27.05.2021

Wieder Rätsel um historisches Foto

Wieder Rätsel um historisches Foto

Wieder ein historisches Foto aus Schriesheim, das auf Facebook veröffentlicht wurde – und wieder ein Rätsel: Klar ist, dass es sich um den Schriesheimer Fanfarenzug handelt. Aber welche Protestkundgebung wird auf dem Banner angekündigt? Es handelte sich wohl um die heute als Mittelstandskundgebung bekannte Versammlung der Gewerbetreibenden, die am 7. März 1955 gegen die Belastungen der Gewerbesteuer mobilisieren sollte. Repro: pd
Diesmal geht es um ein Protestbanner beim Fanfarenzug im Jahr 1955.

Schriesheim. (hö) Die Facebook-Gruppe "Schriesheim – Historische Bilder" ist nicht nur ein Fundus für Nostalgiefreunde, sondern wirft auch immer mal wieder Fragen auf, zuletzt bei einem alten Foto, angeblich in der Talstraße aufgenommen, das aber dank der Mithilfe von Lesern als die Steigstraße in Meersburg identifiziert werden konnte.

Nun wieder ein kniffeliger Fall: Stephanie Senn stellte am Pfingstmontag ein Schwarz-Weiß-Foto vom Fanfarenzug in der Talstraße ein, der unter einem Protestbanner durchläuft. Senn hätte interessiert, welche Kundgebung da angekündigt wird. Unterdessen gab es Zweifel, ob das überhaupt der Schriesheimer Fanfarenzug sei, die aber Adam Jakob Frohn, Verfasser des Buchs der Schmalen Seite, ausräumen konnte.

Blieb nur die Frage, um welche Protestkundgebung es sich handeln konnte. Da war Recherchearbeit gefragt: Mit etwas Mühe erkennt man auf dem Banner das Datum "Montag, 7. März". Nach dem ewigen Kalender könnte es sich um den 7. März 1955 gehandelt haben, also zur Mathaisemarktzeit – was wiederum den Aufmarsch des Fanfarenzugs, wohl beim Umzug am Sonntag (6. März 1955), erklärt. Der Mathaisemarkt hat auch mit der Kundgebung zu tun, um die es auf dem Banner geht. Ein Blick ins RNZ-Archiv förderte einen Artikel vom Mittwoch, 9. März 1955, zutage. Darin ist die Rede von einer "Großkundgebung von Handel und Gewerbe, zu welcher der Kreisverband der Gewerbevereine Nordbadens und Gewerbeverein Schriesheims eingeladen hatten". Also praktisch das, was man heute als Mittelstandskundgebung kennt. Nur damals fand diese im "Rose"-Saal statt, der "kaum die Zahl der Erschienenen fassen" konnte. Das Podium war mit dem Schriesheimer Bürgermeister Wilhelm Heeger, dem Landtagsabgeordneten Willi Rieple (Ladenburg), dem Präsidenten des Bundes der Steuerzahler, Karl Bräuer, und den Spitzen der Handwerks- sowie der Handelskammer prominent besetzt.

Denn die Gewerbetreibenden hatten auch im Wirtschaftswunder Sorgen, vor allem wegen der Gewerbesteuer: Die sei, so klagte der Vorsitzende der nordbadischen Gewerbevereine, Hermann Krauß aus Ladenburg, zu einer zweiten Einkommenssteuer für Selbstständige geworden. Bräuer nannte sie eine Sondersteuer, "die ihre Entstehung und Beibehaltung der Finanznot nach zwei großen Kriegen verdanke". Obwohl die Steuerlast die erträgliche Grenze bereits weit überschritten habe, wolle der Bund nicht auf sie verzichten.

Deswegen stand am Ende der Versammlung eine einstimmig angenommene Resolution, wonach diese Steuer, "die als großes Unrecht empfunden wird", gestrichen werden soll. Erfolglos, denn 1956 stand eine Finanz- und Steuerreform an – mit relativ wenigen Veränderungen, was die Gewerbesteuer angeht – außer dass sie als Gemeindesteuer ins Grundgesetz kam.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung