07.08.2021

Sebastian Cuny lud Bürger aus dem Wahlkreis nach Stuttgart ein

Sebastian Cuny lud Bürger aus dem Wahlkreis nach Stuttgart ein

Sebastian Cuny begrüßt die Gäste auf dem Stuttgarter Schlossplatz vor dem Landtag. Foto: Dorn
17 Teilnehmer erlebten, was den SPD-Landtagsabgeordneten bisher im Job aufregt und was ihn ergriffen hat.

Von Micha Hörnle

Bergstraße-Neckar. In Vor-Corona-Zeiten waren Abgeordnetenfahrten das Normalste der Welt. Das hat sich geändert, es hat schon etwas Aufregendes, mit 16 anderen in einem Bus zu sitzen. Auch für den Landtagsabgeordneten Sebastian Cuny sind Besucher in Stuttgart etwas Neues, zum ersten Mal organisierte er eine Landtagsfahrt für Bürger aus dem Wahlkreis. Die war kurzfristig zustande gekommen, denn erst zwei Wochen vorher wurde Cuny vom Landtag ein kleines Kontingent zugeteilt.

> Die "Truppe": Die 17 Teilnehmer kamen aus allen Ecken des Wahlkreises, am stärksten war Cunys Heimatstadt Schriesheim vertreten, hier sogar mit zwei Stadträten Liselore Breitenreicher (Bürgergemeinschaft) – als einzige kein SPD-Mitglied – und Rainer Dellbrügge. Vielleicht war es nur Zufall, dass niemand aus Ladenburg (Heimat von Cunys Vorgänger Gerhard Kleinböck) oder Weinheim (da kommt Cunys Mitbewerber André De Sá Pereira her) mitgefahren ist. Dafür war aber Vanessa Bausch aus Laudenbach dabei, die zwar De Sá Pereiras Zweitkandidatin war, aber sich in Cunys Wahlkampf engagierte. Alte Konflikte waren kein Thema (mehr), die Reise im Bus – durchgängig mit Maske – hatte etwas von einer Klassenfahrt.

> Die Ankunft: Nach ziemlich genau zwei Stunden im Bus war das erste Ziel der Landtag, vielmehr dessen Kantine. Hier stieß dann auch Cuny zu seiner Gruppe, allerdings zog Ministerpräsident Winfried Kretschmann alle Blicke auf sich, als er an der Panoramascheibe vorbei über die Wiese ging. Würde er vielleicht seinen Weg in die Kantine finden? Breitenreicher wusste, was sie zu tun hätte: "Wenn er reinkommt, frage ich ihn, ob er die Sache mit dem Spielplatz in Altenbach regelt!" Großes Rätselraten: Wer ist die Frau im gelben Kleid neben dem "MP"? Die ehemalige Finanzministerin Edith Sitzmann? Stuttgart ist doch für Bergsträßer manchmal arg weit weg – für einige wie Bausch war es sogar ihr allererstes Mal in der Landeshauptstadt. Später auf dem Schlossplatz deutete Cuny auf sein Abgeordnetenbüro im sogenannten Königin-Olga-Bau, einer ehemaligen Bankfiliale aus den frühen fünfziger Jahren. Dieses Haus wirkte um einiges heimeliger als das eigentliche Haus der Abgeordneten, das auf der anderen Seite der B 14 liegt, die eine breite Schneise durchs Zentrum schlägt.

> Das Museum: Keine Klassenfahrt ohne Unterricht – und der fand im "Haus der Geschichte Baden-Württembergs" auf der anderen Seite der B 14 statt. Das ist wörtlich zu nehmen, denn der ehemalige Lehrer für Geschichte, Gemeinschaftskunde und Französisch, Manfred Kaut, führte durch die Dauerausstellung – manchmal sanft belehrend, manchmal streng abfragend, Kaut macht das auch schon 15 Jahre. Kauts Parforceritt durch die Landesgeschichte begann mit Napoleon, der bekanntlich an allem schuld ist, in diesem Fall daran, dass es Baden und Württemberg überhaupt gibt. Kaut ist zwar Schwabe, aber er hat ein Herz für Baden ("das war meistens fortschrittlicher") und eines für die SPD: Er stoppte an der Schautafel, die an den Mannheimer Landtagsabgeordneten Ludwig Frank (1874-1914) erinnert: "Jude, Sozialdemokrat und Kriegsfreiwilliger – und für mich einer der historischen Gründe, SPD zu wählen." Nach einer Stunde verabschiedete er sich: "Sie müssen mal wiederkommen!"

> Im Landtag: Das quadratische Gebäude von 1961 hat einen nüchternen Charme, seit der Renovierung 2016 wirkt es zumindest im Inneren freundlicher. Die Hauptattraktion sind das "Stuttgarter Schaufenster", die Riesenscheibe mit Blick auf den Schlossplatz, und der Plenarsaal, in den seit der Sanierung Tageslicht fällt. Bei Sitzungen herrscht Anwesenheitspflicht – wenn auch nicht im Plenum –, 40 Euro kostet jeder Fehltag. Dass das Parlament oft so leer ist, hat einen Grund: Die Abgeordneten haben alles Wesentliche vorher in den Ausschüssen besprochen: "Der Landtag ist ein Arbeits-, kein Redeparlament", wusste Aaron Deppisch vom Besucherdienst. Die heimlichen Helden im Landtag sind die sechs Stenografen, die 400 Silben pro Minute packen, aber alle zehn Minuten abgelöst werden. Eine automatische Spracherfassung gibt es nicht – das liegt vor allem an den Dialekten des Landes, vor denen selbst modernste Technik kapituliert.

> Cuny im Gespräch: Ganz authentisch und nahbar wirkte der 42-Jährige, wenn er von seinen ersten 100 Tagen als Abgeordneter erzählte. Das sei im Prinzip wie eine Existenzgründung, so mit Büro- und Mitarbeiter-Suche. "Ich habe mein Hobby zum Beruf gemacht: Sitzungen, mit Verbänden und Kollegen sprechen – und dann komme ich abends heim und denke, ich hätte nichts geschafft." Hat er doch, denn Cuny hat es sich zur Aufgabe gemacht, Anliegen aus dem Wahlkreis aufzunehmen. Da gäbe es was aus Hemsbach – und nicht nur dort.

Denn wie Antje Löffel berichtete, gab es just am Abend vor der Landtagsfahrt eine lange Debatte um Luftreiniger im Gemeinderat: "Wir fühlen uns so alleingelassen", seufzte Löffel. Es seien ja nicht nur die Kosten – bis zu 6000 Euro pro Gerät (allein die vier Hemsbacher Schulen bräuchten 90 Stück) und bis zu 1000 Euro Wartungskosten im Jahr. Sondern auch praktische Fragen, ob bei den lauten Luftreinigern noch Unterricht möglich sei. Cuny versteht die Ratlosigkeit in den Kommunen, weiß aber auch, dass die Landesregierung für diese Geräte ist, auch wenn die Förderrichtlinien noch nicht vorliegen. Er meinte: "Die Luftfilter allein werden nicht den Präsenzunterricht ermöglichen." Da wären mobile Impfteams an den Schulen mindestens genauso wichtig.

Und was hat Cuny bisher am meisten aufgeregt? Dass der AfD-Kandidat Bert Matthias Gärtner ein paar Tage zuvor vom Landtag in den Verfassungsgerichtshof gewählt wurde: "Da können wir Demokraten nicht sagen: Okay, das ist halt mal passiert. Wehret den Anfängen!"Aber es gab auch die schönen, emotionalem Momente: zum Beispiel als Cuny zum ersten Mal auf dem Heidelberger Bahnhof stand, um nach Stuttgart zu fahren; oder als sein Mann und Sohn Cunys erste Rede im Internet verfolgten. Ansonsten ist Cunys Plan nicht ganz aufgegangen, möglichst nicht in Stuttgart zu übernachten, die Landeshauptstadt lässt einen so schnell nicht los – es sei denn, Cuny muss in den Schriesheimer Gemeinderat. Da kennt er nichts.

> Die Reaktionen: "Das waren spannende Eindrücke, ich war noch nie in Stuttgart. Im Haus der Geschichte hatten wir zu wenig Zeit. Wir sollten mal mit dem Ortsverein hinfahren", sagte Vanessa Bausch aus Laudenbach. Rainer Dellbrügge beeindruckte, "wie sehr sich Cuny nach 100 Tagen schon auskennt". Rainer Dick (Laudenbach) sah es ähnlich: "Das bestätigt, dass Cuny eine gute Wahl war." Für Simon Kleinhanß (Dossenheim) war es schön, Cuny mal wiedergesehen zu haben – das erste Mal nach dem Wahlabend. Er war "positiv überrascht, wie viele junge Leute mitgefahren sind".

Yannick Brodersen (Schriesheim) fand am interessantesten, wenn Cuny von sich erzählte. Der Höhepunkt für Liselore Breitenreicher (Schriesheim): "Kretschmann von hinten!" Was Cuny vom Landtag erzählte, erinnerte sie "an unseren Gemeinderat". Sonst war der Tag kurzweilig, allein wegen der Museen würde sie wieder nach Stuttgart fahren. Und was meinte Cuny? "Das war sehr schön, diese Runde aus vertrauten Gesichtern, die meinen Weg und Wahlkampf begleitet haben."

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Im Vorbeigehen gesehen: Ministerpräsident Winfried Kretschmann. Foto: Dorn

Autor: Rhein-Neckar-Zeitung