17.06.2021

Wieder "Rudelgucken", nur etwas kleiner

Wieder "Rudelgucken", nur etwas kleiner

In Schriesheim punktete das „Kaffeehaus“ mit seinem authentischen „EM-Feeling“. Foto: Dorn
Entlang der Bergstraße während des ersten EM-Spiels der Nationalelf: Besonders viel los ist auf den Marktplätzen in Weinheim und Schriesheim

Von Max Rieser

Weinheim/Hirschberg/Schriesheim. Endlich wieder mitfiebern! Für viele war das erste EM-Spiel der deutschen Elf das Ereignis, das man lange herbeigesehnt hatte. Blieb nur die Frage: Kommen die Leute wieder zum "Rudelgucken", oder bleiben sie, pandemiegewohnt, zu Hause? Die RNZ fuhr die Bergstraße entlang – auf der Suche nach dem Public Viewing im Kleinen.

> Weinheim: Auf dem Marktplatz hätte man meinen können, die Pandemie sei vorbei: Die Außenbereiche der Restaurants und Kneipen sind gerammelt voll, die Kommentatoren hört man schon von Weitem. An diesem Abend bleibt es in einigen Lokalen dunkel, nicht so im "Tafelspitz". "Wir sind sehr zufrieden mit dem Andrang", freute sich Benjamin Ofenloch, der das gut besuchte Restaurant mit seinem Bruder Bastian Bährend führt.

Mehr Gäste dürften es auch nicht sein, ihre Zahl ist begrenzt. Wegen der Auflagen mussten sie sogar schon 30 Fußballbegeisterte abweisen. Da Ofenloch mit noch mehr Andrang rechnet, sollte die Nationalelf weiterkommen, hat er sich mit dem angrenzenden Geschenkladen "Elli & Emily" geeinigt, dass er davor noch Tische aufstellen darf, da dieser zu Spielzeiten ohnehin geschlossen hätte: "Je weiter Deutschland kommt, desto mehr lassen wir uns einfallen!"

Darwin Höhnle und David Kunerth haben Glück und ergattern mit Freunden noch einen Platz im "Tafelspitz": "Wir sind alle schon durchgeimpft, deshalb war das kein Problem." Sie starten sogar eine kleine Tipp-Runde am Tisch, fiebern klar für Deutschland: Wer am Ende gewinnt, ist aber egal: "Hauptsache, ein tolles Spiel."

Ein paar Meter weiter wehen riesige Deutschlandfahnen vor der Kultkneipe "Stadtmauer". Da die Bar keinen Außenbereich hat, spielt sich das Geschehen im abgedunkelten Innenraum ab. Auch hier sind viele Tische besetzt. Inhaberin Ceylan Candemir sagt: "Viele sind traurig, dass es kein großes Public Viewing im Schlosshof gibt." Den großen Andrang vermutet sie eher, wenn die Nationalelf die Vorrunde packt und es an die Finalspiele geht.

Auch Wochenendspiele sind für sie wichtig, für das am Samstag gegen Portugal hat sie schon einige Reservierungen. Da die Gäste sich in der "Stadtmauer" noch testen lassen müssen, sei die Hürde größer. Außerdem dürfen nur 36 Gäste rein, normal wären 80. Trotzdem ist Candemir zufrieden und freut sich, dass überhaupt so viele gekommen sind, darunter André Hintenlang: "Ich bin froh, dass die Bar wieder offen hat und ich sie auch etwas unterstützen kann. Die Testpflicht ist mir da egal."

> Hirschberg: Hier muss man die Fußballbegeisterten suchen, höchstens hier und da mal eine Fahne an den Balkonen. Im "Weißen Lamm" in Großsachsen bleiben viele Stühle leer. Wirt Gerd Krämer sagt: "Für mich sind das Wetter und die Testpflicht tödlich." Durch die warmen Temperaturen ziehe es die meisten vor allem in die Außengastronomie. Für die gemütliche Kneipe sind die Regelungen Gift. Die meisten an diesem Abend sind Stammgäste, die Krämer gut kennt und die ihm ohnehin die Treue halten.

Er hofft, dass im Oktober so viele geimpft sind, dass auch bei ihm wieder die Normalität eintritt. Einer der treuen Gäste ist Jürgen Drefs mit seiner Lebensgefährtin Simone Dal-Magro. Die beiden betreiben das "Gasthaus zur Bergstraße" in Leutershausen, das dienstags Ruhetag hat. Sie wissen um die Probleme von Krämer. Dal-Magro meint: "Das mit dem Test ist wirklich fast kein Aufwand dafür, dass man dann zusammensitzen kann." Die fünf Minuten, die der Test dauert, würden sich lohnen, und man würde die Gastronomie unterstützen.

Kurz ist die Stimmung im "Lamm" angespannt, als es in der 35. Minute fast erneut zum Tor durch die französische Mannschaft kommt. Miriam und Michael Müller atmen auf. Sie sind schon geimpft, und für sie war klar, dass sie in Krämers Wirtschaft kommen: "Wir sind zu EM- und WM-Spielen immer hier."

Ausgelassener ist die Stimmung im "Löwen" in Leutershausen. Der Innenhof ist gut gefüllt, und die Stimmung zu Beginn der Halbzeitpause trotz des Rückstands gelöst. Inhaberin Birgitta Volk-Gölz, die das Hotel-Restaurant mit ihrem Sohn Christian Gölz führt, sagt: "Wir sind sehr zufrieden mit dem Andrang." Christian Gölz vermutet, dass die Euphorie noch zunehmen wird, falls die deutsche Mannschaft die Finalspiele erreicht.

Auch der Trainer der "Rhein-Neckar-Löwen", Martin Schwalb, ist gerade Gast: "Hier ist es herrlich, das Spiel zu sehen. Alles wird mit Liebe gemacht, und man fühlt sich sehr wohl." Trotz des Rückstands findet er, dass die Nationalmannschaft sich gut schlage. Auch die Sänger des MGV Leutershausen sind nach der Probe zum Fußballschauen in den "Löwen" gekommen. Das liege auch daran, dass es in der Alten Synagoge, in der der Verein probt, "noch immer kein Fassbier gibt", wie Organisationsleiter Günther Wagner witzelt. Einige hätten sich wohl das Spiel auch zu Hause angesehen, vermutete Max Ost von Getränke-Ost. So hatte er letztes Wochenende vor allem beim Bierverkauf einen erhöhten Absatz festgestellt.

> Schriesheim: Zur zweiten Halbzeit geht es im "Kaffeehaus" mit seiner stimmungsvollen Atmosphäre und der großen Leinwand hoch her. Der Platz ist gut gefüllt, und die Stimmung trotz anhaltenden Rückstands der Nationalelf fröhlich. Die Betreiberin des "Kaffeehaus", Heike Kohl, ist zufrieden: "Wir sind seit 19 Uhr komplett belegt." Seit Montag sei die Testpflicht gefallen, und das schöne Wetter tue sein Übriges. Kohl ist sehr froh, dass alle Stammgäste zurück seien und das Café wieder unterstützten, denn "Schriesheim ist nicht Heidelberg" – und man sei auf die treue Stammkundschaft angewiesen. Eine davon ist auch Jana Hartmann, die mit Freunden gekommen ist und sich sichtlich wohlfühlt: "Es ist wie Urlaub!"

Direkt um die Ecke ist in den Fenstern des Begegnungszentrums "Mittendrin" noch Licht, hier werden alle Deutschlandspiele gezeigt. Christine Vierling berichtet: "Es ist super, wir sind voll besetzt." Vor allem die selbst gemachten Hotdogs seien "der Renner", die würde es ab jetzt zu jedem Fußballereignis geben.

Christian Siebert und Jonathan Schulz sind zwei der Gäste. Sie sagen zum Ende des Spiels: "Das Ergebnis könnte zwar um einiges besser sein, aber es ist schön, die Spiele wieder zusammen sehen zu können und etwas mehr Gemeinschaft zu haben."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung