04.06.2021

Metalle in Totenasche doch kein Problem? (Update)

"Ruheforst" widerspricht den Vorwürfen des Dachverbands der Friedhofsvereine - Firma hat ein eigenes Bodengutachten in Auftrag gegeben

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Die Betreiber des geplanten Bestattungswaldes auf der Altenbacher Kipp wehren sich: Matthias Budde von der Erbacher Firma "Ruheforst" weist die Vorwürfe von Andreas Morgenroth (siehe unten) zurück – auch und gerade, was eine mögliche Belastung des Waldbodens durch die Asche der Beigesetzten angeht. Für Budde ist Morgenroth vom Dachverband der Friedhofsvereine "kein Unbekannter": Er sei Lobbyist der Steinmetze und Friedhofsgärtner, die durch die Einrichtung von immer mehr Bestattungswäldern ihr Geschäft bedroht sehen. Für Budde steht fest: "Morgenroth wird bezahlt, um Bestattungswälder zu verhindern."

Aber könnte nicht doch etwas dran sein, dass der Kipp-Boden für die Totenasche ungeeignet sein könnte? Der "Ruheforst"-Mitarbeiter erklärte gegenüber der RNZ, dass seine Firma bereits ein Gutachten in Auftrag gegeben habe, um den Untergrund zu untersuchen – und so Sicherheit zu erhalten. Zumindest hält Budde es nicht für ausgeschlossen, dass das Wasserrechtsamt ein solches anfordern könnte. Denn: "Wir sind ja noch immer im Genehmigungsverfahren, noch wird der ,Ruheforst’ ja nicht eröffnet." Nach Angaben seines Kontrahenten Morgenroth war die Kreisbehörde im Planungsverfahren für den Bestattungswald bisher nicht angehört worden. Ob dem so ist, konnte eine Kreissprecherin wegen des langen Wochenendes der RNZ nicht bestätigen. Und doch glaubt Budde nicht, dass ein solches Gutachten den Schriesheimer Ruheforst stoppen wird. Zumal die bisher einzige Analyse vor viereinhalb Jahren zwar ergeben habe, dass der Kipp-Boden sehr steinreich ist, allerdings das Grundwasser ganz tief liegt. Für Budde ist Letzteres entscheidend: "Wir sind ja nicht in den Rheinauen, wo man in einem halben Meter auf Wasser stößt, sondern am Hang." Zudem handele es sich hier um kein Wasser- oder Naturschutzgebiet.

Dabei verweist Budde auf zwei Studien, die sich mit der Frage, wie sich die Totenasche auf die Böden auswirkt, beschäftigt haben. Schwermetalle nehmen Menschen im Laufe ihres Lebens auf, zudem kommen neue bei der Einäscherung – vor allem durch Prozesse in den Krematoriumsöfen – hinzu. Wie stark die Totenasche tatsächlich "verseucht" ist, kann man nicht analysieren, das ist wegen der Störung der Totenruhe nicht möglich. Zudem finden sich im Waldboden durch Verwitterungsprozesse ebenfalls Schwermetalle. Besonders wichtig war den Freiburger Bodenkundlern die Konzentration von Chrom(VI). Diese hochgiftige chemische Verbindung entsteht bei der Verbrennung in den Öfen und kann das Grundwasser gefährden, wenn sich die kompostierbare Urne langsam zersetzt. Vom Gesetzgeber her gibt es keine Grenz-, sondern nur Vorsorgewerte, die eher Empfehlungscharakter haben.

Die Empfehlung der Geologen übernahm auch das Bundesumweltamt: Bestattungswälder mit einem sehr sauren oder basischen Boden sind ungeeignet, denn in ihnen sickert Chrom(VI) am leichtesten ins Grundwasser – also ist der pH-Wert entscheidend, den man allerdings im Falle der Kipp noch nicht kennt. Für Budde ist zudem entscheidend, wie hoch die Asche-Konzentration ist: "Wir belegen jeden Platz nur einmal auf 99 Jahre, die Forscher haben eine höhere Last im Boden angenommen."

In einer anderen Studie hat der "Ruheforst"-Konkurrent "Friedwald", der sich auch um den Schriesheimer Bestattungswald beworben hatte, selbst einmal nachgemessen, wie sich die Totenasche auf den Waldboden auswirkt: Dazu wurden Proben direkt unter der Urne entnommen. Als Fazit heißt es: "Dauerhafte Änderungen der Bodeneigenschaften durch Kremationsasche aus biologisch abbaubaren Urnen sind jedoch auszuschließen."

Für Budde deuten diese Ergebnisse in eine Richtung: "Humanasche, selbst in höherer Konzentration, überschreitet die Vorsorgewerte nicht." Und wie sieht es mit den Empfehlungen des Bundesumweltamtes für die Bestattungswälder aus? Budde meint: "Die Genehmigungsbehörden nehmen sie ernst. Aber sie sind keine Vorschriften, sondern bleiben Empfehlungen."

