05.08.2021

Wolfgang Bosbach hielt eine Art Bütt mit ernsten Themen (Update)

Wolfgang Bosbach hielt eine Art Bütt mit ernsten Themen (Update)

Foto: Dorn
Der CDU-Politiker begeisterte den Zehntkeller. Und rief dazu auf, CDU zu wählen.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Wolfgang Bosbach im Fernsehen zu sehen, ist das eine. Aber das CDU-Urgestein live zu erleben, hat etwas von einer Naturgewalt: Der 69-Jährige schafft es, ohne Manuskript eine gute Stunde sein Publikum – wie die 200 Zuhörer am Mittwochabend im Zehntkeller – zu fesseln, dass keiner auf die Idee kam, mit seinem Sitznachbarn zu plaudern. Als Rheinländer liegt Bosbach der Karneval im Blut, sein Auftritt war eine Art politische Bütt.

> Die Rede: Bosbachs Ziel ist klar: Die CDU-Anhänger, vor allem die vielen enttäuschten konservativen, dazu zu motivieren, wählen zu gehen. Dafür stürzt er sich, obwohl seit 2017 Polit-Rentner, wieder in einen Wahlkampf, den "garantiert letzten", seitdem er 1972 zum ersten Mal in den Bundestag einzog: "Es macht mir immer noch Spaß." Und er teilt mit seinen Zuhörern "das Interesse an der Union, an der Nation". Apropos Nation: Bosbach rieb sich an der Aussage des grünen Co-Chefs Robert Habeck: "Vaterlandsliebe fand ich stets zum Kotzen. Ich wusste mit Deutschland noch nie etwas anzufangen und weiß es bis heute nicht." Der hatte das zwar schon 2010 in einem Buch geschrieben, aber dennoch kann sich Bosbach stets aufs Neue darüber aufregen – und er ruft dem applaudierenden Zehntkeller zu: "Vaterlandsliebe ist eine gute Sache!" Das habe man auch bei der großen Hilfsbereitschaft nach der jüngsten Flutkatastrophe gesehen: "Das ist gelebter Patriotismus!"

Ansonsten reißt der 69-Jährige gern die ganz großen Themen an, die er mit Bonmots würzt und knackig serviert. Erstes Thema: "Die Union hat seit Gründung der Bundesrepublik die richtigen Schlüsselentscheidungen getroffen". Das fängt bei der Westintegration und der Wiederbewaffnung an, geht über die Wende und Wiedervereinigung ("Ein Glück, dass 1989 Kohl und nicht Lafontaine Kanzler war") und endet bei den momentan niedrigen Arbeitslosenzahlen. Sogar die Klimaziele eignen sich für eine Erfolgsbilanz: "Da heißt es, es sei nichts passiert. In Wahrheit ist unser CO2-Ausstoß seit 1990 um 40 Prozent zurückgegangen, dabei ist die Wirtschaft um 40 Prozent gewachsen."

Der Grund: moderne Technik – und damit ist Bosbach bei seinem zweiten Thema "Wirtschaftliche Leistungsfähigkeit". Denn: "Wir können als kleines Deutschland nicht das Weltklima beeinflussen, aber wir können Weltmarktführer sein." Zugleich hadert der Ex-CDU-Grande mit der Energiepolitik, auch seiner Partei: "Ich kenne keine Industrienation, die gleichzeitig aus Kohle und Atom aussteigt", um dann am Ende Strom aus dem Ausland zu importieren: "Ich weiß nicht, ob das sicherer oder sauberer ist. Das ist nicht sehr populär, aber die Wahrheit." Während China mit der neuen Seidenstraße den Weltmarkt aufrollt, diskutiere man in Deutschland, ob die Mohrenstraße überhaupt noch so heißen dürfe. Und dann die Rente: "Vor 30 Jahren haben die Leute halb so lange Rente bezogen wie heute." Das gehe auf Dauer nicht gut, deshalb plädiert er für ein flexibles Rentenalter. Das betrifft ihn in gewisser Weise selbst: Denn sein altes Wahlkreisbüro hat er privat angemietet – und macht weiter (übrigens auch als Anwalt).

Bosbachs Thema Nummer 3, "Migration", war der jüngsten grünen Forderung nach einem Einwanderungsministerium geschuldet – und das knappste. Davon hält er nichts: "Wir dürfen die Grenzen unserer Aufnahmefähigkeit nicht überdehnen."

Zum Schluss der 65 Minuten appellierte Bosbach: "Schenken Sie der Union ihr Vertrauen. Radikale politische Kräfte dürfen keine Chance haben, das Land zu prägen" – dann folgte über eine Minute Applaus.

> Die Lokalmatadoren: Etwas im Schatten Bosbachs stand der CDU-Bundestagskandidat Alexander Föhr, für den – wie auch für die Schriesheimer CDU-Vorsitzende Christiane Haase – es "schon etwas Außergewöhnliches ist, dass jetzt so viele Leute zusammengekommen sind". Und er wunderte sich, dass die Grünen letzte Woche ihren Wahlkampfauftakt begonnen hätten, er selbst sei schon seit März im Wahlkreis unterwegs – damit trete er in "die großen Fußstapfen" des bisherigen Abgeordneten Karl A. Lamers, der immer viel Präsenz gezeigt habe. Er lobte die Schriesheimer CDU "als großes Kraftzentrum", und mit einem Bürgermeisterkandidaten Christoph Oeldorf werde "nichts schiefgehen".

> Die Reaktionen: Karl A. Lamers schwärmte von einer "tollen Veranstaltung mit einem herausragenden Freund und Politiker". Bosbach "hat klare Kante gezeigt und eine Sprache gesprochen, die die Leute verstehen und mögen". Bürgermeisterkandidat Christoph Oeldorf imponierte, wie "komplexe Themen in einfache Worte gekleidet" wurden. "Sehr amüsant und informativ", fand den Auftritt Christian Würz von der Hirschberger CDU, "ein absoluter Profi. An den Reaktionen merkte man, dass er einen Punkt getroffen hat."

Marianne Lennig aus Oberflockenbach meinte: "Ein absoluter Vollblutprofi: authentisch, überzeugend, mit breitem Wissen und glaubwürdig." So sah das auch Isolde Nelles aus Schriesheim: "Fundiert, klug und mit Humor gepaart, so kann Politik auch sein. Er spricht aus, was viele denken, und vor allem weiß er, was im Staat und in der Wirtschaft läuft." Schriesheims CDU-Chefin Christiane Haase meinte: "Es ist schön, klare Worte zu hören. Es ist notwendig, dass man sich positioniert." Für den Sprecher der Schriesheimer CDU-Fraktion, Michael Mittelstädt, war Bosbachs Auftritt "kurzweilig" und "ein guter Rückblick auf die letzten 50 Jahre".

Karin Weidenheimer von der Heidelberger CDU ist "sowieso Bosbach-Fan". Sie findet es "toll, dass er ein Mann der klaren Worte ist, das vermisse ich in der CDU". Und für den Ehrenvorsitzenden der Heidelberger CDU, Eyke Peveling, "macht es Spaß, politisch aktiv zu sein" – angesichts der mitreißenden Art des Redners. Hockenheims OB Marcus Zeitler resümierte: "Bosbach hat angesprochen, was viele nicht wagen. Aber man muss auch mal sagen, was wehtut. Wenn ich so reden könnte wie er, wäre ich glücklich."

Update: Donnerstag, 5. August 2021, 19.52 Uhr

Wolfgang Bosbach gab den Entertainer

Schriesheim. (hö/cab) Schon vor dem Wahlkampftermin des CDU-Urgesteins Wolfgang Bosbach am Mittwochabend im Zehntkeller war die Spannung groß: Welche Themen würde der Freund starker Worte (und starker Meinungen) setzen? Die Antwort: Bosbach gab zunächst den Entertainer. Er plauderte von seinem ersten Wahlkampf im Jahr 1972, von seiner Frau und seinen 56 Einsätzen im jetzigen Wahlkampf. Selbst in einem Passionsfestspielort! Und das als rheinischer Katholik, dessen Definition Bosbach auch gleich mitlieferte: "Unten so leben, dass man oben gerade noch reinkommt."

Die 200 Gäste im Gewölbe waren begeistert! Bosbach "zog" schon vorher. Das hatte CDU-Bundestagskandidat Alexander Föhr bereits bei den Anmeldungen gemerkt. Ruckzuck waren alle Plätze reserviert. Bosbach appellierte an den Patriotismus und rief dazu auf, CDU zu wählen. Seinen Parteifreunden legte er ans Herz, auf die Straße zu gehen und für den Wahlsieg im September auch Kugelschreiber zu verschenken: "Die Leute warten darauf."

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung