22.07.2021

Kleine Revolution beim Liederkranz und Unmut über einen neuen Namen

Beim nicht mehr singfähigen Frauenchor sollen jetzt auch Männer singen. Nun gab es teils heftige Diskussionen, wie der gemischte Chor heißen soll.

Schriesheim. (hö) Um ein Haar wäre das wohl die kürzeste Jahreshauptversammlung des Liederkranzes geworden – und eine fast ohne Diskussionsbedarf. Aber es sollte dann doch anders kommen. Zunächst hatte der Erste Vorsitzende Klaus Urban verkündet, dass "der Frauenchor alleine nicht mehr singfähig" ist, deswegen sollte es fortan einen gemischten Chor geben, den 16 aktive Sänger-Männer unterstützen wollen. Der Männerchor mit seinen 34 Sängern solle allerdings fortbestehen und unangetastet bleiben. Das schluckten die 63 Mitglieder, die sich in der "Duwag-Scheier" im Aussiedlerhof Spieß versammelt hatten, noch – was wiederum Urban überraschte, denn er hatte mit Widerspruch gerechnet.

Als dann Geschäftsführerin Charlotte Günther den Antrag stellte, für den gemischten Chor einen neuen, peppigeren Namen zu suchen, war es mit der Harmonie vorbei: "Ohne ein Konzept macht ein neuer Name keinen Sinn", hieß es aus der Runde. Oder: "Erst das Liedgut festlegen, dann einen Namen finden." Andere fanden: "Das geht mir viel zu schnell. Wir sollten erst schauen, wie der gemischte Chor funktioniert." Einige fürchteten um den Traditionsnamen "Liederkranz": "Dieser neue Name verändert den Liederkranz. Und ,Liederkranz’ ist unsere Geschäftsbasis." So meinte auch ein Mitglied: "Die Zeit ist noch nicht reif dafür. Viele können sich mit dieser Idee noch nicht anfreunden. Die meisten fühlen sich überfahren."

Da half es auch nichts, dass Urban eine ums andere Mal beteuerte: "Der Name ,Liederkranz’ bleibt auf jeden Fall erhalten." Und außerdem habe es ja schon mal in der Liederkranz-Geschichte mit "Happy Voices" einen frischeren Namen für den einstigen "Jungen Chor" gegeben. Bevor die Auseinandersetzung eskalierte, zog Günther ihren Antrag zurück – nicht ohne auf positive Beispiele zu verweisen: Sie wisse vom GV Frohsinn Eggenstein, dass es dort einen Chor "Next Generation" gebe: "Das ist nichts Schlimmes, das hat dem Traditionschor nichts genommen." Und Urban fand die Debatte "ein bisschen schade", nun werde der Antrag Günthers eben im nächsten Jahr behandelt. Die Zukunft der Chöre war dann auch nach dem offiziellen Teil das große Thema unter den Mitgliedern, die Meinungen teilten sich nach den "Traditionalisten" (meist den Männern) und den "Modernisierern" (meist den Frauen). Ein großes Thema sind auch die Probentage und die Singstunden, die für viele Berufstätige zu früh sind. Hier wurden aber erst einmal die alten Regelungen beibehalten.

170 Jahre nach seiner Gründung hat der GV Liederkranz – er war übrigens nie ein MGV, auch wenn der Frauenchor erst 1985 ins Leben gerufen wurde – noch 253 Mitglieder, davon gut 60 aktive (etwa halbe-halbe Männer und Frauen). Für Urban ist "diese Zahl erschreckend. In den letzten zehn Jahren haben wir uns bei den Passiven und Aktiven halbiert. Wir müssen darauf achten, dass es für uns weitergehen kann". Dass die Reihen des Chors immer lichter werden, bewies die lange Liste der Toten der letzten anderthalb Jahre, die Urban verlas, darunter die beiden Gründungsmitglieder des Frauenchors, Käthe Kröhnert und Dorle Hartmann, das Ehrenmitglied Valentin Morast oder der älteste aktive Sänger, Philipp Forschner.

Aber es gibt auch Hoffnungszeichen: Der Kinderchor, der mit Daniel Wiens gerade einen neuen Leiter gefunden hatte, dann aber nach vier Proben in die Corona-Zwangspause geschickt wurde, will wieder ab dem 17. September starten; Wiens ist genauso wieder an Bord wie zwölf sangesfreudige Kinder. Nach den Sommerferien starten auch der Männerchor und der neue gemischte Chor wieder. Während der Pandemie gab es kaum Austritte, allerdings bleiben die Chöre weiterhin strukturell überaltert, es fehlen die jungen Sänger.

Wie rege das Vereinsleben zumindest bis zum März 2020 war, davon berichtete Jutta Höfer. Und auch die Kasse ist in Ordnung, es gibt nur ein kleines Defizit von 155 Euro, so Günther. Vor allem deswegen, weil es coronabedingt keine Einnahmen durch Feste gab; und das Vereinsheim, das man sich mit der AWO teilt, bekam eine neue Heizung.

Copyright (c) rnz-online

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung