15.06.2021

"Kulturtage" statt "Schriesheim jazzt"

"Kulturtage" statt "Schriesheim jazzt"

Jochen Wähling, Christian Glocker, Gabriele Mohr-Nassauer und Dieter Weitz (v.l.) vom Kulturkreis präsentieren das Plakat zu den Schriesheimer Kulturtagen am zweiten Juli-Wochenende. Foto: Dorn
"Poetry Slam", Opernabend und Jazz-Vormittag am zweiten Juli-Wochenende - Gewohntes Jazz-Open-Air wäre organisatorisch nicht zu stemmen

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Eigentlich wäre am zweiten Juli-Wochenende "Schriesheim jazzt"-Zeit gewesen. Eigentlich. "Das schaffen wir technisch nicht", gibt Jochen Wähling vom Kulturkreis Schriesheim (KKS) zu, der sonst immer die Bands für das Jazz-Open-Air, das es bisher 14 Mal gab, für die diversen Bühnen quer durch die ganze Stadt gebucht hat. Wie soll man bei normalerweise 1200 Besuchern an sieben Orten deren Kontaktdaten erfassen? "So ein Format passt nicht in Corona-Zeiten", findet auch die Erste Vorsitzende des KKS, Gabriele Mohr-Nassauer.

Und doch juckte es dem KKS in den Fingern, den Schriesheimern nach langer Zwangspause wieder ein Kulturevent anzubieten, schließlich hatte man ja auch eine Blaupause: die "1. Schriesheimer Musiktage" im letzten Jahr. Am letzten Augustwochenende kamen – an zwei Abenden und einem Vormittag – stets um die 200 Besucher in den Hof der Strahlenberger Grundschule. Das wird nun vom 9. bis zum 11. Juli ähnlich sein, auch am Programmschwerpunkt hat sich wenig verändert: der Freitagabend für die Freunde des geschliffenen Worts – neudeutsch nennt man das einen "Poetry Slam" –, der Samstagabend für alle, die Opern und Operetten lieben, und der Sonntagmittag für diejenigen, die Jazz – wenn auch etwas angereichert durch Pop – mögen. "Wieder für alle etwas dabei", freut sich Mohr-Nassauer.

Christian Glocker hat mal wieder acht moderne Dichter mobilisiert, etliche kennen sich bereits in Schriesheim aus; Jonathan Schrodt selbst wohnt in der Stadt, im Friedrich-Hauß-Studienzentrum in der Heidelberger Straße. Er feierte 2019 im Zehntkeller seine Premiere. Eine Premiere ist für den KKS natürlich das Open-Air-Format im Schulhof. Im letzten Jahr waren dort noch Liedermacher aufgetreten, jetzt sind es vor allem Dichter – auch wenn sich Eva Sauter, die an der Popakademie Mannheim studiert, mit eigenen Songs angesagt hat. Der Wortlastigkeit des ersten Abends ist es auch zu verdanken, dass es heuer nicht die "2. Schriesheimer Musiktage" gibt, sondern die "Kulturtage 2021". Wie Glocker berichtet, nutzten einige Dichter die viele Zeit während der Pandemie, um ganz neue Texte für ihren Schriesheimer Auftritt zu schreiben – aber allen ist gemein, dass sie sich unbändig freuen, endlich mal wieder vor Publikum zu stehen.

Dieter Weitz ließ mal wieder seine Drähte zum Mannheimer Nationaltheater glühen und sorgte für den Samstag-Opernabend. In diesem Jahr plant Weitz einen Verdi-Schwerpunkt mit Szenen aus "Rigoletto" und "Falstaff", nach der Pause bleibt es italienisch, aber mit Gaetano Donizetti geht es wieder – wie bereits im letzten Jahr – mehr in Richtung "Belcanto". Von den "Musiktagen" ist noch der Pianist Matteo Pirola bekannt, der die Solisten Amelia Scicolone (Sopran) und Juraj Hollý (Tenor) begleitet. Noch stehen nicht alle Details des Opern-Programms fest, aber Weitz freut sich über die Zusagen "aus der ersten Reihe des Nationaltheaters". Zum Schluss gibt es noch Beschwingtes aus den Operetten-Klassikern "Land des Lächelns" von Franz Lehár und "Der Vetter aus Dingsda" von Eduard Künneke.

Der Sonntag gehört dem Jazz, und Jochen Wähling hat dafür die regionale Band "Sidesteps" um Uli Wehrmann verpflichtet – auch weil sie sich bei ihrem "Schriesheim jazzt"-Auftritt im Kirchgarten nicht nur bewährt, sondern auch als Publikumsmagnet erwiesen hatten. Dass es vielleicht für Jazzpuristen etwas poppig zugehen könnte, verdrießt Wähling nicht: "Wir wollen keine Partymusik, aber Musik, die Spaß macht." Die Auswahl war gar nicht so einfach, wie Wähling berichtet: "Viele Bands haben seit einem Jahr nicht mehr geprobt."

Für das KKS-Quartett sind die "Kulturtage" vor allem ein Signal dafür, dass es auch mit der Kultur weitergeht. Dass die Lage im Grunde entspannter ist als vor einem Jahr, hilft da natürlich – und das soll sich auch auf die Besucherzahlen niederschlagen: Platz gibt es für jeweils 250 Gäste – die Testpflicht entfällt, da alles im Freien stattfindet: "Das wäre auch die größte Hürde gewesen", bekennt Glocker. Schon jetzt hat im Internet ein erster Run auf die Vorverkaufskarten eingesetzt, dabei hängen noch gar keine Plakate: "Die Leute freuen sich auf Kultur", meint Mohr-Nassauer. Noch nicht mal EM-Fans müssen auf die Musiktage verzichten: Die zwei Abende sind spielfrei – und sollte die deutsche Elf ins Finale kommen, dann bleibt die Bestuhlung am 11. Juli einfach stehen, bis 21 Uhr darf man dann hier sitzen. Und was wird nun aus "Schriesheim jazzt"? "Das ist noch nicht gestorben", meint Wähling, "wir müssen nur auf andere Zeiten warten."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung