren, denn: "Das kann jedem passieren."

Noch dramatischer ist die Lage bei den Flüchtlingen: 15 müssen in diesem Jahr untergebracht werden – 2020 waren es 23 und 2019 sogar 62 –, für drei Personen ist im Moment nichts zu finden. Dabei muss die Stadt handeln, denn die vom Kreis zugewiesenen Quoten für die Unterbringung sind zwingend zu erfüllen. Ein besonderes Problem ist gerade der Familiennachzug von Flüchtlingen, denn ausreichend große Wohnungen gibt es nicht, und so können die Familien oft genug nicht zusammenkommen. Nach der großen Welle vor fünf Jahren wurden vor allem Asylbewerber untergebracht.

Seit der Flüchtlingskrise 2015/16 hat Schriesheim rund 250 Personen aufgenommen, dazu tief in die Tasche gegriffen und sich zunächst auch Ärger bei einigen Anwohnern eingehandelt: So waren die Neubauten in den Fensenbäumen zunächst umstritten, aber nun hat sich alles beruhigt, wie Höfer berichtet: "Ich höre von dort gar nichts mehr." Im Nachhinein findet der Bürgermeister den vom Gemeinderat geforderten Ansatz der dezentralen Unterbringung – statt eines großen "Flüchtlingshauses" – richtig: "Gott sei Dank hat mich damals der Gemeinderat ausgebremst. Denn das war bisher der richtige Weg." Aber zugleich ist dieser Weg auch der schwierigere: So musste man erst einmal auf dem engen Wohnungsmarkt geeignete Häuser finden – schließlich stand eins im Bollengrubweg (auch in den Fensenbäumen) leer. Die Stadt konnte es aus einer Konkursmasse kaufen: "Das war ein Glückstreffer", so Höfer.

Ähnlich glücklich ist es auch mit der jetzigen Unterkunft in der Carl-Benz-Straße gelaufen und unlängst erst mit der angemieteten ehemaligen Kinderkrippe im Rindweg. In der wohnen jetzt Frauen und Kinder. Aber das sollte im besten Fall nur eine Notlösung sein, viele Flüchtlinge hätten gern ihre eigene Wohnung: "Das motiviert bei der Integration", so Götze.

Nun könnte ja die Stadt auch mit dem Bau eigener Sozialwohnungen selbst für mehr Wohnungen sorgen, stattdessen zog sie sich in den letzten 25 Jahren eher aus dem Wohnungsmarkt zurück – wie generell die öffentliche Hand. "Das würden wir heute nicht mehr so machen", sagt Höfer, und es deutet sich – siehe Bollengrubweg und Carl-Benz-Straße – eine Trendwende an. Allerdings zieht sich manches Projekt hin, wie das der städtischen Wohnungen am Besucherbergwerk. Die alten Talstraßen-Häuser sind zwar abgerissen, aber die fachgerechte Entsorgung des arsenbelasteten Erdreichs ist noch zu teuer. Auch wegen des Corona-Sparhaushalts 2020 sei der Neubau mit einem Dutzend Wohnungen erst einmal hintangestellt worden, so Höfer. Aber es soll bald wieder vorangehen, denn es deutet sich gerade eine Lösung an.

Info: Wer Interesse an einer Vermietung hat, kann sich an Maike Götze (Telefon: 06203/602-165, E-Mail: maike.goetze@schriesheim.de) wenden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung