02.06.2021

Kein Wein musste weggeschüttet werden

Wie die Schriesheimer Winzer über ein Jahr Pandemie bilanzieren: Es gab Einbrüche beim Absatz, aber dramatisch ist die Lage nicht.

Von Max Rieser

Schriesheim. Hat die Pandemie die Winzer ins Mark getroffen? Denn eine der Hauptabsatzquellen der Winzer fiel schließlich weg, die Weinfeste und in Schriesheim natürlich der Mathaisemarkt. Andere deutsche Weinproduzenten berichten, dass sie Wein vernichten mussten, um Platz für die neuen Abfüllungen zu schaffen. Doch wie geht es den hiesigen Winzern, und wie ist eigentlich der neue Jahrgang geworden? Die RNZ fragte nach.

> Weingut Max Jäck: "Es könnte besser sein, aber vernichten musste ich zum Glück nichts", berichtet Max Jäck. Unter den fehlenden Festen und Veranstaltungen habe der Absatz zwar gelitten, aber es gehe noch. Das liege aber auch daran, dass er von seinen 3,5 Hektar Rebfläche in diesem Jahr 25 Prozent neu anlegte. Das heißt: alte Reben raus, neue Reben rein. Dadurch gab es ohnehin weniger Ernte. Auf dem neu angelegten Areal hat Jäck Chardonnay gepflanzt: Er ist selbst großer Fan dieser "zeitgemäßen Rebsorte".

Auch dadurch, dass sein Betrieb relativ klein sei, habe Jäck profitiert. So konnte er sich schnell und flexibel der Situation anpassen, berichtet der Jungwinzer. Dafür baute er einen Online-Shop auf, in dem man direkt per Klick bestellen kann: "Das wird auch relativ gut angenommen, und ich bin froh, weil man sonst ja gerade schlecht an die Leute kommt." Auch eine Präsenz auf Instagram hat das Weingut mittlerweile, von dessen Besuchszahlen Jäck begeistert ist. Mit so großer Resonanz habe er nicht gerechnet, auch wenn Instagram mittlerweile "ein nicht zu vernachlässigendes Marketinginstrument" sei. Auch virtuelle Weinproben gemeinsam mit anderen Winzern der Region seien schon in Planung.

Und der 2020er? Ein feinherber Rosé ist schon in der Flasche, mit dem Jäck sehr zufrieden ist: "Er hat eine schöne Frucht, eine angenehme Säure und nicht zu viel Alkohol." Die restlichen Abfüllungen sind für Juni und Juli geplant. Das habe aus kellertechnischer Sicht den Vorteil, dass die Weine noch etwas reifen könnten und sich selbst besser klären können. So müssen sie nicht "so sehr durch den Filter gequält werden".

> Weingut Rosenhof: Vernichtet werden musste nichts, sagt Matthias Schmidt "bei weitem nicht". Denn dafür war der Absatz doch zu gut. Die Weinfeste würden natürlich gerade für ihn als kleines Weingut fehlen, da man damit immer kalkulieren kann; es konnte aber einiges durch den Privatkundenverkauf abgefangen werden: "Wir hatten eine supertolle Privatkundschaft, und man hat gemerkt, dass die Leute eher zu Hause bleiben und kochen und dann auch gern mal ein Glas Wein trinken." Die Winzer hätten auch Glück gehabt, dass sie den Verkauf ab Hof geöffnet lassen durften.

Dass die Kunden direkt kommen, ist für den Winzer eine positive Entwicklung: "Wenn das so bleibt und die Leute regional beim Erzeuger kaufen, hätten wir für das Klima und für die Betriebe viel gewonnen." Die Neukundengewinnung konnte auch er gut ins Internet verlagern. Weinproben für Firmen, öffentliche Weinproben wie "Schokolade und Wein" oder eine Kooperation mit einem befreundeten Winzer im Kraichgau konnten viele Zuschauer begeistern: "Die Resonanz war wirklich toll", berichtet Schmidt. Für die Zeit nach der Pandemie möchte er die Online-Weinproben gern beibehalten, denn sie seien auch eine gute Chance, Leute in der Ferne zu erreichen. Trotzdem sei es wieder schön, die Gastronomen zu beliefern und vielleicht auch bald wieder in Präsenz mit Gästen den Wein zu verkosten.

Der neue Jahrgang "ist zwar ein bisschen kleiner", durch den Wetterverlauf und den dadurch geringeren Fruchtansatz, trotzdem ist Schmidt zufrieden. Und wie ist er geworden? "Am besten selbst probieren", sagt Schmidt lachend.

> Weingut Bielig: Winzer Georg Bielig berichtet, dass der Absatz an die Privatkunden weiterhin stabil blieb: "Von der Seite hatten wir keine Probleme." Der Versand von Weinen habe etwas angezogen, was laut dem Winzer auch daran liegt, dass Menschen, die sonst an der Bergstraße Urlaub machen, nicht auf den Wein verzichten wollen, den sie normalerweise persönlich einkaufen. Trotzdem habe der Gastronomieabsatz unter der Situation gelitten. Problematisch sei der Ausfall der Weinfeste auch deshalb, weil hier vor allem neue Kunden gewonnen werden. Und die fehlen bei ihm in diesem Jahr etwas.

Mit dem Abfüllen des letzten Jahrgangs haben Bielig und sein Team begonnen. Er ist sehr zufrieden: "Von der Säurestruktur war es ein milder Jahrgang, der jetzt beim Trinken schon Spaß macht." Die Weißweine präsentieren sich trotz ihrer Jugend jetzt schon schön reif. Die Roten werden jetzt von den Stahltanks in Holzfässer umgefüllt, wo sie noch ein Jahr reifen.

> Müllers Weinstube: Was nicht verkauft wird, "trinken wir selbst" sagt Wilhelm Müller und lacht. Natürlich nur ein Scherz, aber wegschütten mussten sie nichts. Einen "guten Jahrgang" könne man auch länger aufheben, das sei bei den meisten Weinen sogar zuträglich, berichtet er. Außerdem könne man zur Not auch Schnaps aus den Resten brennen, das sei bei ihm aber nicht der Fall. Da die eigene Gastronomie pandemiebedingt geschlossen blieb, fiel hier ein Teil des Absatzes weg. Einige treue Stammgäste hätten aber mehr Wein bestellt, was den Verlust etwas abfederte.

Der 2020er-Jahrgang ist teilweise schon im Verkauf. Müller sagt: "Wenn es jedes Jahr so wäre, könnten wir sehr zufrieden sein." Jeder Jahrgang sei anders, das bringe auch Abwechslung, sonst "wäre es ja langweilig". In der Weinstube seien frische, leichte Trinkweine gefragt und keine "Alkoholgranaten" – und dieses Ziel sei erreicht, freut sich Müller.

> Weingut Bormann: Für Anne Kathrin Bormann ist 2020 der erste Jahrgang, der überhaupt in den Keller kommt. Ihr Weingut besteht nämlich erst seit letztem Jahr. Trotzdem ist sie zufrieden, wie es anläuft. Ihre Weine können auch schon in einigen Restaurants der Stadt, wie dem "Goldenen Hirsch", bestellt werden. Ansonsten kann man die Weine mit dem hübschen Etikett direkt bei ihr in der Kirchstraße 15 kaufen.

Die meisten Sorten sind auch schon auf der Flasche. Lecker sind sie alle, aber Bormann freut sich vor allem über einen: ihren "Marcolini". Den baut sie nämlich auf einem besonderen Hang an, auf dem sie eine bunte Mischung aus Rebsorten wie Grauburgunder, Weißburgunder, aber auch italienische Reben kultiviert: "Der hat ein unglaublich tolles Aroma bekommen, auf den bin ich besonders stolz."

> Majers Weinscheuer: Christiane Majer ist in normalen Jahren vor allem durch ihre Feste in ihrer Weinscheuer bekannt. Zum ausgefallenen Mathaisemarkt gab es verschieden abgestimmte Weinpakete für einen geselligen Abend daheim. Außer Wein gab es noch Snacks und ein aufgezeichnetes Konzert der Band "Who2Ladies". Die Aktion hätte zwar den ausgefallenen Mathaisemarkt finanziell nicht ersetzen können, wurde aber gut angenommen. Und auch vernichten musste sie nichts. Deshalb verlängerte Majer die Aktion kurzerhand. Auf ihrer Internetseite kann man jetzt Weinpakete inklusive des Konzertes unter der Rubrik "Party@home" bestellen.

Abgefüllt hat die Winzerin schon ihren Grauburgunder, mit dem sie zufrieden ist. Zu lange sollte man mit dem Trinken aber nicht warten: "Wir produzieren leichte, frische, spritzige Weine, die unter zu langer Lagerung leiden." Deshalb hofft sie, dass bald wieder Feste möglich sein werden.

> Winzergenossenschaft Schriesheim: Vorstandsvorsitzender Karlheinz Spieß sagt: "Überschüssigen Wein gibt’s bei uns nicht." Was die Winzergenossenschaft vom Abfüller in Breisach nicht mehr braucht, wird anderweitig genutzt: "Der Wein kommt immer an den Mann." Der Absatz sei zwar kleiner, aber hinterherhinken würde man nicht, so Spieß. Dass die Verkäufe bei Festen und an die Gastronomie fehlten, sei momentan bei jedem Winzer so. Um anderen Winzern wie Christiane Majer nichts wegzuschnappen, verzichtete die WG auf ein Mathaisemarkt-Paket: "Uns ist wichtig, dass kein Winzer bevorzugt wird. Wir sitzen jetzt alle im selben Boot", findet der Vorstandsvorsitzende.

Die neuen Abfüllungen seien "wie immer gut", freut sich Spieß. So könne das Niveau gehalten werden. Jedes Jahr von einem Jahrhundertjahrgang zu sprechen, ist für Spieß ohnehin nichts anderes als Effekthascherei: "Da muss ich mir ja denken: Was für Brühe lagern die sonst denn ein?"

Das Weingut Wehweck wollte nicht in diesem Bericht erwähnt werden.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung