21.05.2021

Das treibt den zweiten Corona-Abi-Jahrgang um

Nicht jeder ist fürs Home-Schooling gemacht. Es herrscht Frust wegen fehlender Gemeinsamkeit. Die Sportler können oft nicht richtig trainieren.

Von Caja Plaga

Schriesheim. Der heutige Freitag ist der letzte Tag der schriftlichen Abiturprüfungen, und es ist schon der zweite Abschlussjahrgang in der Pandemie. Wie ging es den Schülern kurz vor den Prüfungen? Wie haben sie ihre Oberstufenzeit erlebt, und was sagen die Lehrer zu der Situation?

Anna Bächlin ist Lehrerin am Kurpfalz-Gymnasium und unterrichtet einen Chemie-Grundkurs in der zwölften Klasse. Sie berichtet von den letzten Wochen vor dem Abitur, war nur leider beim Fototermin mit der RNZ verhindert. Die Abschlussstufe sei in der Woche vor den schriftlichen Prüfungen zu Hause gewesen, sowohl für den Lern-Endspurt als auch, um die Schüler noch besser vor einer möglichen Coronainfektion zu schützen. Davor hatten die Abiturienten, je nachdem, was in den Corona-Verordnungen erlaubt war, Präsenz-, Wechsel- oder auch nur Onlineunterricht. Die Lernplattform "Moodle" würde mittlerweile gut funktionieren. Es gebe außerdem seit Anfang des Schuljahres WLAN an der Schule. Das würde vieles verbessern: "Ohne WLAN wäre es jetzt echt übel gewesen", sagt Bächlin. Mit Blick auf die diesjährigen Abiturienten erklärt sie: "Ich glaube schon, dass sich viele nicht so gut vorbereitet fühlen und einfach eine Wut auf die Situation haben. Das kann ich sehr gut nachvollziehen." Digital könne man zwar auf jeden Fall auch gut lernen, vor allem in den höheren Klassen. Aber es gebe solche und solche Schüler: Den einen liegt es, selbstständig zu lernen, andere brauchen das Lernen in einer Gruppe stärker.

Bächlins Online-Unterricht sieht so aus: Mindestens einmal in der Woche würde sie eine Videokonferenz mit ihrem Kurs machen, sonst stelle sie über die "Moodle"-Plattform Arbeitsaufträge. "Ich nutze auch anleitende Powerpoint-Präsentationen." Das seien Präsentationen mit Aufgaben, Links zu Erklärvideos und Texten, die ins Heft übertragen werden sollen. "Das ist, als würde ich mit den Schülern sprechen, nur als Powerpoint", erklärt sie. Ein großer Nachteil des Fernunterrichts sei, dass man weniger Kontakt mit den Schülern habe. Man bekomme im Klassenraum viel schneller Feedback und auch ein besseres Gefühl für sie. Ein Vorteil des Home-Schoolings sei aber, dass jeder in seinem eigenen Tempo, unabhängig vom Rest der Klasse, die Aufgaben bearbeiten kann.

Mario Kappenstein, Lehrer des Sport-Leistungskurses, berichtet, dass die traditionelle Oberstufenfahrt nach Wien für den jetzigen Abi-Jahrgang ausfallen musste. Nur der Sportkurs konnte im Februar 2020 noch auf Ski-Freizeit ins Zugspitzengebiet gehen. "Da haben wir wirklich ganz großes Glück gehabt", freut sich Kappenstein. Außerdem berichtet er von den besonderen Problemen in den Fächern mit einem fachpraktischen Teil. Der praktische Sportunterricht hätte für den Leistungskurs zwar größtenteils stattgefunden, jedoch sei es in manchen Disziplinen nicht möglich, selbstständig zu üben. Das Stadion sei sowohl in Schriesheim als auch in Weinheim wegen Corona geschlossen. Manche Sportarten könne man aber ohne entsprechende Anlage nicht trainieren.

Charlotte Haselmann, Schülerin im Sport-Leistungskurs, sagt: "Hürdenlauf oder Weitsprung sind ein großes Problem – ich kann nicht ohne Hürden üben und auch nicht einfach in irgendeinen Sandkasten springen." Alle, die Schwimmen als Disziplin gewählt haben, können sich wegen der geschlossenen Bäder nicht vorbereiten. Die praktischen Prüfungen sind im Juni, sie werden nicht an die erschwerten Trainingsbedingungen angepasst. Die Schwimmprüfung könne man zwar nach hinten verschieben, so Kappenstein, dann bekäme man aber nur ein vorläufiges Abiturzeugnis. Das sei keine attraktive Möglichkeit.

Die vier Schüler Nick Haas, Marcus Drobnitsa, Sophie Heinemann und Charlotte Haselmann berichten vor allem von Motivationsproblemen durch Corona. "Ich bin wie in ein Loch gefallen", erzählt Drobnitsa, "man hat zwar eigentlich mehr Zeit für die Schule, ist aber deprimiert – und macht so weniger als sonst." Aufgeben war trotzdem keine Option für die Vier: "Ich habe mich zwölf Jahre lang so angestrengt, das schmeiße ich jetzt nicht alles hin", erklärt Haas. Vor allem einen Ausgleich zum Lernen vermissen die Jugendlichen, und es sei schwierig, nichts in einer Gruppe unternehmen zu können: "Menschen und Gespräche inspirieren und motivieren – das fehlt", sagt Drobnitsa.

Den ersten Monat im Lockdown mit Online-Unterricht war sogar recht angenehm. Es sei eine Pause vom Abi-Stress gewesen und habe sich fast nach Ferien angefühlt, weil es zu Beginn noch technische Probleme gab und nur wenige Arbeitsaufträge bei den Schülern ankamen. Nach dem zweiten Monat sei die ganze Lage aber einfach nur noch anstrengend gewesen.

Trotzdem bleiben die Zwölftklässler optimistisch: "Ich habe immer noch eine Mini-Hoffnung auf einen Abiball oder wenigstens eine andere Möglichkeit, den Abschluss von zwölf Jahren Schule zu feiern", sagt Drobnitsa. Für das Jahr nach dem Abitur wünschen sich die Schulabgänger, dass die Pandemie eingedämmt wird. Haselmann sagt: "Ich würde gerne reisen, soweit das möglich ist. Nächstes Jahr möchte ich dann Medizin oder Zahnmedizin studieren." Heinemann hat noch keinen konkreten Plan. Nick Haas wird eine Ausbildung bei der Volksbank anfangen, und Drobnitsa hat jetzt schon seine eigene Firma gegründet: "Darüber darf ich noch nicht so viel sagen." Er könne nur so viel verraten, dass es einen Onlineshop geben soll. Außerdem überlege er aktuell, Betriebswirtschaftslehre zu studieren.

Die Abiturienten haben als Abi-Motto "How to Get Abitur Online (Fast)” gewählt, angelehnt an die populäre Netflix-Serie "How to Sell Drugs Online (Fast)" – auf Deutsch: "Wie man (schnell) Drogen übers Internet verkauft". Denn sie mussten sie sehr viel Zeit online am Computer verbringen, um ihr Abitur zu schaffen.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung