05.08.2021

"Ein Armutszeugnis": Im ganzen Kreis gibt es kein einziges Frauenhaus

"Ein Armutszeugnis": Im ganzen Kreis gibt es kein einziges Frauenhaus

Die Videokonferenz zum Thema „Gewalt gegen Frauen“ war von den Liberalen Frauen organisiert, die Schriesheimer FDP-Vorsitzende Ulrike von Eicke (oben links) moderierte. Foto: Dorn
Bei der Videokonferenz der Liberalen Frauen ging es um ein verdrängtes Thema: Gewalt gegen Frauen. Die Pandemie verschärfte die Lage noch zusätzlich.

Schriesheim. (max) Das Thema, über das die Liberalen Frauen Rhein-Neckar in einer Online-Runde diskutierten, erlangte in der Pandemie traurige Bekanntheit: Gewalt gegen Frauen. Die Diskussion war Teil einer Veranstaltungsreihe mit dem Namen "Frauen stark machen!", die mittlerweile auch wieder in Präsenz stattfindet, wie die Bezirksvorsitzende der Liberalen Frauen, Nathalie Schuhmacher-Grauer, berichtete. In ihrer Einführung sagte sie, dass Gewalt gegen Frauen ein Thema aus der Mitte der Gesellschaft sei, das es unabhängig von Bildungsstand und Einkommen gebe. In der Regel geschehen die gewaltsamen Übergriffe hinter verschlossenen Türen im eigenen Zuhause, was die Situation für die Betroffenen noch verschlimmere.

Doch es sollte keine offene Diskussionsrunde sein, sondern durch kurze Impulsvorträge strukturiert werden. Als Gäste waren dazu vor allem Mona Albrecht-Baumgärtner und Marlen Stadtfelder geladen, die beide für den Heidelberger Verein "Frauen helfen Frauen" arbeiten, der auch ein Frauenhaus in Heidelberg betreibt. Außerdem die Leimener Bürgermeisterin Claudia Felden, die für den Landesvorstand der Liberalen Frauen und für den FDP-Kreisverbandsvorstand tätig ist. Um die Anliegen gegebenenfalls weiter tragen zu können, beteiligten sich auch der Bundestagsabgeordnete für die FDP für den Rhein-Neckar-Kreis, Jens Brandenburg, und der Bundestagskandidat für den Wahlkreis Weinheim/Heidelberg, Dennis Tim Nusser. Moderiert wurde die Veranstaltung von der Vorsitzenden der Schriesheimer Liberalen, Ulrike von Eicke.

Albrecht-Baumgärtner berichtete von der Entstehung des Heidelberger Frauenhauses in den 1970er Jahren, das als autonomes Frauenhaus aus der Frauenbewegung entstanden war, und ihren Tätigkeitsfeldern heute. Diese bestehen unter anderem darin, Frauen und ihren Kindern Schutz vor Gewalt zu bieten und ihnen beim Start in ein selbstbestimmtes Leben zu helfen. Es gehe auch darum, Aufklärung darüber zu leisten, dass die Gewalt vor allem durch gesellschaftliche Strukturen gewachsen sei. Der Verein begreift sich in seinen Grundsätzen als feministisch, rassismusbewusst und parteiisch für Frauen und Kinder. Albrecht-Baumgärtner zeigte sich unzufrieden mit der Finanzierung der Plätze im Frauenhaus, da sie tagessatzgebunden sei und eine Frau Anspruch auf Sozialhilfe haben müsse, um ihren Platz bezahlt zu bekommen. Das würde eine Reihe von Betroffenen wie Seniorinnen, Studentinnen, Frauen mit unsicherem Aufenthaltstitel, mit einem Einkommen oder Vermögen, auf das sie aber durch den Täter selbst keinen Zugriff hätten, ausschließen. Sie forderte eine passgenauere Finanzierung und mehr Prävention.

Stadtfelder berichtete von der prekären Situation seit der Pandemie, da das Haus ohnehin zu wenig Platz böte und der Aufwand groß gewesen sei, um die Hygienemaßnahmen umsetzen zu können. Sie hätten außerdem seit dem Beginn der Pandemie eine 40 Prozent höhere Nachfrage als in den Vorjahren. Durch die hohen Preise auf dem Immobilienmarkt könnte sich das Frauenhaus erstens keine zusätzlichen Räume leisten, und zweitens wäre die Vermittlung von Frauen, die aus ihrer häuslichen Situation herausgeholt werden müssten, schwierig. Sie lobte das "Platzverweisverfahren", das es Frauen ermögliche, in ihrer Wohnung zu bleiben, während der Täter sie verlassen muss. Auch sie forderte mehr Prävention, schon im Vorschulalter und auch für ältere Frauen.

Brandenburg sah den Kampf gegen Gewalt gegenüber Frauen als eine "große Freiheitsfrage, in der wir politisch Verantwortung übernehmen müssen". Sie sei nur die Spitze des Eisbergs einer Reihe von Diskriminierungen von Frauen wie auch der "Gender-Pay-Gap", also die geschlechtsspezifische, ungleiche Bezahlung für gleiche Arbeit oder die Unterrepräsentation von Frauen im öffentlichen Dienst. Die Vielfalt der von Gewalt Betroffenen sei groß – und unabhängig von Einkommen, Bildung oder Nationalität.

Zwar sei die Lage in Ungarn und Russland noch schlimmer, aber auch Deutschland habe noch Nachholbedarf in Sachen Soforthilfe und Beratung. Als zunehmendes Problem für jüngere Frauen sah er Übergriffe im Internet wie Stalking und Mobbing und forderte, einen stärkeren Fokus auf "digitale Gewalt". Zusätzlich sei häusliche Gewalt durch die Pandemie verstärkt worden – die 166.000 angezeigten Fälle – zwei Drittel davon kamen von Frauen – bedeuten einen Anstieg von sechs Prozent gegenüber dem Vorjahr.

Felden veranschaulichte den schleppenden Fortschritt bei dem Thema auch mit der Istanbulkonvention, die zum Schutz von Frauen gegründet wurde. Sie existiert seit 2011, wurde von Deutschland aber erst 2018 ratifiziert. Sie störe auch, wie von Mord an Frauen im häuslichen Kontext berichtet würde: "Wenn es ein Täter mit Migrationshintergrund ist, ist es Ehrenmord. Wenn es ein deutscher Täter ist, war es eine Beziehungstat."

Bei ihrer Tätigkeit in der Kreistagsfraktion sei ihr aufgefallen, dass Gelder sehr stark nach dem "Gießkannenprinzip" verteilt würden und förderbedürftige Projekte dabei untergehen würden. So gebe es ein Frauenhaus in Mannheim und eines in Heidelberg aber im gesamten Rhein-Neckar-Kreis mit seinen 278.000 Frauen kein einziges. Dabei sei geregelt, dass pro 10.000 Einwohner mindestens eine Betreuungsstelle für Frauen existieren müsse. Das wären für den Kreis also mindestens 54. Nach einer Anfrage wurde ein Schutzraum für drei Frauen geschaffen: "Fehlen also nur noch 53", ergänzte Felden resigniert. Beratungsstellen im ländlichen Raum seien zudem zwar notwendig, für viele Betroffene aber keine Option, da sie sich fürchteten, gesehen zu werden. Ein Fortschritt sei das bundesweite Hilfetelefon, für das auf Frauentoiletten geworben wird, um sie direkt anzusprechen. Sie erwähnte außerdem, dass es auch für Männer schwierig sei, mit dem Thema "Gewalt" umzugehen, da es in hohem Maße stigmatisiert sei und viele nicht mit der Opferrolle umgehen könnten.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung