10.08.2021

Albrecht Ehrke ist seit 20 Jahren Schatzmeister beim KSV

Ein Gespräch über Bundesliga und über die Probleme der Vereine.

Von Micha Hörnle

Schriesheim. Albrecht Ehrke führt seit 20 Jahren die Kasse beim Kraftsportverein (KSV). Deswegen wurde der 64-Jährige, der mit 16 Jahren dem KSV als Ringer beitrat, bei der letzten Mitgliederversammlung geehrt: Er bekam die Goldene Verdienstnadel. Ehrke, der in Dossenheim wohnt, ist Lehrer für Mathematik und Sport, zunächst 27 Jahre am Heinrich-Sigmund-Gymnasium, seit 2012 am Kurpfalz-Gymnasium in Mannheim.

Die RNZ wollte von ihm wissen, wieso jemand 20 Jahre Schatzmeister ist – und wie er heute auf die manchmal turbulenten Zeiten beim KSV blickt. Und daraus wurde auch ein Gespräch darüber, mit welchen Schwierigkeiten heute Vereine im Allgemeinen zu kämpfen haben – und zwar schon lange vor der Pandemie.

Herr Ehrke, wieso tut man 20 Jahre lang sich ein Amt an, das neben dem des Schriftführers zu den unbeliebtesten eines Vereins zählt?
Weil es Spaß macht. Der Verein hat mir so viel gegeben, da muss man auch etwas zurückgeben. Die Arbeit im Vorstand war immer gut – und es macht Freude, einen Haushalt aufzustellen, zu schauen, ob er ausgeht, und dass es im Verein gut läuft.

Wie arbeitsintensiv ist Ihr Amt?
Ich führe darüber kein Buch. Es gibt Stoßzeiten zum Jahresende, für den Abschluss. Die letzte Woche habe ich einen halben Tag für den KSV gearbeitet, aber das ist nicht die Regel.

Wie kamen Sie eigentlich zum KSV?
Das war vor 48 Jahren. Ich habe als Ringer angefangen, mit 16. Ziemlich spät für einen Ringer.

Waren Sie denn ein guter Ringer?
Nein, ich habe es nur einmal zum vierten nordbadischen Meister geschafft. Danach war ich 25 Jahre lang Trainer.

In Schriesheim und der Region ist der KSV gleichbedeutend mit Ringen, oder?
Ja, das war lange so. Aber das hat sich mit der Zeit geändert, wir sind jetzt viel breiter aufgestellt.

Wie kamen Sie 2001 in das Amt des Schatzmeisters?
Ich hatte schon ein bisschen vorher die Buchführung gemacht. Damals hörte dann der Schatzmeister auf, und der Vorstand suchte händeringend einen Nachfolger. Dann warb man mich mit den Worten: "Das Bisschen wirst Du auch hinkriegen."

Muss man für dieses Amt ein Mann der Zahlen sein?
Ich habe ja Mathematik studiert – auch wenn das eine mit dem anderen nichts zu tun hat.

Was ist denn dann die Faszination dieses Amtes?
Ganz einfach: Ich bin in dieses Amt gewählt und will es ausfüllen. Das geht jedem im Vorstand so – nur dass ich es bisher am längsten ausgehalten habe (lacht).

Immerhin scheint die Chemie im Vorstand ja zu stimmen …
Ja, die meisten haben ja auch gerungen wie ich. Herbert Graf hat mich sogar in den Verein gebracht – mit ihm bin ich schon zur Schule gegangen.

Wie war denn die finanzielle Situation 2001 beim KSV, als sie anfingen?
Der KSV stand kurz vor seinem 100. Jubiläum. Dem Verein ging es gut, es gab keine größeren Probleme.

Das sollte sich zehn Jahre später ändern. Nahm es Sie als Ringer oder als Schatzmeister mit, dass das "Abenteuer Erste Bundesliga" so ausging?
Ja, man spürt schon eine große Verantwortung, wenn man in einem Jahr 30.000 Euro Verlust erklären muss. Und dann muss man sich den Mitgliedern stellen, was da passiert ist. Denn das lag auch in meiner Verantwortung, diese Entscheidung mitzutreffen.

Der Abstieg wurde von vielen als Katastrophe, auch als eine finanzielle, empfunden. Ist "Katastrophe" ein zu starkes Wort?
Ja. Denn wenn es eine Möglichkeit gibt, in der Ersten Bundesliga zu ringen, dann muss man das machen. Diese einmalige Chance kann man nicht ungenutzt lassen. Das finanzielle Hauptproblem damals waren allerdings Mindereinnahmen in den anderen Sparten, die mit dem Ringen nichts zu tun hatten. 2013 eröffnete "Pfitzenmeier" sein neues Studio, und unsere Mitglieder wanderten teilweise dorthin ab. Dieses finanzielle Loch brachte die Ringer-Bundesliga zum Scheitern. Und auch die damalige Mannschaft war nicht stark genug, sich dauerhaft dort zu etablieren.

Bedauern Sie den Abstieg?
Ich bin immer noch Ringer, und für viele Mitglieder steht diese Sportart nach wie vor im Vordergrund. Aber Ringen ist heute nicht mehr so bedeutend wie früher, dabei ist es ein so toller Sport. Vielleicht gibt es ja jetzt wieder nach dem olympischen Gold für Alina Rotter-Focken oder den beiden Bronzemedaillen für Frank Stäbler und Denis Kudla wieder mehr Auftrieb. Die Frage für einen Verein wie den KSV ist ja, wie hoch man ringt. Und für uns war die Bundesliga finanziell nicht zu stemmen.

Damals gab es viele Debatten, und die Versammlungen waren nicht so harmonisch. Heute ist es fast langweilig…
Ja, früher gab es oft richtige Kampfabstimmungen für die Posten. Heute ist das anders: Da kann man froh sein, wenn man die Ämter alle noch besetzen kann.

Was ist Ihnen lieber?
Ein bisschen mehr Leben im Verein wäre nicht schlecht. Konflikte können durchaus bei der Entwicklung des Vereins helfen, denn neue Ideen sind nie verkehrt. Wenn es so ruhig bleibt wie jetzt, sehen viele oft nicht die Notwendigkeit, etwas zu verändern. Bis auf wenige Ausnahmen besteht die heutige Vorstandschaft seit mehr als zehn Jahren, da droht schon die Gefahr, dass man zu sehr eingefahren ist.

Wie ist denn im Moment die finanzielle Situation beim KSV?
Wir haben ein knappes Minus, das aber durch staatliche Hilfen sehr abgefedert wurde. Das letzte Jahr hat also noch einmal hingehauen, und in diesem Jahr wird es wohl so ähnlich sein. Die Zukunft wird aber schwieriger werden, wenn wir wieder mehr auf eigene Einnahmen angewiesen sind. Ich sehe dann eher Probleme auf unserer Beitragsseite.

Auch dem KSV fehlen ja die Mitglieder…
Ja, wir haben acht Prozent weniger, aber das liegt vor allem an der Fluktuation im Studio. Andererseits haben wir ein Kinder- und Jugendprogramm in die Wege geleitet, das nun erste Früchte trägt. Auf diesem Feld müssen wir unbedingt mehr machen.

Sie haben die Fluktuation im Studio "Medaktiv" angesprochen: Sind die Vereine für viele Mitglieder heutzutage nur noch ein Dienstleister – und immer weniger Heimat?
Ja, eindeutig, vor allem im Studio. Ich fürchte, diese Entwicklung ist auch nicht mehr umzudrehen. Das sieht man auch, wenn es an die Besetzung der Vorstandsposten geht: Gerade Jüngeren ist das zu zeitaufwändig, man bindet sich ungern. Deswegen sind die meisten im Vorstand auch über 50. Wie ich.

Wie lange wollen Sie das noch machen?
Ich habe keine Deadline.

Sie managen eigentlich keinen Verein, sondern ein mittelständisches Unternehmen. Macht Ihnen das schlaflose Nächte?
Glücklicherweise nicht. Aber manches geht schon heim mit mir. Es ist ja nicht so, dass ich einen Schalter umlege, wenn ich aus dem KSV-Büro gehe.

Ist denn die heutige ehrenamtliche Struktur für die "Firma KSV" noch die angemessene Organisationsform? Wäre es nicht Zeit, dass bezahlte Profis das übernehmen?
Schon heute erledigt ein Steuerberater unsere Lohnabrechnung und den Jahresabschluss. Insofern sind wir jetzt an der Grenze von dem, was Ehrenamtliche leisten können. Aber nur bezahlte Experten zu beschäftigen, das wäre ein finanzielles Problem – zumindest für einen Verein von unserer Größe und von unserer Struktur.

Aber es gibt auch im Moment konkrete Baustellen, wie das undichte Hallendach. Was sagen Sie als Schatzmeister dazu?
Da muss man etwas machen, ganz klar. Im letzten Jahr wollten wir dafür Rücklagen bilden, aber das ging nicht wegen der Corona-Hilfen. Im Moment können wir also nur weiter flicken, denn wollte man das Dach komplett machen, dann reichen keine 100.000 Euro. Insofern gibt es momentan noch keine Lösung.

Sie sind immer die Ruhe selbst. Wie schaffen Sie das?
Ich bin generell ziemlich ausgeglichen.

Aber man hat Sie auch schon ganz anders erlebt…
Ja, klar. So ist das, wenn unterschiedliche Meinungen aufeinanderprallen. Da kämpfe ich dann schon für meine Position.

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Autor: Rhein-Neckar-Zeitung