Update: Freitag, 4. Juni 2021, 19.01 Uhr
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Gegenwind für den Bestattungswald

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Der Bestattungswald des Betreibers "Ruheforst" auf der Altenbacher Kipp ist eigentlich in trockenen Tüchern: Erst auf der letzten Gemeinderatssitzung wurde eine Friedhofsordnung beschlossen, die Bauarbeiten sollen noch im dritten Quartal starten – und auch anfängliche Kritiker des Vorhabens, wie die CDU, haben ihren Frieden gemacht. Doch nun meldete sich Andreas Morgenroth vom Dachverband der Friedhofsvereine – sozusagen der natürlichen Konkurrenz der Bestattungswälder – bei Bürgermeister Hansjörg Höfer und legte ihm vier Fragen vor. Sollten die nicht beantwortet werden, dann droht er mit einer Dienstaufsichtsbeschwerde. Der für den Verfechter der traditionellen Bestattungskultur wichtigste Punkt: Lief die Genehmigung des Ruheforstes nach Recht und Gesetz ab?

Denn Morgenroth fiel auf, dass das Wasserrechtsamt des Rhein-Neckar-Kreises bei den Planungen nicht angehört wurde. Er habe mit dessen Leiterin, Margarete Schuh, telefoniert: "Sie zeigte sich verwundert, dass sie als Trägerin öffentlicher Belange bislang nicht am Verfahren ,Ruheforst Schriesheim’ beteiligt war. Dazu wäre die Stadt Schriesheim verpflichtet gewesen. Ich erwäge daher eine Dienstaufsichtsbeschwerde", so Morgenroth.

Hintergrund ist, dass die Asche Verstorbener längst nicht so unproblematisch ist, wie viele denken. Denn durch die Einäscherung kann sie durch verschiedene Schadstoffe – vor allem aus den Verbrennungsöfen – belastet werden, am gefährlichsten ist eine Chromverbindung (Chrom VI), die das Grundwasser belasten kann. Das heißt nicht, dass die Urnenasche auf einmal gefährlicher Sondermüll wäre und dass Bestattungswälder allesamt untersagt werden müssen. Es geht Morgenroth eher darum, dass die Belastung des Waldbodens auf der Kipp untersucht werden sollte, um herauszufinden, wie viel er von der zusätzlichen Last noch schultern kann (oder überhaupt dafür geeignet ist). Vom Schriesheimer und Altenbacher Waldboden weiß man, dass in ihm Arsen und Sulfat stecken – weswegen der Schlamm aus dem Regenrückhaltebecken als Sondermüll entsorgt werden musste. Allein um das abschätzen zu können, meint Morgenroth, hätte man das Wasserrechtsamt, das auch für den Boden zuständig ist, einbinden müssen.

Zusätzlich ist für ihn auch noch offen, ob in Schriesheim die Empfehlungen des Bundesumweltamtes für Bestattungswälder umgesetzt wurden – auch so eine Frage von ihm an den Bürgermeister. Denn diese Behörde legt ebenfalls nahe, den Boden genauer zu analysieren, ob er für Urnenbeisetzungen überhaupt geeignet ist. Zu saure und zu vorbelastete Böden – und auch die mit hohem Grundwasserspiegel – fielen da durchs Raster. Und so weit man weiß, gibt es keine chemischen Analysen, was den Boden auf der Kipp angeht. Als vor viereinhalb Jahren das Freiburger Institut "Unique" 203 Bodenproben entnahm, ging es eher um die Frage, ob hier überhaupt die Urnen eingegraben werden können – mit dem Ergebnis, dass an nur 73 Stellen sich der Bohrstock in die erforderlichen 80 Zentimeter Tiefe einschlagen ließ, weil der Untergrund voller Steine war. Immerhin fand "Unique" auch heraus, dass es auf der Kipp weder eine Stau- noch eine Grundwasserproblematik gibt.

Alles in allem wurde ein Großteil des Areals für nicht geeignet erklärt – woran sich Morgenroth erinnert: "Da wurden die eindeutigen Empfehlungen einfach ausgehebelt." Er fürchtet, dass sich wegen des steinigen Untergrunds nun die Asche auf einer verhältnismäßig kleinen Fläche konzentriert – mit entsprechenden Folgen für die Bäume: "Dies ermöglicht theoretisch bei Zugrundelegung von drei Kilogramm Asche pro Urne, zwölf Urnen pro Baum und 100 Bäumen pro Hektar einen Ascheeintrag von 3,6 Tonnen – alle 15 Jahre!" Denn die Ruhefrist liegt bei 15 Jahren.

Aber schießt Morgenroth nicht eher deswegen quer, um einen lästigen Konkurrenten loszuwerden? "Nein, gegen einen Bestattungswald ist nichts zu sagen, wenn Recht und Gesetz beachtet werden. In Schriesheim wurden aber die wasser- und bodenrechtlichen Hausaufgaben nicht gemacht. Und mehr noch: Es wurde auch gegen gutachterliche Auflagen verstoßen." Auf seine E-Mails der letzten fünf Jahre hat der Bürgermeister nicht reagiert – und wahrscheinlich wurden über seine Bedenken die Stadträte nicht informiert, die nach Morgenroths Auffassung zu blauäugig in dieses Projekt gegangen seien. Auf die Stadt sieht er ungeahnte Folgen zukommen, wenn nicht jetzt das Wasserrechtsamt angehört werde: "Ich bezweifle, ob unter diesen Umständen es überhaupt eine Eröffnung gibt."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung